POLITIK

Ärztliche Psychotherapie: Brücke zwischen Psyche und Soma

Dtsch Arztebl 2017; 114(47): A-2196 / B-1844 / C-1798

Bühring, Petra

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Die Bundes­ärzte­kammer will sich in Zukunft noch mehr für die Belange der ärztlichen Psychotherapeuten einsetzen. Das gilt auch für die anstehenden Debatten um ein „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“.

„Die Ausbildungsreform der Psychologischen Psychotherapeuten wird die Nachwuchsprobleme der ärztlichen Psychotherapeuten verstärken“, sagt Frank Ulrich Montgomery. Foto: Bundesärztekammer
„Die Ausbildungsreform der Psychologischen Psychotherapeuten wird die Nachwuchsprobleme der ärztlichen Psychotherapeuten verstärken“, sagt Frank Ulrich Montgomery. Foto: Bundes­ärzte­kammer

Psychische Erkrankungen nehmen nach Expertenmeinung zwar nicht zu, sie kommen aber verstärkt in der Versorgung an. In Deutschland treffen psychisch Kranke auf ein hinsichtlich Umfang und Qualität im internationalen Vergleich hervorragendes Versorgungssystem. Dabei ist die Psychotherapie im Gegensatz zu verschiedenen anderen Ländern Bestandteil der Medizin geblieben. Eine Vielzahl unterschiedlicher Facharztgruppen steht für die psychotherapeutische Versorgung bereit (Kasten). Dazu gehören auch die Haus- und Fachärzte, die eine psychosomatische Grundversorgung anbieten. Hausärzte allein behandeln 82 Prozent der Patienten mit depressiven Störungen (Deutsches Ärzteblatt, Heft 43, 2017).

Chancen und Wert

Um die spezifischen Interessen der ärztlichen Psychotherapeuten will sich die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Zukunft noch stärker als bisher kümmern. „Ihre Probleme liegen uns sehr wohl am Herzen, auch wenn manchmal das Gefühl entsteht, dem sei nicht so“, stellte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, zu Beginn der Tagung „Chancen und Wert der ärztlichen Psychotherapie“ am 11. November in Berlin klar. Die Psychologischen Psychotherapeuten hätten „das Glück“, neben den Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, nur eine von zwei Berufsgruppen zu sein, die von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) vertreten werden. Die BÄK hingegen müssen alle medizinischen Fachgruppen vertreten. „Mit dieser Tagung zeigen wir das Alleinstellungsmerkmal und den spezifischen Wert der ärztlichen Psychotherapie auf“, betonte Montgomery.

„Die ärztliche Psychotherapie schafft eine Brücke zwischen somatischer und psychotherapeutischer Versorgung und verhindert damit eine Aufspaltung in Körper und Seele“, erklärte Prof Dr. med. Johannes Kruse, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Gerade weil psychische Störungen häufig mit somatischen Erkrankungen einhergingen und sich wechselseitig noch verstärken könnten, sei ein somatische wie psychische Aspekte integrierendes Behandlungskonzept notwendig. Der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie kläre konsiliarisch bio-psycho-soziale Zusammenhänge ab und biete in 60 Prozent der Fälle Richtlinienpsychotherapie an.

Niedergelassene Psychiater hingegen rechneten im psychotherapeutischen Bereich mehr zehnminütige EBM-Gesprächsleistungen ab als Richtlinienpsychotherapie, erklärte Prof. Dr. med. Sabine Herpertz, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie berichtete zudem über die besonderen Bedingungen der Psychotherapie in der stationären Psychiatrie. „Wir haben oft mit Patienten in extremen existenziellen Situationen zu tun, die Krankheitsbilder mit hoher Komorbidität aufweisen und eine geringe Veränderungsmotivation haben.“ Deren Motivation sei erstes Behandlungsziel in der Psychotherapie, und ohne Psychotherapie werde inzwischen keine Akutbehandlung mehr durchgeführt, betonte Herpertz.

Vier-Ebenen-Modell

Der stellvertretende Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP), Prof. Dr. med. Gereon Heuft, Münster, stellte das „Vier-Ebenen-Modell ärztlicher Psychotherapie“ vor, das dazu beitragen soll, die Versorgung zu verbessern. Heuft versteht das Stufen-Modell auch als eine „To-do-Liste für die Bundes­ärzte­kammer“.

  • Erste Ebene: hochwertige Lehrangebote der drei „Psych“-Fächer bereits im Medizinstudium.
  • Zweite Ebene: Die Kompetenz in der Psychosomatischen Grundversorgung sollte gesteigert werden; zurzeit gibt es ein 80-Stunden Curriculum. Zudem sollten alle Fächer psychosomatische Grundversorgung anbieten.
  • Dritte Ebene: Die Bereichsbezeichnung Psychotherapie sollte weiterhin modular und in allen Fachgebieten erwerbbar sein.
  • Vierte Ebene: die verschiedenen ärztlichen Psychotherapeuten, die eine differenzierte Versorgung anbieten.

Heuft wies darauf hin, wie wichtig es sei, den WBP beizubehalten, dem jeweils sechs Vertreter der ärztlichen und der psychologischen Psychotherapie angehören. „Der Beirat spielt eine zentrale Rolle für die Qualitätssicherung der Psychotherapie.“ In dem aktuellen Arbeitsentwurf zu einem Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) ist der WBP, der abwechselnd bei der Bundes­ärzte­kammer und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) beheimatet ist, weiterhin vorgesehen. An die BÄK richtete sich Wissenschaftler Heuft mit der Forderung, „einen psychotherapeutisch weitergebildeten Vorstandsbeauftragten einzusetzen, um Parität mit der BPtK herzustellen“.

Heftige Kritik an der Reform

Dem versprach BÄK-Präsident Montgomery nachzukommen. Derzeit kümmert sich die Arbeitsgemeinschaft (AG) „Ärztliche Psychotherapie“, dem aus dem BÄK-Vorstand der Gynäkologe und Präsident der Ärztekammer Baden-Württemberg, Dr. med. Ulrich Clever, vorsitzt, mit einer Reihe von Vertretern der ärztlichen Psychotherapie um deren Belange. Ein Vorstandsbeauftragter könnte die Interessen der ärztlichen Psychotherapeuten insbesondere in den weiteren Diskussionen um die Reform der Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten öffentlichkeitswirksam vertreten. Der Arbeitsentwurf für ein „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“ stößt bei vielen Ärzten auf heftige Kritik und löst Befürchtungen aus.

Zum Hintergrund: Die Ausbildungsreform sieht ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie vor, das aus einem Bachelor- und einem Masterstudiengang besteht und nach einem Staatsexamen die Approbation ermöglicht. In der anschließenden Weiterbildung sollen sich die Absolventen auf die Behandlung von Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen spezialisieren und die Fachkunde in einem Psychotherapieverfahren erwerben. Danach dürfen sie gesetzlich Krankenversicherte versorgen. Der Begriff für diesen neuen Beruf wird in dem Arbeitsentwurf indes noch ausgeklammert.

„Bisher gab es Ärzte und es gab Psychologen, die erst durch die Weiterbildung ‚Psychotherapeut‘ wurden. Wenn mit der Reform bereits mit einem Hochschulstudium der Beruf ‚Psychotherapeut‘ eingeführt wird, geht es weg von einem Beruf, der Psychotherapie anwendet – es entsteht ein Ungleichgewicht“, gab der DGPM-Vorsitzende Kruse zu bedenken. Das Nachwuchsproblem der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie könne dadurch noch verstärkt werden.

Positiv sei indes für die Patientenversorgung, dass durch die Ausbildungsreform der Masterabschluss als Voraussetzung für die Weiterbildung festgeschrieben werde, betonte Dr. med. Gabriele Friedrich-Meyer, Mitglied der AG „Ärztliche Psychotherapie“ der BÄK. Zurzeit erkennen einige Bundesländer bereits den Bachelor für den Zugang zur Ausbildung (künftig Weiterbildung) zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten an. „Gut und gerecht ist auch, dass die angehenden (Psychologischen) Psychotherapeuten in einer künftigen Weiterbildung wie Fachärzte vergütet werden sollen“, sagte die Vorsitzende des beratenden Fachausschusses Psychotherapie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Zurzeit müssen sie ihre Ausbildung an privaten Instituten zum großen Teil selbst finanzieren. Auch die vorgesehenen staatlichen Prüfungen (Approbation und Staatsexamen) schafften mehr Verbindlichkeit und Qualitätssicherung, so Friedrich-Meyer.

Die im Arbeitsentwurf vorgesehen Modellstudiengänge zum Erwerb psychopharmakologischer Kompetenzen hingegen lehnten die Ärzte eindeutig ab. „Die Verordnung von Arzneimitteln soll weiterhin allein Ärzten vorbehalten sein“, forderte Clever. Der Präsident des Bundesverbands Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, Dr. med. Christian Messer, befürchtet, dass der Modellstudiengang Psychopharmakologie „nur ein Bypass“ sei. Die Ausbildungsreform der Psychologischen Psychotherapeuten bediene den Anspruch der Politik, Ärzte zu ersetzen, glaubt er.

Einig gegen Medikamente

Der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Dr. rer. nat. Dietrich Munz, stellte indes klar: „Es ist ganz und gar nicht in unserem Sinne, Ärzte zu ersetzen.“ Psychotherapie werde auch nach einer Ausbildungsreform von ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten erbracht. Der Modellstudiengang Psychopharmakologie sei im Übrigen vom Gesetzgeber in die Reform hineingehoben worden, nicht von der BPtK. „Wenngleich es eine Strömung gibt, die psychopharmakologische Kenntnisse befürwortet, ist die Gesamtheit unserer Profession dagegen.“

BÄK-Präsident Montgomery erklärte abschließend: „Ich halte dieses Gesetz für nicht notwendig.“ Sollte es so kommen, wie es skizziert sei, würden beide Berufe zudem künftig um die Weiterbildungsstellen im stationären Bereich konkurrieren. „Die Ausbildungsreform wird die Nachwuchsprobleme der ärztlichen Psychotherapeuten weiter befeuern“, sagte er.

Petra Bühring

Psychosomatisch/psychotherapeutische Versorgung

  • Haus- und Fachärzte, die psychosomatische Grundversorgung anbieten (rund 55 000)
  • Fachärzte mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie (rund 10 000, davon 2 500 ausschließlich psychotherapeutisch tätig)
  • Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (3 040)
  • Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Nervenheilkunde, Kinder- und Jugendpsychiater (5 970)
  • Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (22 547).

Quellen: DGPM, DGPPN, KBV, Stand Ende 2016

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    mkohlhaas
    am Samstag, 16. Dezember 2017, 13:58

    Künstliche Trennung.

    Das Gehirn ist die Steuerung des Körpers, und dazwischen gibt es nichts.

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