ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenOnkologie 3/2017Schmerztherapie in der Onkologie: Versorgungslücken erfordern Umdenken

Supplement: Perspektiven der Onkologie

Schmerztherapie in der Onkologie: Versorgungslücken erfordern Umdenken

Dtsch Arztebl 2017; 114(48): [28]; DOI: 10.3238/PersOnko/2017.12.01.06

Überall, Michael A.

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Eine Umfrage liefert erstmals wichtige Erkenntnisse zum Ausmaß tumorbedingter Schmerzen und zu den daraus resultierenden Beeinträchtigungen auf die Lebensqualität der Patienten.

Sowohl Dauer- als auch Durchbruchschmerzen bei Krebspatienten erfordern eine zielgerichtete und individualisierte Behandlung. Tumorbedingte Schmerzen treten in Abhängigkeit von Lokalisation, Tumorart, Tumorstadium und Metastasierungsgrad sowie individueller Disposition und psychosozialen Faktoren auf – im Einzelfall zu nur schwer vorhersagbaren Zeitpunkten und in wechselnder Intensität. Bisher liegen jedoch über Häufigkeit, Charakteristik, Intensität und das Ausmaß tumorschmerzbedingter Beeinträchtigungen im Versorgungsalltag (also jenseits kontrollierter Studien) nur wenige verwertbare Daten vor.

Diese Lücke füllt die von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) und der Deutschen Schmerzliga (DSL) durchgeführte „PraxisUmfrage Tumorschmerz“. Ihre Auswertung liefert erstmals wichtige Erkenntnisse zum Ausmaß tumorbedingter Schmerzen und zu den daraus resultierenden schmerzbedingten Beeinträchtigungen auf den Alltag und die Lebensqualität der Patienten. Die Onlinebefragung basiert auf einem von der DGS entwickelten Patientenfragebogen, der bereits im praktischen Alltag der Patientenversorgung in schmerzmedizinischen Einrichtungen genutzt wird, um darauf aufbauend individualisierte und bedürfnisorientierte Behandlungskonzepte entwickeln zu können.

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Laut Angaben der an der Befragung teilnehmenden Tumorpatienten leidet ein Großteil (n = 3 707) neben Dauerschmerzen zusätzlich unter akuten Schmerzattacken. Deutlich dokumentierten die Befragten nicht nur die großen Unterschiede zwischen tumorbedingten Dauer- und Durchbruchschmerzen hinsichtlich ihres Einflusses auf die Teilhabe am alltäglichen Leben beziehungsweise auf die aus ihren Schmerzen resultierenden Einschränkungen der Lebensqualität. Darüber hinaus beschreiben sie auch die vielfältigen Probleme, die sich für sie aus den spezifischen Besonderheiten der in vielen Fällen plötzlich beziehungsweise nicht vorhersagbar (63,5 %) und überfallartig beziehungsweise nicht vermeidbar (89,4 %) manifestierenden Durchbruchschmerzen ergeben. Trotz dieser von den Patienten eindringlich geschilderten Betroffenheit müssen auf Grundlage der vorliegenden Daten die von den behandelnden Ärzte ergriffenen schmerzmedizinischen pharmakologischen Maßnahmen als insgesamt unzureichend beschrieben werden. Die Analyse der Daten zeigt, dass die akuten Schmerzattacken bei einem Drittel der Patienten (n = 1 064) durch eine Optimierung der Dauerschmerztherapie vermieden werden könnten, zum Beispiel durch

  • eine Dosisanpassung bei zu geringer Tagesdosis,
  • Änderung von Einzeldosis und Dosierungsintervall bei „end-of-dose-failure“ oder
  • Hinzunahme einer spezifischen Therapie mit Koanalgetika bei neuropathischen Schmerzen.

Bei den übrigen Patienten (n = 2 643) wäre aus schmerzmedizinischer Sicht eine spezifische Notfall-/Rescuetherapie angezeigt, die aber weniger als ein Drittel der Betroffenen (n = 862/32,6 %) mit tumorbedingten Durchbruchschmerzen erhält.

Wiederum nur etwas mehr als ein Drittel (326 von 862 = 37,8 %) dieser Patienten wird mit einem stark-wirksamen Opioidanalgetikum behandelt – dem einzig sinnvollen Therapiekonzept zur Behandlung dieser speziellen Schmerzform.

Fazit

  • Trotz umfangreicher Aufklärungsmaßnahmen widmet sich im praktischen Alltag der Großteil der ärztlichen Bemühungen den onkologischen Therapieansätzen.
  • Die stark beeinträchtigenden Schmerzen als Folgeerscheinung der Tumorerkrankung werden in vielen Fällen im Gesamtkonzept der Behandlung vernachlässigt.
  • Alle an der Behandlung von onkologischen Patienten mit Dauer- und Durchbruchschmerzen Beteiligten sollten die Bedeutung einer suffizienten, individualisierten schmerzmedizinischen Versorgung bezüglich Alltagsfunktionalität und Lebensqualität verdeutlichen.
  • Entsprechende Fortbildungen sind zu etablieren.

DOI: 10.3238/PersOnko/2017.12.01.06

Priv.-Doz. Dr. med. Michael A. Überall,

Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V. ,

Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.

Interessenkonflikt: Der Autor erhielt Beraterhonorare von den Firmen Teva, Berlin-Chemie, Mundipharma, Grünenthal, Aristo-Pharma, Takeda, Kyowa-Kirin und Hexal sowie Vortragshonorare von Teva.

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