ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2017Digitalisierung im Krankenhaus: Der Infrastruktur fehlt die Finanzierung

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Digitalisierung im Krankenhaus: Der Infrastruktur fehlt die Finanzierung

Dtsch Arztebl 2017; 114(48): A-2258 / B-1896 / C-1850

Krüger-Brand, Heike E.

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Die IT-Infrastruktur in den Krankenhäusern zeigt ein heterogenes Bild. Herausforderungen sind vor allem der Fachkräftemangel und der hohe Investitionsbedarf in diesem Bereich.

Foto: Monet/stock.adobe.com

Die gute Nachricht: Digitalisierung ist in den Krankenhäusern inzwischen breit angekommen. In sämtlichen Abläufen und Prozessen, für die sektorenübergreifende Kommunikation und auch für telemedizinische Anwendungen spielt sie zunehmend eine Rolle. Die schlechte: Von einem Krankenhaus 4.0 in der Fläche sind wir noch weit entfernt, denn allzu häufig werden Arbeitsabläufe und Prozesse durch IT nur unzureichend unterstützt.

Letzteres hat eine kürzlich vorgestellte Anwenderstudie zur Zufriedenheit mit klinischen IT-Systemen ergeben, für die mehr als 2 300 Ärzte und Pflegekräfte in 28 Krankenhäusern befragt wurden (http://daebl.de/YN64). Danach sind mehr als ein Drittel der klinisch tätigen Ärzte unzufrieden mit der Nutzerfreundlichkeit ihres Krankenhausinformationssystems. Dabei zeigten sich die Ärzte wesentlich kritischer als das Pflegepersonal: Sie äußerten viermal häufiger Kritikpunkte zu den klinischen Anwendungssystemen, vermutlich, „weil sie wesentlich häufiger mit den klinischen IT-Systemen arbeiten und deutlich mehr Funktionen im Stationsalltag nutzen“, so die Studienleiterin Prof. Dr. rer. pol. Anke Simon von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Besonders kritisiert wurden laut Studie die mangelnde Benutzerfreundlichkeit der klinischen IT-Systeme, die unzureichende Performance, der Mangel an Funktionalität sowie veraltetete beziehungsweise umständliche Abläufe.

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In der Zwickmühle

Die Ergebnisse dieser Anwenderbefragung spiegelt auch die Krankenhausstudie 2017 der Unternehmensberatung Roland Berger wider (http://daebl.de/GM72). Danach befinden sich die Krankenhäuser hierzulande in der Zwickmühle: Sie wollen digitaler werden und sehen Digitalisierung als Chance, allein es fehlen die Investitionsmittel für eine moderne und sichere IT-Infrastruktur. Eine bessere IT-Infrastruktur und mehr Fachpersonal sind der Studie zufolge notwendig, um eine sichere Digitalisierung der Prozesse umzusetzen. 60 Prozent der befragten Krankenhäuser litten jedoch unter unzureichenden Investitionsmitteln. Zwar hätten 90 Prozent der Krankenhäuser eine Digitalisierungsstrategie, um Prozesse schneller, effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Und immerhin ein Drittel konnte durch digitale Maßnahmen die Ergebnisse verbessern. Ein Großteil der Krankenhäuser gibt jedoch weniger als zwei Prozent des Umsatzes für Investitionen in IT aus (zum Vergleich: In der Industrie beträgt dieser Anteil etwa zwölf Prozent). So ist es auch nicht verwunderlich, dass 64 Prozent der Krankenhäuser laut Studie schon einmal Opfer eines Hackerangriffs geworden sind.

Die Digitalisierung des stationären Sektors war auch ein zentrales Thema beim diesjährigen Deutschen Krankenhaustag in Düsseldorf. Hintergrund ist nicht zuletzt die Onlineanbindung der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur, die Ende des Jahres beginnen wird. Auch die rund 2 000 Krankenhäuser sollen an das sichere Gesundheitsnetz angebunden werden, um die Gesundheitssektoren zu vernetzen und beispielsweise das Entlassmanagement digital voranzutreiben. Weitere Herausforderungen kommen durch gestiegene Sicherheitsanforderungen als eine Folge der KRITIS-Verordnung auf die Krankenhäuser zu.

Aus Sicht von Dr. rer. soc. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), muss die flächendeckende Digitalisierung aller Krankenhäuser innerhalb der nächsten fünf Jahre stattfinden. Dafür veranschlagt der Verband circa zwei Milliarden Euro Kosten jährlich. Dieser „Kraftakt für die Branche“ bedeute einen Quantensprung für die Strukturen der Gesundheitsversorgung. „Die Politik hat das inzwischen erkannt“, meinte der VKD-Präsident. „Eine gute Gesundheitsversorgung ist eine wichtige Infrastrukturleistung für die Bürger.“ Dass die Krankenhäuser diesen Kraftakt allein stemmen könnten, sei eine Illusion. „Wir brauchen daher speziell für diesen Zweck eine Investitionsoffensive aus Bundesmitteln“, forderte er.

Der VKD ist zudem überzeugt, dass Digitalisierung und Modernisierung der Strukturen dazu beitragen werden, das Personal zu entlasten. Der hohe Anteil bürokratischer Aufgaben könnte sich dadurch erheblich verringern lassen, sodass Ärzte und Pflegende wieder mehr Zeit für die Versorgung der Patienten haben, hofft der Verband.

Zunehmend müssen sich die Krankenhäuser auch auf die veränderten Ansprüche ihrer Patienten einstellen, die etwa per E-Mail mit ihrem Arzt kommunizieren und das iPad am Krankenbett nutzen wollen oder eine Terminbestätigung per SMS oder WhatsApp erwarten. „Die Interaktion zwischen Arzt und Krankenhaus verändert sich, weil sich die Gesellschaft verändert“, meinte Jan Neuhaus, Geschäftsführer des IT-Dezernats bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Ein weiteres Schwerpunktthema für die Krankenhäuser ist laut Neuhaus die elektronische Patientenakte (ePA). Die ePA nach § 291 a Sozialgesetzbuch V sei ein erster Schritt, um Patienteninformationen dort, wo sie benötigt werden, schneller verfügbar zu machen, den Patienten stärker einzubinden und dadurch auch die Patientensicherheit zu erhöhen, sagte Neuhaus. In der integrierten Versorgung sei die ePA jedoch kein geeignetes Arbeitsmittel, weil der Patient in der Akte jederzeit Daten löschen könne. Noch wichtiger für Krankenhäuser und Ärzte ist Neuhaus zufolge daher die elektronische Fallakte: Diese erlaube es durch die klare Zweckbindung, dass Patienten den an der Behandlung beteiligten Leistungserbringern einen digitalen Kommunikationsweg eröffnen und damit eng verzahnte Versorgungsprozesse möglich werden.

Vision Krankenhaus 4.0

Wie soll das Krankenhaus der Zukunft aussehen? In einem Positionspapier (http://daebl.de/PG53) hat das Fraunhofer-Innovationszentrum für Logistik und IT untersucht, inwiefern der Kerngedanke von Industrie 4.0, die reale mit der virtuellen Welt zu vernetzen, auf ein Krankenhaus übertragbar ist. Anders als in der Industrie stehen im Krankenhaus zwar keine Produktions- und Automatisierungstechniken im Vordergrund, sondern Diagnose- und Therapieprozesse, die per se schwieriger zu planen sind. Dennoch gibt es den Autoren zufolge bereits Berührungspunkte, denkt man etwa an intelligente Unterstützungssysteme auf der Intensivstation und im OP.

Und es gibt zentrale Parallelen: Ähnlich wie in der Industrie 4.0 der Trend zu individualisierten Produkten und zu flexibilisierten Arbeitsabläufen immer wichtiger werde, sei es auch im Krankenhaus nicht zielführend, „jeden Patienten nach den Prinzipien der Massenproduktion zu behandeln“. Individuelle Nebenerkrankungen und Komplikationen im Behandlungsprozess führen zu einer hohen Variabilität, sodass trotz standardisierter Einzeluntersuchungen für bestimmte Krankheitsbilder der Behandlungsweg vieler Patienten unterschiedlich ist.

Auch in der Organisationsstruktur sehen die Autoren Ähnlichkeiten: So lassen sich Informationen durch dezentrale Assistenzsysteme zielgerichteter weiterleiten und verarbeiten. „In der immer stärker wachsenden Spezialisierung und Individualisierung der Medizin werden intelligente Unterstützungssysteme immer wichtiger“, schreiben sie.

Das Krankenhaus 4.0 als Zukunftsvision umfasse „die Digitalisierung und Vernetzung von Behandlungs- und Versorgungsprozessen im Krankenhaus mithilfe von cyberphysikalischen Systemen und dem Internet der Dinge und Dienste als Unterstützungssysteme“. Erste Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel sind laut Positionspapier beispielsweise die ePA, die Aufnahme und Verarbeitung medizinischer Daten über mobile Endgeräte oder die automatisierte fallbasierte Materialerfassung. Für die sukzessive Umsetzung sei ein strategisches Konzept notwendig.

Im kürzlich gestarteten Projekt eHospital 4.0 (www.hospital40.net) wird die Probe aufs Exempel gemacht: In den Kliniken Augsburg und Bayreuth sollen innovative Logistiksysteme durch vorhandene digitale Technologien weiterentwickelt werden. Dabei werden zwei Prozesse – die Logistik im Zentrallager und die Bettenlogistik – unter die Lupe genommen, auf ihren Digitalisierungsgrad hin überprüft und optimiert. Das Projekt umfasst auch ein Weiterbildungsprogramm für das Klinikpersonal, damit es die digitale Krankenhauslogistik versteht und umsetzen kann.

Heike E. Krüger-Brand

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