ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2017Berühmte Entdecker von Krankheiten: James Parkinson, Reformer und Rebell

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: James Parkinson, Reformer und Rebell

Dtsch Arztebl 2017; 114(45): [52]

Schuchart, Sabine

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Vor genau 200 Jahren beschrieb der Londoner Arzt sehr exakt Symptome und Verlauf einer degenerativen Bewegungsstörung, die er „Shaking Palsy“ beziehungs- weise „Schüttellähmung“ nannte. Seit 1876 trägt die Krankheit seinen Namen.

So kurz das Werk auch ist, es enthält doch eine Anzahl außerordentlicher Ideen . . . Lesen Sie das Buch und es wird Ihnen Befriedigung verschaffen und Wissen vermitteln.“ Fünf Jahrzehnte, nachdem James Parkinson 1817 seine Studie „An Essay on the Shaking Palsy“ publiziert hatte, wies der berühmte Pariser Psychiater Jean-Martin Charcot in seinen Vorlesungen eindringlich auf die 66-seitige Arbeit hin. Darin hatte Parkinson als Erster darauf aufmerksam gemacht, dass Tremor und Bewegungsstörungen zu ein und demselben neurologischen Krankheitsbild gehören – eine Erkenntnis, die vorher unbekannt und umso beeindruckender war, als er seine Beobachtungen nur auf sechs Fälle, darunter drei eigene Patienten, stützen konnte. Dass sich Charcot rund 40 Jahre nach Parkinsons Tod für dessen Erkenntnisse interessierte, hatte einen Anlass: die erste Obduktion eines Patienten mit Schüttellähmung 1860 durch den Wiener Internisten von Oppolzer. Seitdem beschäftigte sich Charcot intensiv mit der vielgestaltigen Krankheit, mit der er als Chefarzt der Nervenklinik Salpêtrière oft konfrontiert war. Die Bezeichnung Schüttellähmung hielt er jedoch für unzutreffend. In einer Vorlesung 1876 schlug er stattdessen „Morbus Parkinson“ vor, den heute weltweit üblichen Namen.

Was Parkinson, der in einem Armenviertel im Norden Londons eine florierende chirurgische Praxis unterhielt, zu der Würdigung gesagt hätte, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Vielleicht hätte der bärbeißige Arzt geschmunzelt, war er doch in seinem Leben trotz zahlreicher medizinischer Schriften vor allem durch seine unkonventionellen paläontologischen Thesen, sein Engagement für die Armen und seine radikalen politischen Ansichten aufgefallen und angeeckt. 1755 als ältestes von drei Kindern des Apothekers und Arztes John Parkinson geboren, absolvierte er nach Studien in Latein, Griechisch und Naturphilosophie seine Medizinausbildung in der Praxis des Vaters und ab 1776 am London Hospital. 1784 erhielt er das Diplom der Company of Surgeons, dem heutigen Royal College of Surgeons. Kurz zuvor war der Vater gestorben, der lebenslang in seinem Viertel verwurzelte Sohn übernahm die Praxis am Hoxton Square. In der nahe gelegenen Kirche St. Leonard’s, in der er getauft worden war, fanden auch seine Heirat, die Taufen seiner sechs Kinder und 1824 seine Beerdigung statt.

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Doch so räumlich begrenzt sein Leben verlief, so breit gefächert waren seine Aktivitäten. Als sozialer und politischer Reformer sowie – unter dem Pseudonym Old Hubert – Verfasser antiroyalistischer Schriften war er angeklagt, an dem Komplott zur Ermordung von König George III. beteiligt zu sein, wurde aber freigesprochen. 1807 gründete er mit zwölf Gleichgesinnten die bis heute bestehende „Geological Society of London“, die älteste geologische Organisation der Welt. Er legte eine Fossiliensammlung an, die ihn berühmt machte, und verfasste ein geologisches Standardwerk. Zum allgemeinen Befremden vertrat er öffentlich die Ansicht, vor Jahrtausenden seien gigantische Reptilien durch London gestreift, auch wenn ihm Freunde rieten, über solche Dinge besser zu schweigen, um seine Praxis nicht in Verruf zu bringen. Unter seinen medizinischen Veröffentlichungen befinden sich ein 500-seitiger Gesundheitsratgeber, der erste englische Bericht über die Appendizitis als Todesursache sowie Bücher zu Unfallgefahren und Missbrauch von Kindern. Doch sein berühmtestes Werk sollte sein Text zur Schüttellähmung bleiben, dessen akkurate klinische Beobachtungen bis heute die Basis der Parkinson-Diagnostik bilden. Natürlich hat sich das Krankheitsverständnis seitdem entscheidend weiterentwickelt. Weder Parkinson noch Charcot konnten ahnen, dass der Untergang dopaminerger Zellen in der Substantia nigra des Hirnstamms eine Schlüsselrolle spielt. Aber die eigentliche Ursache der Erkrankung kennen wir auch 200 Jahre nach Parkinsons Entdeckung nicht. Sabine Schuchart

1817 erkannte Dr. James Parkinson (1755–1824), dass die bis dahin diversen Leiden zugeordneten Beschwerden wie Zittern, Muskelschwäche, Hypokinese und gehäufte Stürze den typischen Komplex einer neuen Krankheit darstellten. Sein Verdienst war es, in seinem „Essay on the Shaking Palsy“ bereits auf die nichtmotorischen Symptome wie Insomnie oder Inkontinenz, die lange Promodalphase und den individuell sehr unterschiedlichen Verlauf hingewiesen zu haben. Sorgfältig grenzte er seine Beobachtungen von anderen Erkrankungen ab und räumte offen ein, angesichts zu geringer Fallzahlen und fehlender anatomischer Daten die Ursache nicht zu verstehen. Dass es sich um eine Degeneration des Gehirns und nicht der Muskeln handelte, war für den großen Mediziner indes offensichtlich. Ihm zu Ehren wird der 11. April, sein Geburtstag, heute weltweit als Parkinson-Tag begangen. Parkinson gehört zu den wenigen berühmten Ärzten, von denen kein Porträt überliefert ist.

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