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ARD-Film „Götter in Weiß“: Der Fehler liegt im System

Dtsch Arztebl 2017; 114(46): A-2121 / B-1785 / C-1743

Osterloh, Falk

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Falk Osterloh, Politische Redaktion
Falk Osterloh, Politische Redaktion

Mittwochs um 20:15 Uhr erreicht die ARD circa vier Millionen Zuschauer. Um diese Sendezeit lief am vergangenen Mittwoch, dem 15. November, der Film „Götter in Weiß“, ein „Medizinthriller“, wie ihn die ARD nennt. Darin versuchen der Chefarzt einer chirurgischen Abteilung und eine Pflegerin, die Existenz der auf der Station aufgetauchten multiresistenten Keime zu vertuschen. Dafür gibt die Pflegerin prophylaktisch ein Antibiotikum in die Kochsalzlösungen, die den Patienten auf der Station injiziert werden. Als eine Oberärztin der Sache auf die Spur kommt, wird sie vom Chefarzt des Krankenhauses verwiesen. Dass multiresistente Keime in einem Krankenhaus vorkommen, ist nicht unrealistisch. Wie die Charaktere in dem Film „Götter in Weiß“ damit umgehen, allerdings schon.

Die Ärztekammer Berlin zeigte den Film in einer Vorabvorführung. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion warf der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, den Filmemachern vor, ein unrealistisches Bild von Krankenhäusern gezeichnet und damit Ängste der Zuschauer geschürt zu haben. Zudem sei die Situation im Ausland schlimmer als in Deutschland. Bei 20 Millionen Behandlungsfällen pro Jahr gebe es hier lediglich 3 000 bis 4 000 vermeidbare Infektionsfälle mit Todesfolge. Der Regisseur des Films, Elmar Fischer, warf Baum daraufhin vor, die Schicksale, die hinter diesen Zahlen stünden, nicht ernst zu nehmen. „Das sind alles Menschen, die gestorben sind“, sagte er. „Ich finde das schrecklich.“

Und der Streit ging noch weiter. In einer Nebenhandlung wird eine ältere Patientin von einem Oberarzt dazu gedrängt, sich an der Wirbelsäule operieren zu lassen, weil dies für das in den roten Zahlen stehende Krankenhaus lukrativer sei, als eine konservative Behandlung anzuordnen. „Es werden keine Patienten zu Unrecht operiert“, meinte Baum daraufhin. Die Hauptdarstellerin des Films, Claudia Michelsen, war anderer Meinung. Alleine in ihrem persönlichen Umfeld gebe es viele Beispiele dafür, dass Patienten „produziert“ würden. Dies abzustreiten, mache sie wütend.

Der Film zeigt einem Millionenpublikum ein düsteres Bild der deutschen Krankenhauslandschaft. Dies ist in den Szenen gerechtfertigt, die den ökonomischen Druck thematisieren, unter dem Ärztinnen und Ärzte stehen. Wenn es um die Krankenhaushygiene geht, ist dieses Bild allerdings überzeichnet. Insofern ist der Unmut von Baum zu verstehen. Doch auch die Intention, auf Mängel hinzuweisen, ist berechtigt. Sie kleinreden zu wollen oder gar zu ignorieren, ist keine gute Idee.

Beide Parteien haben sich für ihre Kritik allerdings den falschen Adressaten ausgesucht. Denn ursächlich für die Probleme ist in erster Linie das System. So war auch die Wortmeldung von Dr. med. Thomas Werner, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Berlin, wohltuend. Er kritisierte, dass die Krankenhäuser von den Bundesländern nicht die Gelder erhielten, die sie benötigten. Eine Folge sei, dass beim Pflegepersonal eingespart werde, das dann zum Teil zu wenig Zeit habe, um alle hygienischen Vorschriften einzuhalten. Wie steht es nun um die Verantwortung von Filmemachern, Menschen nicht aufgrund der Einschaltquote zu verunsichern? Sie ist dieselbe, die die Krankenhäuser haben, die Situation nicht schönzureden. Im Idealfall sollten alle dafür kämpfen, dass Krankenhäuser nicht Mittel zweckentfremden müssen, um in einem unterfinanzierten System zu überleben. Das ist der eigentliche Skandal.

Falk Osterloh
Politische Redaktion

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