POLITIK

Kinder- und Jugendrehabilitation: Sinkende Antragszahlen

Dtsch Arztebl 2017; 114(45): A-2082 / B-1755 / C-1713

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen ist psychisch auffällig, 16 Prozent leiden an Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma. Doch nur ein Bruchteil der Betroffenen nimmt Rehaleistungen in Anspruch.

Foto: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt
Foto: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt

Die Krankheiten von Kindern und Jugendlichen wandeln sich. Das Robert-Koch-Institut beobachtet in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung von akuten zu chronischen Krankheiten und von somatischen Beschwerden zu psychischen Störungen. In einer Langzeitstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren psychisch auffällig ist. 16 Prozent leiden an Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma. Zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen gesellen sich häufig Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen und Schwierigkeiten in der Schule.

Nach Ansicht von Fachleuten könnten die fast zwei Millionen Betroffenen von einer Rehabilitation profitieren. Aber nur 50 000 Kinder würden jährlich in einer der rund 60 Rehakliniken für Kinder und Jugendliche behandelt, stellt das Bündnis für Kinder- und Jugendreha fest, in dem sich diese Einrichtungen zusammengeschlossen haben. Von den gut eine Million Rehaleistungen, die die Deutsche Rentenversicherung (DRV) 2016 durchführte, kamen nur drei Prozent Kindern und Jugendlichen zugute. Kosten: 175 Millionen Euro.

Frühzeitig Weichen stellen

„Durch die Rehabilitation soll solchen chronischen Krankheiten und gesundheitlichen Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen entgegengewirkt werden, die – vorausschauend betrachtet – zu einer Einschränkung der Erwerbsfähigkeit führen können“, sagt Dr. med. Susanne Weinbrenner, Leiterin des Geschäftsbereichs Sozialmedizin und Rehabilitation der DRV, auf Anfrage. Es sei wichtig, frühzeitig die Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen wiederherzustellen oder zu verbessern und damit deren Teilhabe an Schule, Ausbildung und am späteren Erwerbsleben zu sichern. Die DRV – neben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung Träger der Rehaleistungen für Kinder und Jugendliche – könne hier einen bedeutenden Beitrag leisten.

Weinbrenner bedauert es deshalb, dass die Zahl der Anträge auf Rehaleistungen seit Jahren rückläufig ist. Zwischen 2007 und 2016 sank sie von 85 166 auf 53 779, ein Minus von fast 37 Prozent. Die Gründe dafür seien vielfältig, meint Weinbrenner. Zum einen bilde sich hier die demografische Entwicklung ab. Zum anderen spielten aber auch die Sorge um Schulzeitverlust, gefolgt von Bagatellisierung, geringem Leidensdruck und dem Nichterkennen möglicher Spätfolgen eine Rolle. Dazu komme die eher kritische Haltung niedergelassener Ärzte zur Rehabilitation. Viele Haus- und Kinderärzte behandelten chronisch kranke Kinder und Jugendliche ausschließlich selbst. Außerdem hätten sich bei Erkrankungen wie Asthma die Möglichkeiten der ambulanten Versorgung verbessert. Am entsprechenden Disease-Management-Programm könnten schon Kinder ab fünf Jahre teilnehmen.

Politischen Rückenwind erhielt die Kinder- und Jugendlichenrehabilitation im vergangenen Jahr mit dem sogenannten Flexirentengesetz. War diese bis dahin auf stationäre Leistungen begrenzt, können Betroffene jetzt auch ambulante und Nachsorgeleistungen in Anspruch nehmen. Weinbrenner hält das für einen großen Fortschritt: Im ambulanten Setting könne das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen stärker einbezogen werden. Und die Möglichkeit der Nachsorge helfe, den Rehaerfolg nachhaltig zu sichern.

Dieser hängt der Ärztin zufolge wesentlich von der Motivation der Kinder und Jugendlichen ab. Je nach Alter der Kinder müssten auch deren Bezugspersonen in den Rehabilitationsprozess einbezogen werden. Eine wichtige Rolle spiele zudem die Qualität der Rehaleistungen. Die DRV finanziere nur solche Einrichtungen, die bestimmte Qualitätsstandards einhielten und besondere personelle, apparative und räumliche Voraussetzungen erfüllten. Die häufigsten Diagnosen in diesen Kliniken waren der jüngsten DRV-Statistik zufolge psychische und Verhaltensstörungen (24 Prozent), Adipositas (19,3 Prozent) und Asthma (17,2 Prozent).

Heike Korzilius

5 Fragen an Susanne
Weinbrenner unter
www.aerzteblatt.de/n83278
oder über QR-Code.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige