MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Stabile Angina: Implantation eines Koronarstents nicht besser als Scheinbehandlung

Dtsch Arztebl 2017; 114(47): A-2220 / B-1862 / C-1816

Meyer, Rüdiger

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Die Implantation eines Stents hat in der ersten placebokontrollierten Studie bei Patienten mit stabiler Angina pectoris und hochgradiger Stenose die Belastbarkeit der Betroffenen nicht erhöht. Die Leitlinien sehen derzeit eine Stentversorgung nur bei Patienten vor, die trotz antianginöser Therapie unter starken Beschwerden leiden. Viele Kardiologen raten ihren Patienten jedoch frühzeitig zur Implantation eines Stents. Dies geschieht unter der intuitiven Annahme, dass die Beseitigung des Flusshindernisses die Situation des Patienten nur verbessern kann – auch wenn Stent-implantation und die erforderliche Antithrombozytentherapie mit Risiken verbunden sind.

An der Studie waren an 5 Zentren in Großbritannien 200 Patienten mit stabiler Angina und mindestens einer Stenose von 70 % oder mehr in einem für die Stent-implantation geeigneten Gefäß beteiligt. Patienten mit akutem koronaren Syndrom (Herzinfarkt oder instabile Angina) sowie Patienten mit Hauptstammstenosen waren ausgeschlossen. Bei allen Patienten wurde zunächst über 6 Wochen die medikamentöse Therapie optimiert. Dann wurde eine Koronar-angiographie durchgeführt. Doch nur bei der Hälfte der Patienten wird ein medikamentenfreisetzender Stent (Everolimus, Zotarolimus oder Biolimus) implantiert. Bei der anderen Hälfte wird der Herzkatheter nach einer 15-minütigen Pause wieder entfernt.

Primärer Endpunkt war ein ergometrischer Belastungstest, bei dem die Dauer bis zum Auftreten von Beschwerden oder Ischämiezeichen im EKG gemessen wurde. Hier kam es, wie das Team um Justin Davies vom Imperial College London berichtet, in der Gruppe mit Stentimplantation zu einer Verlängerung von 528,0 auf 556,3 Sekunden (+28,4); in der Placebogruppe von 490,0 auf 501,8 Sekunden (+11,8). Dies ergibt einen Vorteil von 16,6 Sekunden durch die Implantation, der bei einem 95-%-KI von minus 9,9–42,0 Sekunden nicht signifikant war und in seiner Größenordnung kaum als klinisch relevant einzustufen ist. 

Fazit: Trotz der Ergebnisse ist Davies nicht der Ansicht, dass bei Patienten mit stabiler Angina grundsätzlich auf die Implantation eines Stents verzichtet werden sollte. Die wichtige Erkenntnis aus der Studie sei vielleicht, dass der Placeboeffekt der Stentimplantation bei Patienten und Kardiologen bisher unterschätzt wurde. Rüdiger Meyer

Al-Lamee R, Thompson D: Percutaneous coronary intervention in stable angina (ORBITA). Lancet 2017; doi: 10.1016/S0140–6736(17)32714–9.

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