POLITIK

Kinder- und Jugendrehabilitation: „Wir retten nicht Leben, sondern Lebensläufe“

Dtsch Arztebl 2017; 114(45): A-2084 / B-1756 / C-1714

Korzilius, Heike

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In den 1970er-Jahren kamen überwiegend atemwegserkrankte Kinder aus dem Ruhrgebiet zur Rehabilitation in die Edelsteinklinik im Hunsrück. Heute gehören psychosomatische Erkrankungen und Essstörungen zu den häufigsten Indikationen.

„Das Sanatorium da oben im Wald“: Die Edelsteinklinik in Bruchweiler trägt ihren Namen aufgrund der Nähe zur ehemaligen Edelsteinstadt Idar-Oberstein. Turnhalle, Gemeinschafts- und Fitnessräume sind modern ausgestattet. Die Kinder und Jugendlichen wohnen in Zwei- bis Dreibettzimmern zusammen. Fotos: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt
„Das Sanatorium da oben im Wald“: Die Edelsteinklinik in Bruchweiler trägt ihren Namen aufgrund der Nähe zur ehemaligen Edelsteinstadt Idar-Oberstein. Turnhalle, Gemeinschafts- und Fitnessräume sind modern ausgestattet. Die Kinder und Jugendlichen wohnen in Zwei- bis Dreibettzimmern zusammen. Fotos: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt

Aus der Turnhalle dringt Wettkampfgeschrei. Zehn Teenager jagen mit Schlägern hinter einem Basketball her und versuchen das Tor zu treffen. Ein paar Türen weiter strampeln sich Jugendliche zu lauter Musik auf hochmodernen Ergometern ab. Andere sitzen derweil im zweiten Stock des weitläufigen Gebäudekomplexes und büffeln Ernährungslehre. Alltag in der Edelsteinklinik in Bruchweiler. Der Weg in das 500-Seelen-Dorf führt durch dichten Wald. Die Fachklinik für Kinder- und Jugendrehabilitation liegt etwas abseits auf einer Anhöhe mit weitem Blick über den Hunsrück. „Das Sanatorium da oben“, nennen die Einheimischen die Einrichtung, die 1970 als Lungenheilstätte für Kinder gegründet wurde.

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„Die Zeiten haben sich gewandelt“, sagt Klinikleiterin Dr. med. Edith Waldeck an einem verregneten Augusttag im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Lungenerkrankungen spielten in der Kinder-Reha mittlerweile eine untergeordnete Rolle. Heute zählten Adipositas, Asthma und Neurodermitis zu den Hauptindikationen, die in den bundesweit circa 65 Rehaeinrichtungen für Kinder und Jugendliche behandelt würden. Deutlich zugenommen habe auch die Zahl der Kinder, die an psychosomatischen Störungen litten. Insgesamt stehen an der Edelsteinklinik 150 Behandlungsplätze für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen zur Verfügung.

Emily (15), Antonia (14) und Fabian (14) sind seit zwei Wochen in Bruchweiler. Emily, schmal, das lange rötliche Haar in der Mitte gescheitelt, wirkt ernst und zurückhaltend. Es sei ihr schwergefallen, sich an die Abgeschiedenheit fern von zu Hause zu gewöhnen, sagt sie. Der Kinderarzt hat die Reha empfohlen, weil sie unter psychosomatischen Beschwerden leidet. Ihr gefällt, dass sie in der Klinik viel Sport treiben kann – Spiele, Fitnesstraining, Schwimmen. „Ich habe vorher nie so intensiv Sport gemacht“, sagt Emily und fügt hinzu: „Ich finde schön, dass wir so viel gemeinsam machen. Das lenkt von den Problemen ab.“

Die Gruppe gibt auch Antonia Halt. Das lange dunkle Haar hat sie zum Pferdeschwanz gebunden. Sie ist groß und wirkt mit ihrem runden Gesicht älter als sie ist. Antonia ist zum Abnehmen hier. Auch sie treibt in der Klinik viel Sport. Dazu kommen Ernährungslehre und -beratung. „Ich finde das eigentlich recht spannend und hilfreich, gar nicht langweilig oder wie Schule“, sagt die 14-Jährige. „Mir hat der Unterricht dabei geholfen, meine Ernährung umzustellen.“ Und wie wird es zu Hause mit dem Essen weitergehen? „Ich habe jetzt ein Ziel vor Augen. Und wenn ich abgenommen habe, werde ich zu Hause nicht wieder in alte Gewohnheiten zurückwollen“, meint sie zuversichtlich. Selbstwirksamkeit, nennt das Antonias Ernährungscoach.

Fabian wirkt neben Antonia fast kindlich. Er leidet unter Asthma. Der Rehaaufenthalt war die Idee des Kinderarztes und der Eltern. „Ich war davon nicht wirklich überzeugt, weil es bei uns genau in die Ferien fällt“, sagt der zurückhaltend wirkende Junge. „Aber eigentlich hilft mir der Aufenthalt sehr. Hier lerne ich, wie ich das Asthma mehr in den Griff bekomme.“

Nicht alle jungen Patienten können der Reha so viel Positives abgewinnen wie Emily, Antonia und Fabian. Manche Kinder, die zu Hause Außenseiter seien oder gemobbt würden, litten in der Rehagruppe unter derselben Situation, meint Klinikleiterin Waldeck. Mit dem Unterschied, dass sie in der Klinik von Fachleuten begleitet würden und sich Ansätze erarbeiten könnten, wie sie solche Phasen durchstehen. „Manche halten das nicht aus“, sagt Waldeck. Andere legten eine „Null-Bock-Haltung“ an den Tag, die man manchmal nicht durchbrechen könne. Dazu komme, dass Eltern zuweilen die Konfrontation mit den Kindern scheuten. „Sie setzen keine Grenzen, reden den Kindern nicht ins Gewissen, sondern überlassen die Erziehungsarbeit den Mitarbeitern der Klinik“, kritisiert Waldeck.

Finanziert werden die Rehaleistungen für die Kinder und Jugendlichen an der Edelsteinklinik von der Deutschen Rentenversicherung, die zugleich deren Träger ist. „Unser Hauptauftrag ist, die Kinder mit chronischen Erkrankungen fit für das Erwerbsleben zu machen, und zwar für den ersten Arbeitsmarkt“, erläutert Waldeck das Engagement der Rentenversicherung. „Wir retten nicht Leben, sondern Lebensläufe“, zitiert sie einen Kollegen.

In der Regel verbringen die jungen Patienten sechs Wochen in der Edelsteinklinik. Dabei soll die Reha so etwas wie eine

„Die Kinder erfahren in den sechs Wochen hier enorm viel an Selbstwert. Das verändert sie. Und auch in den Familien wächst das Wissen.“ Edith Waldeck, Chefärztin
„Die Kinder erfahren in den sechs Wochen hier enorm viel an Selbstwert. Das verändert sie. Und auch in den Familien wächst das Wissen.“ Edith Waldeck, Chefärztin
n „idealisierten Alltag“ schaffen, wie Waldeck ausführt. Die Kinder und Jugendlichen leben mit Gleichaltrigen in festen Gruppen zusammen. Zumeist teilen sich zwei Kinder eines der hellen und freundlichen Zimmer. „Sie stehen morgens zusammen auf, frühstücken zusammen, gehen zusammen in die Schule und zu ihren Behandlungen. Sie leben quasi in einer Wohn- und Therapiegemeinschaft“, sagt Waldeck. „Die Kinder-Reha lebt vom Gruppengeschehen. Die Gruppe gibt Halt, motiviert, treibt an und korrigiert eingefahrene Verhaltensmuster.“

Betreut werden die Patienten von einem interdisziplinären Team, dem unter anderem Ärzte, Sport- und Physiotherapeuten, Pädagogen, Psychologen und Ernährungstherapeuten angehören. „Jedes Kind erhält bei der Ankunft einen Basistherapieplan“, sagt Joachim Klein. Der Physiotherapeut leitet die Abteilung für Bewegungstherapie. „Sport ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Reha, gerade auch für Kinder, die an psychosomatischen Störungen leiden“, meint Klein. Ziel sei es, die Kinder so an den Sport heranzuführen, dass sie ihn auch zu Hause weiter treiben. „Das soll Spaß machen“, sagt der Physiotherapeut, der beim Rundgang sichtlich stolz die sportlichen Einrichtungen der Klinik zeigt. Eine wichtige Rolle im Bewegungsplan spielt auch die Natur ringsumher. Vor allem die kleinen Kinder verbringen viel Zeit im Wald, wo sie aus Steinen, Ästen oder kleinen Baumstämmen Sofas, Türme oder Kugelbahnen bauen. „Man sieht den Kindern an, wie viel Spaß es ihnen macht, durch den Wald zu rennen. Mir selbst im Übrigen auch“, sagt Klein. Solche erlebnispädagogischen Prozesse trügen außerdem entscheidend dazu bei, Kinder in die Therapiegruppen zu integrieren und soziale Kompetenz zu fördern.

Die Edelsteinklink ist das ganze Jahr über belegt. Damit die Kinder in der Schule nicht den Anschluss verpassen, erhalten sie Unterricht in den Hauptfächern. Auch wichtige Arbeiten können vor Ort geschrieben werden. Die Sorge vieler Eltern, das der Rehaaufenthalt die schulischen Leistungen beeinträchtigen könnte, teilt Chefärztin Waldeck nur bedingt. „Viele Patienten können sich der Schule gar nicht richtig widmen, solange sie ihre eigenen Probleme nicht in den Griff bekommen.“

Sechs Wochen Auszeit am Ende der Welt. Wie nachhaltig wirkt eine Reha, wenn die Kinder und Jugendlichen wieder in ihr altes Umfeld zurückkehren? „Dazu haben wir keine systematischen Untersuchungen“, räumt Waldeck ein. Deshalb ist es ihr wichtig, dass nach dem Flexirentengesetz von 2016 die wohnortnahe Nachsorge Teil der Rehaleistungen ist. „So kann man die Kinder auffangen“, meint Waldeck. „Außerdem erfahren die Kinder in den sechs Wochen hier enorm viel an Selbstwert. Das verändert sie. Und auch in den Familien wächst das Wissen.“

Heike Korzilius

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