POLITIK

Stationsäquivalente psychiatrische Behandlung: Neues Element zur Flexibilisierung

Dtsch Arztebl 2017; 114(46): A-2132 / B-1795 / C-1753

Bühring, Petra

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Psychiatrische Kliniken haben ab 2018 die Möglichkeit, schwer psychisch Kranken Home-Treatment durch Klinikteams anzubieten. Unverbindlich bleibt indes die Kooperation mit niedergelassenen Psychiatern und Psychotherapeuten.

Multiprofessionelle Behandlungsteams begeben sich aus dem stationären Setting hinaus. Foto: picture alliance
Multiprofessionelle Behandlungsteams begeben sich aus dem stationären Setting hinaus. Foto: picture alliance

Gerade bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen stößt die traditionelle Aufteilung in ambulante, tagesklinische und stationäre Versorgung häufig an ihre Grenzen. Gefordert wird seit Langem mehr Vernetzung, die Überwindung der sektorenübergreifenden Grenzen und auch mehr aufsuchende Behandlung für Patienten mit psychotischen Erkrankungen und schweren affektiven Störungen. Ab dem nächsten Jahr kommt nun ein neuer Baustein in der Versorgung dieser Patienten hinzu, der die Flexibilität für die individuellen Bedürfnisse erhöhen und auch stationäre Aufenthalte reduzieren soll: die stationsäquivalente psychiatrische Behandlung zu Hause, auch Home-Treatment genannt, durch multiprofessionelle Klinikteams.

Es gibt bereits sehr positive Erfahrungen mit dem Home-Treatment, das im Rahmen von Modellprojekten von 19 Kliniken bundesweit angeboten wird. Eines davon ist das Klinikum Itzehoe im schleswig-holsteinischen Kreis Steinburg, welches die stationsäquivalente Behandlung im Rahmen des „Regionalen Psychiatriebudgets“ (Modellprojekt nach § 64 b SGB V) vor knapp drei Jahren eingeführt hat. Der Chefarzt des dortigen Zentrums für Psychosoziale Medizin, Prof. Dr. med. Arno Deister, ist überzeugt davon, dass schwer psychisch Kranke von dem Angebot profitieren: „Immer dann, wenn es wichtig ist, aufsuchend oder mit dem persönlichen Netzwerk zu arbeiten.“ Die Patienten werden sowohl anstelle einer stationären Behandlung ausgesucht oder im Anschluss an einen Klinikaufenthalt. „Es lässt sich inzwischen schon gut belegen, dass es zur vollständigen Vermeidung von Klinikaufenthalten kommen kann oder häufiger zu dessen Verkürzung“, berichtet der Psychiater.

Systemisches Denken nötig

Die Behandlungsteams in Itzehoe setzen sich aus Ärzten, Pflegern und je nach Notwendigkeit, Psychologen und Sozialdienstmitarbeitern zusammen. Die Mitarbeiter erhalten eine berufsgruppenübergreifende intensive Ausbildung in systemischem Denken und Handeln, denn im Hause des Patienten ist auch meist seine Familie oder sein soziales Netzwerk. „Wenn es therapeutisch indiziert ist, werden auch die Angehörigen miteinbezogen“, sagt Deister. Kurzfristig spare die stationsäquivalente Behandlung eher keine Kosten für die Kliniken. Aber: „Mittel- und langfristig betrachtet werden wir sicherlich relevante Kosteneinsparungen beobachten, weil die Krankheitsverläufe und insbesondere auch die Teilhabe an der Gesellschaft positiv beeinflusst werden“, betont er.

Auch die Vivantes Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in den Berliner Bezirken Neukölln und Kreuzberg bieten schwer psychisch kranken DAK-Versicherten seit Mai 2016 im Rahmen eines Modellprojekts (§ 64 b SGB V) eine aufsuchende Behandlung mit sogenannten Flexi-Teams an. Gleichzeitig können die Patienten das therapeutische Angebot der Klinik ambulant, also Gruppentherapien, Ergo-, Bewegungs- oder Musiktherapie, nutzen. „Der Behandlungsbedarf in der Psychiatrie steigt seit Jahren und der Trend geht dabei zur aufsuchenden Behandlung – es wird immer weniger hospitalisiert“, erklärt Prof. Dr. med. Andreas Bechdolf, Chefarzt der Klinik in Kreuzberg. „Mithilfe der Flexi-Teams können nicht nur stationäre Aufenthalte reduziert, sondern auch die Behandlungskontinuität gewährleistet werden.“ Zudem werde manchen Patienten dadurch erst eine intensive psychiatrische Behandlung ermöglicht, beispielsweise schwer depressiven Müttern, die wegen ihrer Kinder häufig eine stationäre Aufnahme scheuten.

Grundlage für psychiatrische Kliniken Home-Treatment oder „stationsäquivalente psychiatrische Behandlung im häuslichen Umfeld“ ab dem 1. Januar 2018 regelhaft einführen zu können, ist das „Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und der Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen“ (PsychVVG). Das PsychVVG wurde im November 2016 verabschiedet und trat in weiten Teilen bereits zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft. In Bezug auf die stationsäquivalente psychiatrische Behandlung musste die Selbstverwaltung erst eine Vereinbarung treffen. Dies haben die drei Verhandlungspartner, der GKV-Spitzenverband, der PKV-Verband und die Deutsche Krankhausgesellschaft (DKG), im August getan und nach § 115 d Abs. 2 SGB V die Bedingungen für die stationsäquivalente psychiatrische Behandlung festgelegt (Kasten).

Patientengerechte Versorgung

„Den Krankenhäusern wird mit dieser Vereinbarung eine zusätzliche Möglichkeit für eine passgenaue patientengerechte Behandlung an die Hand gegeben“, erklärte Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG, anlässlich der Vereinbarung. Ziel sei es, „in guter Kooperation auch mit niedergelassenen Leistungserbringern“ die neue Behandlungsmöglichkeit in die Praxis einzubringen. Absehbar sei jetzt schon, dass es sich um eine kleine Patientengruppe handeln werde, ergänzte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands, und: „Wenn diese Form der Versorgung hilft, Leiden zu verringern, wäre schon viel gewonnen.“ Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) begrüßte die Vereinbarung als „wichtigen Schritt in Richtig bedürfnisgerechter Versorgung von psychisch Kranken“. Allerdings hänge der Erfolg der Vereinbarung auch von der angemessenen Regelung der Abrechnungsmodalitäten ab. Dr. med. Iris Hauth, Past President der DGPPN, sprach sich dafür aus, die Abrechnung dieser Behandlung tagesbezogen festzuschreiben.

Doch die Vereinbarung zur stationsäquivalenten Behandlung hat nicht nur Befürworter. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht sie überwiegend kritisch. Zwar sei zu begrüßen, dass die Versorgung von Patienten zu Hause in manchen Fällen eine stationäre Behandlung ersparen könne. „Doch es ist weder die Einbeziehung der niedergelassenen Vertragsärzte und -psychotherapeuten geregelt, noch können diese ähnliche multiprofessionelle Versorgungsangebote machen“, sagt Roland Stahl, Pressesprecher der KBV, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Es sei davon auszugehen, dass Patienten in der Häuslichkeit weiterhin auf ambulante Versorgungsangebote, etwa auf den Hausarzt, zurückgriffen. „Eine verbindliche Einbeziehung des therapeutischen Umfelds ist nicht vorgesehen, und es ist auch unklar, wer für ambulante Behandlungen aufkommt, denn pro forma befindet sich der Patient in stationärer Behandlung“, betont Stahl. Zahlreiche Praxisnetze zeigten, dass eine multiprofessionelle Behandlung auch durch Vertragsärzte organisiert werden könne. Aus diesem Grund sollte diese Versorgungsform nicht durch den stationären Sektor allein angeboten werden.

Keine echte Vernetzung

Auch der Spitzenverband ZNS (SpiZ), in dem sich fachärztliche Berufsverbände der psychiatrischen, kinder- und jugendpsychiatrischen, neurologischen und psychosomatischen Fachgruppen zusammengeschlossen haben, sieht die Vereinbarung kritisch. In einer Stellungnahme heißt es: „Um die sicher sinnvolle Ambulantisierung voranzubringen, werden neue Versorgungsstrukturen aus dem stationären Bereich als Parallelstruktur aufgebaut, ohne die vorhandene Kompetenz des ambulanten Sektors miteinzubinden. Die Chance einer echten Vernetzung der Angebote wird nicht genutzt.“ Der SpiZ bemängelt, wie die KBV, die fehlende verbindliche Vernetzung mit Niedergelassenen und fordert unter anderem, dass auch niedergelassene psychiatrisch-psychotherapeutische Fachärzte das Home-Treatment verordnen können sollten. Der Spitzenverband ZNS hält es schließlich für notwendig, „gemeinsame Finanzierungssysteme“ für eine sektorenübergreifende Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Störungen zu schaffen.

In der Praxis der Kliniken, die jetzt schon Home-Treatment anbieten, scheint die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Niedergelassenen jedenfalls vorhanden. Sowohl das Klinikum Itzehoe als auch die Vivantes Kliniken geben an, die aufsuchende psychiatrische Behandlung mit behandelnden Ärzte und Psychotherapeuten abzusprechen.

Petra Bühring

Bedingungen für Home-Treatment

  • Der Patient muss die Indikation für eine stationäre Behandlung haben. Diese kann sich aus der Erkrankung, im Speziellen aus seiner besonderen Lebenssituation und eigenen Präferenzen ergeben.
  • Das Therapieziel muss bei einem Krankenhauspatienten am ehesten im häuslichen Umfeld zu erreichen sein.
  • Die Verantwortung für die Behandlungsplanung und -durchführung liegt bei einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie beziehungsweise bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
  • Das Behandlungsteam besteht aus ärztlichem Dienst, pflegerischem Dienst und mindestens einem Vertreter der Psychologen oder Spezialtherapeuten.
  • Garantiert sein muss, dass das Behandlungsteam im Krisenfall schnell intervenieren und der Patient die Klinik jederzeit kurzfristig erreichen kann.
  • Sichergestellt werden muss, dass alle im häuslichen Umfeld lebenden Menschen mit der Behandlung einverstanden sind.
  • Das behandelnde Krankenhaus kann, besonders um die Behandlungskontinuität zu gewährleisten oder wegen Wohnortnähe, auch an der ambulanten psychiatrischen Behandlung teilnehmende Leistungserbringer oder andere Krankenhäuser beauftragen.

Quelle: Vereinbarung zur stationsäquivalenten psychiatrischen Behandlung nach § 115 d Abs. SGB V
http://daebl.de/LC61

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