ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2017Psychotherapie: Zweifel und Erkenntnis

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Psychotherapie: Zweifel und Erkenntnis

PP 16, Ausgabe November 2017, Seite 528

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Wahres therapeutisches Erkennen und Handeln entspringt nicht der Anwendung von Leitlinien. Vielmehr bedeutet es, mit den Patienten gemeinsam ihren individuellen Weg zur Heilung zu suchen und zu (er)finden.

Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut
Dr. phil. Michael Mehrgardt, Psychologischer Psychotherapeut

Diejenigen Therapeuten erzielen einer Studie zufolge die besten Erfolge, die gleichzeitig ihre therapeutische Arbeit stets hinterfragen (Nissen-Lie et. al. 2017). Dazu zählten etwa Zweifel, ob man als Therapeut etwas bewirken könne, oder auch Unsicherheit, was dem Patienten am besten helfe. Berufliche Selbstzweifel würden dabei helfen, offenzubleiben und immer nach geeigneteren Methoden Ausschau zu halten.

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Die Frage nach den Grundlagen therapeutischer Erkenntnis, die doch den Vorgängen des Diagnostizierens genauso zugrunde liegt wie der Behandlungsplanung, der Testauswertung oder der Evaluation, ist von großer Relevanz: Woher weiß der Therapeut eigentlich? Wie kommt Wahrheit in die Therapie? Diese grundlegenden Fragen scheinen insbesondere dann auf, wenn der therapeutische Befund im Widerspruch zur Wahrnehmung der Patientin steht, was sich beispielsweise in den folgenden Therapeutenäußerungen manifestieren könnte: „Hinter Ihrer Trauer steht unausgelebte Wut.“ Oder: „Eine Heilung des Patienten wird durch Krankheitsgewinn verhindert.“

Ohne sich in allzu tiefschürfenden philosophischen Erörterungen zu verlieren, sollen hier einige kurze erkenntnistheoretische Anmerkungen erfolgen. Erstens: Einer Erkenntnis geht immer voraus, dass man einen (von vielen möglichen) Standpunkt wählt (oder zufällig innehat). Insofern ist die gewählte Perspektive notwendigerweise beschränkt. Deshalb kann Erkenntnis niemals umfassend oder absolut sein. „Die“ Wahrheit oder „die“ Realität kann nicht in absoluter Weise erkannt werden. Philosophen würden sagen: Man kann dem heuristischen Zirkel nicht entkommen. Dem ist hinzuzufügen: Auch die wissenschaftstheoretisch verankerte Vorstellung, man könne der Wahrheit/Realität näher oder ferner sein, würde voraussetzen, dass man ebendiese in absoluter Weise verorten könnte.

Zweitens: Weil Erkennen immer eine Wahl bedeutet, ist sie zu ver-antworten. Hiermit kommt, neben der berufspolitisch festgelegten „Listen-Ethik“, immer zwangsläufig eine persönliche Moral ins Spiel, der man auch dann nicht entkommt, wenn man alles „richtig“ gemacht hat, sprich: der Berufsethik und den jeweiligen Therapieleitlinien entsprechend gehandelt hat. Wenn man sich nur auf die beiden Letzteren beruft und sich nicht gleichzeitig einer, vielleicht auch diesen widersprechenden, persönlichen Moral verpflichtet fühlt, kann das Resultat nur etwas sein wie: „Ich konnte nicht anders handeln! Ich musste dies tun!“ Dies ist fürs eigene Gewissen einfach; ob es für die Patientin hilfreich ist, ist eine ganz andere Frage.

Drittens: Die Orientierung des therapeutischen Denkens und Handelns an einem Dialektischen Konstruktivismus soll hier nahegelegt werden. Eine seiner wichtigen Thesen lautet, dass kein topologisches (die Lehre von der Lage und Anordnung geometrischer Gebilde im Raum betreffendes) Verhältnis zwischen einer subjektiven Wirklichkeit und der als absolut angenommenen Realität vorausgesetzt werden kann. Demzufolge kann man also nicht sagen, jemand (ein Fachmann) oder etwas (eine Theorie) sei der absoluten Realität näher als ein anderer (ein Laie, eine Patientin). Eine solche Behauptung könnte nur durch einen Machtanspruch, aber nicht durch ein erkenntnistheoretisch fundiertes Argument unterfüttert werden. Das bedeutet: Der Therapeutin und dem Patienten sind von vornherein gleiche Wahrheitsfähigkeit (oder: Realitätsnähe) zu attestieren. Die subjektiven Wirklichkeiten mehrerer Personen unterscheiden sich im Allgemeinen. Die Wirklichkeiten von Fachleuten sind in der Regel differenzierter als von Laien, aber nicht näher an einer angenommenen absoluten Realität. Eine Erkenntnistheorie wie der Dialektische Konstruktivismus lässt sich ebenfalls nicht argumentativ oder logisch beweisen. Man kann ihn vielmehr für plausibel erachten, im wahrsten Wortsinne also: für Beifall verdienend.

Die Relevanz, die sich aus dem erkenntnistheoretischen Diskurs für das psychotherapeutische Handeln ergibt, kann hier nur in einigen Schlaglichtern erhellt werden: Therapeutische Wahrheit ist das Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses. Der Therapeut ist der Wahrheit nicht näher als der Patient. Wahrheit ist eine Form des Zweifelns. Wenn Wahrheit nicht mehr offen für Relation ist, ist sie ein Dogma.

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