ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2017Öko­nomi­sierung: Protest
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Die Analyse der Autoren zu den „besorgniserregenden Entwicklungen“ und der Gefährdung ethischer Grundsätze bei der Patientenversorgung in deutschen Krankenhäusern ist absolut zutreffend. Allerdings wird zur Lösung nicht der Verursacher, nämlich die Politik herausgefordert, sondern an die Krankenhäuser selbst appelliert – und das mit gebremster Erwartung –, trotz Finanzdruck die ethischen Grundwerte einzuhalten.

Nachdem die Bundesländer sich weitgehend aus der Investitionsfinanzierung zurückgezogen haben, sind Krankenhäuser gezwungen, ihre Investitionen aus DRG-Erlösen zu finanzieren. Das heißt, jedes Krankenhaus muss Profit machen, um zukunftsfähig zu bleiben.

Ein ursprüngliches Ziel des DRG-Systems, dass das Geld der Leistung folgen soll, hat sich unter diesen Bedingungen verkehrt: Die Leistung folgt dem Geld beziehungsweise der lukrativen Fallpauschale. So haben einzelne Fachbereiche in der Krankenhauslandschaft zumindest temporär an unerwarteter Bedeutung gewonnen, zum Beispiel die Pulmonologie (Stichwort: Weaning).

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Dass unter diesen ökonomischen – von der Politik zu verantwortenden – Bedingungen die ethischen Werte, zentral das Patientenwohl, gefährdet sind, liegt auf der Hand.

Allein ein Blick in das Krankenhausstrukturgesetz von 2016 reicht. Da konstatiert der Gesetzgeber, dass es wirtschaftlich begründete Fallzahlsteigerungen beziehungsweise Mengenausweitungen bei Krankenhausbehandlungen gibt. Und er gibt vor, wie das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) durch Abwertungen bei den Fallpauschalen darauf zu reagieren hat. Dass solche Maßnahmen bereits erfolgt sind, belegt den Tatbestand.

Wirtschaftlich begründete Mengenausweitung bedeutet aber nichts anderes als medizinisch nicht indizierte Operationen beziehungsweise Eingriffe. Jeder nicht indizierte Eingriff ist jedoch ein Verstoß gegen ärztliches Berufsethos, das das Patientenwohl an oberste Stelle setzt.

Dass der implizite ethische Vorwurf im Gesetzestext keinerlei Reaktionen bei der Ärzteschaft hervorgerufen hat, ist bemerkenswert. Ein engagierter Protest der Krankenhausärzte gegen eine Politik, die durch eine verfehlte Krankenhausfinanzierung diese in einen immanenten Konflikt zwischen Patientenwohl und Krankenhausprofit bringt, ist längst überfällig.

Dr. med. Hermann Schmitz, 53115 Bonn

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Avatar #572508
U L I Sappok
am Sonntag, 14. Januar 2018, 22:42

Protest UND Neugestaltung des Gesunheitswesens durch die Ärzte und Pflegende

Eine gute Idee. Aber eigentlich nicht nur wegen der Krankenhausunterfinanzierung.
dass sich Pharmakonzerne immer noch "bedienen" dürfen, dass Upcoding durch Morbi RSA falsches Anreizsystem ist statt Motivation (Zeit!) zur Lebensstiländerung zu belohnen. Am Lebensende noch auf Intensiv kommen trotz Patientenverfügung: wo sollen wir anfangen?
Ja, vielleicht mit einer online Petition via Campact betr Krankenhaus unterfinanzierung mit all den Folgen wie dargestellt.