ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2017Von schräg unten: Verkleidung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Verkleidung

Dtsch Arztebl 2017; 114(48): [76]

Böhmeke, Thomas

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Vom langen Arbeitstag ermüdet und ermattet sitze ich im Garten. Der Abend läutet die Neige dieses letzten Oktobertages ein, das Sonnenrund wird von den Baumwipfeln angekratzt, ein Herbstlüftchen versucht, mir die Altersfalten wegzufächeln, vergebens. Egal, es klingelt an der Tür, ich muss meinen Allerwertesten heben und aufmachen. Vor mir stehen einige Kinder und strahlen mich an.

Ich strahle pflichtgemäß zurück. Oh, was ist das für eine gruselige drittgradige Schädelfraktur, mit der Du mir die Stirn bietest? So kommentiere ich das gekonnte Make-up. Wie steht's um Deine neurologischen Defizite? Dies ist wahrlich ein komplizierter Fall, da müssen meine verehrten neurochirurgischen Kollegen wohl die Nacht durcharbeiten, nicht wahr? Das Strahlen aus den Augen des Mädchens schwindet, die dahinterstehenden Eltern gucken entsetzt. Ich habe wohl wieder mal den falschen Tonfall getroffen. Wie kann ich das nur wieder gutmachen? So bekenne ich mein schlechtes Gewissen und fülle die vorgehaltenen Tüten mit Süßem und Saurem. Hinter der wieder verschlossenen Tür atme ich erst mal tief durch und rekapituliere meinen unterirdischen Auftritt. Beim nächsten Mal mach ich's besser.

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Es klingelt wieder, eine gute Gelegenheit, Verpatztes aufzuholen. Oh, was muss ich da sehen, ich bin zutiefst entsetzt, Du hast Dir sicher nach handgreiflichem Disput mit Wladimir Klitschko in einer nicht zertifizierten Hinterhofambulanz diese schröckliche Matratzennaht auf Deiner Wange verpassen lassen! Das Kind strahlt, die Eltern auch. Puh, diesmal ist es gutgegangen. Ich sollte lieber meine déformation professionnelle mal beiseite lassen und den Kindern klarmachen, dass ich ihre Auftritte zu schätzen weiß. Erneutes Klingeln. Du lieber Himmel, wie krank ist das denn, das kann ja kein Mensch ertragen, so kommentiere ich den Anblick der schwarzen Fratzen, aus deren Augenwinkeln rosarotes Blut quillt. Hilfe! Ich kriege einen Herzanfall, wie kann ich mich nur von dieser übelsten aller Übelkeiten befreien? Die Kinder lachen mich aus und ich fülle wieder die Beutel mit allem möglichen Naschbaren.

Ach ja, das macht einfach Spaß. Ist es nicht auch eine Gelegenheit, den makellosen Körperoberflächen, die uns heute mittels Photoshop so gerne begegnen, etwas entgegenzusetzen? Dass die Kinder lernen, dass Narben und Schrunden, Male und Pickel zu unserer Haut gehören? Meine Jugend datiert sich weit ins letzte Jahrtausend, damals gab es kein allgegenwärtiges Schönheitsdiktat mit glatt polierten Oberflächen, da durfte man eine Schramme an den Extremitäten und im Gesicht haben, weil man beim Mopedfahren damit gebremst hatte. Aber so naiv und simpel darf ich das nicht sehen, denn hierzulande wird man nur ernst genommen, wenn man ordentlich kritisiert und austeilt.

Also, was könnte ich an Halloween zu bemäkeln haben? Hmm ... wird die junge Generation nicht darauf trainiert, nichts ahnende Nachbarn in Angst und Schrecken zu versetzen, um ihnen gesundheitsabträgliche Genussgüter abzupressen?! Ja, das ist es, welch eine Katastrophe! Ich schaue den Eltern hinterher, die ihren Erziehungsauftrag wohl so gründlich missverstanden haben und nun verzweifelt versuchen, sich den Irrwegen ihrer Nachkommen in den Weg zu stellen, die sich anbahnende Laufbahn ins Kleinkriminelle noch zu korrigieren. Sie gehen zum nächsten Nachbarn. Und rufen ihrem als furchterregende Nachtmahre, als klapprige Skelette, als gruselige Gespenster verkleidetem, aber trotzdem zögernden Nachwuchs zu: Traut euch! Nun traut euch schon, klingelt doch! Mist. Ich bin kein Halloween-Typ. Noch nicht mal eine gruselige Kritik krieg ich hin.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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