ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2017Meningokokken-B-Impfstoff: Zweiten Krankheitsgipfel vermeiden

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Meningokokken-B-Impfstoff: Zweiten Krankheitsgipfel vermeiden

Eckert, Nadine

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Abschlussfahrten, Partys, gemeinsamer Alkoholkonsum, Rauchen – typische Verhaltensweisen von Teenagern lassen die Inzidenz von Meningokokken-B-Infektionen ansteigen. Für die Prophylaxe steht nun ein neuer Impfstoff zur Verfügung.

Invasive Meningokokken-Erkrankungen (IME) nehmen in den ersten 3 Monaten des Jahres um 30–40 % zu. Sie können zwar alle Altersgruppen betreffen, die höchsten Inzidenzen finden sich aber bei Kleinkindern und Jugendlichen.

Insbesondere der zweite Krankheitsgipfel bei den älteren Teenagern werde – selbst von Ärzten – häufig übersehen, berichtete Prof. Dr. med. Tino F. Schwarz, Zentrallabor und Impfzentrum, Klinikum Würzburg Mitte: „Die Inzidenz bei den 15- bis 19-jährigen Jugendlichen liegt etwa um das Dreifache über der Gesamtinzidenz.“ Der Krankheitserreger Neisseria meningitidis wird durch Tröpfcheninfektion übertragen.

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Überträger können selbst asymptomatisch sein

Es sind die typischen Verhaltensweisen von jungen Leuten, wie Küssen, Rauchen, gemeinsames Trinken aus einer Bierflasche, Clubbesuche, Partys, Klassenfahrten, die die Übertragung begünstigen. Der Überträger der Infektion kann selbst asymptomatisch sein. Circa 10 % aller gesunden Menschen – bei Jugendlichen bis zu 24 % – weisen eine Besiedlung der nasopharyngealen Schleimhäute mit Neisseria meningitidis auf. In Deutschland sind vor allem die Serogruppen B und C relevant. Erreger der Serogruppe B (MenB) verursachen circa 65–70 % der IME, Erreger der Serogruppe C (MenC) sind für circa 20–25 % verantwortlich.

Eine Impfung gegen MenC ist seit 2006 Teil der von der STIKO empfohlenen Impfungen für Kleinkinder (früh im 2. Lebensjahr). Der erste MenB-Impfstoff (Bexsero, Novartis) wurde 2014 zugelassen. Im Mai 2017 hat die Europäische Kommission nun einen zweiten Impfstoff (Trumenba®, Pfizer) für die aktive Immunisierung von Personen ab 10 Jahren zur Prävention von IME der Serogruppe B zugelassen. Eine Impfung gegen den Serotyp B empfiehlt die STIKO bislang nur für bestimmte Hochrisikogruppen.

Doch Jugendliche und junge Erwachsene sind ebenfalls eine Risikogruppe, wie Schwarz darlegte. Sie haben nicht nur die höchsten Meningokokken-Trägerraten und erhöhen ihr Risiko durch typische Verhaltensweisen, „bei Jugendlichen werden frühe Symptome einer IME später erkannt, was die Zeit bis zur Krankenhausaufnahme erhöht“, sagte Schwarz. IME sind häufig mit einem schweren und rasanten Krankheitsverlauf assoziiert. „Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung ist entscheidend“, sagte Schwarz. Doch während „bei Kleinkindern nur rund 14 Stunden bis zur Vorstellung beim Arzt vergehen, sind es bei Jugendlichen etwa 22 Stunden von Symptombeginn bis zur Behandlung“.

In einer Untersuchung in Großbritannien lag die Sterblichkeitsrate bei den 15- bis 24-Jährigen am höchsten. Den Überlebenden drohen schwerwiegende, dauerhafte Schäden wie Hörverlust, neurologische Schäden und Amputationen. Trumenba sei eine neue Option zur Impfprävention von Meningokokken-B-Erkrankungen für Jugendliche und Erwachsene, sagte Prof. Dr. med. Markus Knuf, Klinik für Kinder und Jugendliche, Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken, Wiesbaden.

Der Impfstoff besteht – anders als die bislang zur Verfügung stehende Vakzine – aus 2 Varianten des Faktor-H-bindenden Proteins (fHbp), eines Oberflächenantigens, das Bakterien hilft, die Immunabwehr des Wirtes zu umgehen. „Genetisch und immunologisch werden 2 verschiedene fHbp-Subfamilien (A und B) unterschieden“, erklärte Knuf. Der bivalente MenB-Impfstoff enthält die fHbP-Varianten A05 und B01, je eine pro Subfamilie, und deckt damit mehr als 90 % der invasiven MenB-Stämme in Europa ab.

In Phase-III-Studien mit gesunden Jugendlichen und Erwachsenen erreichten 80–90 % der Probanden einen schützenden Anstieg des Antikörpertiters. Die Persistenz der Immunantwort ist bis zu 48 Monate nachweisbar, eine Auffrischimpfung nach 4 Jahren sollte für Personen mit fortbestehendem Risiko einer IME in Betracht gezogen werden, sagte Knuf.

In 11 Studien mit circa 15 000 Probanden habe der bivalente MenB-Impfstoff ein akzeptables Sicherheitsprofil gezeigt. Häufigste Nebenwirkungen waren Schmerzen am Injektionsort, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen und Schüttelfrost.

Verabreichung mit anderen Adoleszentenimpfungen

Die Daten unterstützen außerdem die Verabreichung mit den routinemäßig empfohlenen Adoleszentenimpfungen wie zum Beispiel der HPV-Impfung. Das Standardimpfschema für die Routineimmunisierung besteht aus 2 Dosen, die im Abstand von 6 Monaten verabreicht werden. Bei Personen mit erhöhtem Risiko für IME oder während Serogruppe-B-Ausbrüchen ist auch ein 3-Dosen-Schema möglich.

Nadine Eckert

Quelle: Fachpressegespräch „Impfprävention jenseits des Säuglingsalters: Trumenba® als neue Option gegen Meningokokken-B-Erkrankungen für Jugendliche und Erwachsene“ im Rahmen des Kongresses für Kinder- und Jugendmedizin, Köln, 22. September 2017; Veranstalter: Pfizer

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