ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2017Kurt Schneider: Unverzichtbare Psychopathologie

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Kurt Schneider: Unverzichtbare Psychopathologie

PP 16, Ausgabe November 2017, Seite 534

Goddemeier, Christof

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Vor 50 Jahren starb der Psychiater und Philosoph Kurt Schneider. Er war zusammen mit Karl Jaspers einer der wichtigsten Vertreter der Psychopathologie.

Foto: Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Seit den Anfängen der Psychiatrie beschreibt die Psychopathologie seelische Krankheiten. Bereits Philippe Pinel und Jean Etienne Esquirol lieferten anschauliche Beispiele, weitere folgten, auch Sigmund Freud verwendete den Begriff „psychopathologisch“. Vergleichbar mit der Pathophysiologie in den somatischen Fächern der Medizin ist Psychopathologie damit einerseits ein Teilbereich der Psychiatrie, zum anderen ist sie Arbeits- und Forschungsgebiet mit eigener methodologischer Ausrichtung und philosophischer Orientierung. Die wichtigsten Vertreter dieser Disziplin sind Karl Jaspers und Kurt Schneider.

Ihre wissenschaftliche Grundlage erhält die Psychopathologie Anfang des 20. Jahrhunderts durch Jaspers „Allgemeine Psychopathologie“. Als Methode benutzt er die Phänomenologie des frühen Edmund Husserl. „Die Phänomenologie hat die Aufgabe, die seelischen Zustände, die die Kranken wirklich erleben, uns anschaulich zu vergegenwärtigen, nach ihren Verwandtschaftsverhältnissen zu betrachten, sie möglichst scharf zu begrenzen, zu unterscheiden und mit festen Termini zu belegen“, schreibt Jaspers 1913. Damit ist Phänomenologie vor allem exakte, von theoretischen Vorannahmen möglichst freie Beschreibung, gemäß dem Husserlschen Diktum „Auf die ,Sachen selbstʻ zurückgehen“.

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Berufsleben in der Psychiatrie

1887 wird Kurt Schneider in Crailsheim geboren. Er studiert Medizin und Philosophie, promoviert in Tübingen und arbeitet an der Kölner Psychiatrischen Universitätsklinik bei Gustav Aschaffenburg, wo er sich 1919 mit einer kriminologisch-psychiatrischen Arbeit habilitiert. Sein Philosophiestudium beendet er zwei Jahre später ebenfalls mit einer Promotion. Im Unterschied zu Jaspers verbringt Schneider sein Berufsleben in der Psychiatrie. Sein Fach empfindet er als zwischen den Fakultäten stehend und lässt sich ungern „Mediziner“ nennen. Er spricht von der „neurologischen Knechtschaft der Psychiatrie“ und fordert eine Trennung der beiden Disziplinen. Ihm zufolge befasst die „reine Psychiatrie“ sich nicht mit Krankheitsprozessen wie die Medizin, sondern mit menschlichen Abarten, Typen und Reaktionsweisen („Reine Psychiatrie, symptomatische Psychiatrie und Neurologie“ 1919). Für den größten Teil der Psychosen sei ungeklärt, ob sie zur symptomatischen oder zur reinen Psychiatrie gehören; eine genauere Abgrenzung werde im Lauf der Zeit vermutlich die reine Psychiatrie zugunsten der symptomatischen verkleinern. Später spricht er bei den endogenen Psychosen vom „Postulat“ der „Somatose“.

Eine Schule konnte Jaspers nicht begründen, weil er sich nach seinem Hauptwerk von der Psychiatrie ab- und der Philosophie zuwandte. Jaspers und Schneider haben nie zusammengearbeitet, doch Schneider nimmt lebhaften, auch kritischen Anteil an Jaspers Werk und setzt dessen Arbeit fort: „Erst von diesem Buch an gibt es eine wissenschaftliche Psychopathologie“, notiert er 1938. Zwar schreibt Schneider über die „Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit“ (1948), doch als Schüler des forensischen Psychiaters und Kriminologen Aschaffenburg will er nicht gelten. Größeren Einfluss haben wohl die Philosophen Max Scheler (1874–1928) und Nicolai Hartmann (1882–1950) auf ihn ausgeübt. Als seinen einzigen Lehrer bezeichnet Schneider jedoch Karl Jaspers.

In seinem Buch „Psychiatrie heute“ (1952) bezieht Schneider sich auf Nicolai Hartmann, wenn er sagt, dass die Psychiatrie letzten Endes zur Metaphysik werde. Hartmann zufolge sind alle Probleme metaphysisch, bei denen ein unlösbarer Rest bleibt, etwas Undurchdringliches und Irrationales. Auch laut Jaspers kann der Psychopathologe den einzelnen Menschen „niemals ganz in seine psychologischen Begriffe auflösen“. Je mehr er auf Begriffe dringe, desto mehr erkenne er, „dass sich ihm etwas Unerkennbares verbirgt, das er erfassen, fühlen, ahnen, das er aber nicht greifen und einfangen kann“ (1913).

Exogen, endogen, psychogen

Hartmanns Kategorien- und Schichtenlehre findet sich in Schneiders triadischem System der Psychiatrie wieder, das sich zwischen den 1930er- und 1970er-Jahren etabliert. Es unterscheidet somatische Erkrankungen mit psychischen Störungen, endogene Psychosen, die neben der Schizophrenie und manisch-depressiven Erkrankungen die genuine Epilepsie umfassen, sowie Variationen, das heißt Erlebnisreaktionen, abnorme Persönlichkeiten und Neurosen. Andere Begriffe für die drei Bereiche sind „exogen, endogen, psychogen“. In den Grundzügen stimmt Schneiders Klassifikation mit Jaspers nosologischem System überein. Der hebt hervor, wie der Ordnungsgesichtspunkt und damit der Krankheitsbegriff sich bei jeder Gruppe ändere: somatische Entitäten, psychologische und Verlaufsentitäten sowie Variationen des Menschlichen. Schott und Tölle haben die Vieldeutigkeit und Missverständlichkeit der Begriffe „exogen, endogen, psychogen“ dargelegt. Zudem postuliert jeder der drei Begriffe für den bezeichneten Krankheitskreis ein monokausales ätiologisches Modell. Dieses Verständnis hat sich als nicht zutreffend erwiesen. Schon die Psychiater des 19. Jahrhunderts, etwa Esquirol und Wilhelm Griesinger, hatten erkannt, dass psychische Erkrankungen durch verschiedene Bedingungen verursacht werden. Schott und Tölle zufolge entspricht Schneiders System deshalb eher dem „Bedürfnis nach einer handlichen Ordnung (…) als den wissenschaftlichen klinischen Erkenntnissen“.

„Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“, hatte Wilhelm Dilthey formuliert. Jaspers leistet für die Psychiatrie klare Abgrenzungsarbeit. Besonders kritisiert er Theorien, in denen auf dem Verstehensweg gewonnene Erkenntnisse ohne hinreichende empirische Befunde in Erklärungen umgemünzt werden. Den Satz Diltheys moduliert Jaspers etwa so: Soweit wir verstehen, haben wir es mit nichtpsychotischem Seelenleben zu tun; wo das Verstehen aufhört, beginnt die Natur. Demnach wird die Psychose als Naturprozess aufgefasst, den wir erklären müssen. Doch die strikte Trennung von Erklären und Verstehen ist methodologisch und inhaltlich fragwürdig. Offenbar sah Jaspers selbst den Sachverhalt differenzierter. Im „Versuch über die Verständlichkeit“ (1922) setzt Schneider sich mit Jaspers Begriff des „genetischen Verstehens“ auseinander, das heißt, wie Seelisches aus Seelischem hervor geht: „Wir gliedern eine Psychose in das bloße Dasein und in ihr Sosein, und das Sosein wieder in das Sosein als Inhalt und das Sosein als jeweilige Form, als Daseinsweise.“ Hier klingen Hartmanns Vorlesungen „Zur Grundlegung der Ontologie“ an, in denen er das Verhältnis von „Dasein und Sosein“ analysiert. Schneider formuliert, nur das Dass-Sein, also die Faktizität einer Psychose, sei unverständlich, das Inhaltliche daran könne durchaus verstehbar sein. 1955 schlägt er vor, anstelle der Verstehbarkeit deren „intentionales Korrelat“ (W. Blankenburg), die „Sinngesetzlichkeit“, zum Kriterium zu machen. Doch auch hier ist letztlich die subjektive Fähigkeit oder Unfähigkeit des Gegenüber entscheidend, im psychotischen Erleben Sinnzusammenhänge auszumachen.

Wahn und Schizophrenie

In Schneiders Hauptwerk „Klinische Psychopathologie“ (1950) sowie einer weiteren Abhandlung zum Wahn ist Jaspers Einfluss nicht zu übersehen. Doch Schneider unterscheidet Wahnwahrnehmung und Wahneinfall und hebt die enge Verbindung von Wahn und Schizophrenie hervor. Bekannt ist seine Einordnung der Schizophreniesymptome als Symptome ersten und zweiten Ranges. Mit Jaspers sieht er Wahnwahrnehmung als zweigliedrig: Das erste Glied verbindet den Wahrnehmenden und den wahrgenommenen Gegenstand einschließlich seiner mit allen geteilten Bedeutung. Das zweite Glied reicht vom wahrgenommenen Gegenstand bis zur abnormen Deutung (= Wahnbedeutung). Weil es sich um eine abnorme Deutung handelt, zählt Schneider die Wahnwahrnehmung zu den Denkstörungen. An die Stelle der „Unverständlichkeit“ tritt die „Unterbrechung des Sinnzusammenhangs“ mit der vorausgehenden Lebensgeschichte.

Ab 1931 leitet Schneider die klinische Abteilung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München, des späteren Max-Planck-Institutes. In dessen erbbiologische Tätigkeit lässt er sich jedoch nicht verstricken. Während der Zeit des Nationalsozialismus lehnt er Berufungen nach Hamburg, Halle und Breslau ab, von 1946 bis 1955 hat er den Lehrstuhl an der Heidelberger Universität inne. Seine „Klinische Psychopathologie“ wird in sieben Sprachen übersetzt. Schneiders internationale Bedeutung bleibt jedoch begrenzt, bis 1980 amerikanische Psychiater das Klassifikationssystem DSM erarbeiten und dabei das Adjektiv „schneiderian“ verwenden (Schott/ Tölle). Seine triadische Systematik wird außerhalb Deutschlands nicht rezipiert. Bereits 1948 sieht Schneider, dass die Erfolge auf dem Gebiet der biologischen Psychiatrie eine Relativierung psychopathologischer Beiträge mit sich bringen können: „Wäre die Idee der Psychiatrie als medizinische Wissenschaft vollendet, hätte die Psychopathologie (…) kaum mehr eine praktische Bedeutung.“ Das ist derzeit jedoch nicht absehbar. Deshalb bleibt die Psychopathologie bis auf Weiteres für die Psychiatrie unverzichtbar.

Christof Goddemeier

1.
Kranz, H (Hg.): Psychopathologie heute (…) Kurt Schneider zum 75. Geburtstag gewidmet. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 1962.
2.
Lammel M, Bormuth M, Sutarski S, Bauer M, Lau S (Hg.): Karl Jaspers` Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2017.
3.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
1. Kranz, H (Hg.): Psychopathologie heute (…) Kurt Schneider zum 75. Geburtstag gewidmet. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 1962.
2. Lammel M, Bormuth M, Sutarski S, Bauer M, Lau S (Hg.): Karl Jaspers` Allgemeine Psychopathologie. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2017.
3. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.

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