ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2017Patienten mit Migrationshintergrund: Vielfalt in der Praxis

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Patienten mit Migrationshintergrund: Vielfalt in der Praxis

Grosse, Susanne

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In Deutschland leben Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen. Bei der Behandlung von Patienten muss deren Migrationshintergrund nicht unbedingt eine Rolle spielen – oftmals tut er es aber doch.

Foto: dpa
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Patientenmitarbeit, Rollenbild von Mann und Frau, Palliativversorgung, Demenz und Pflege: Beispiele, wann der Migrationshintergrund von Patienten bei der ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung relevant sein kann, gibt es viele. Ein prominentes ist sicherlich das Fasten aus religiösen Gründen. Wenn ein Patient chronisch krank ist und beispielsweise Diabetes hat, muss er sich zwar nicht daran halten – aber manche wollen es trotzdem. Hier kann es für Ärzte hilfreich sein, mit dem Patienten darüber zu sprechen und gegebenenfalls ein Probefasten zu vereinbaren, um die Auswirkungen zu testen.

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Auch das Rollenbild im Arzt-Patienten-Verhältnis kann durch den Migrationshintergrund beeinflusst sein. So ist das Rollenverständnis bei manchen Patienten aufgrund ihrer Herkunft und Sozialisation vielleicht besonders paternalistisch geprägt. In solchen Fällen erfahren Ärzte und Psychotherapeuten wichtige Details zu gesundheitlichen Beschwerden erst dann, wenn sie den Patienten ausdrücklich danach fragen. Den Migrationshintergrund eines Patienten zu kennen, kann somit sehr hilfreich sein.

Informationen geben

Gezielt Informationen finden, trotz Informationsflut den Überblick behalten und bewusst Entscheidungen treffen, die der Gesundheit dienen: Das gehört zur Gesundheitskompetenz. Menschen mit Migrationshintergrund haben zum Teil erhebliche Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Das zeigen auch Studienergebnisse zur Gesundheitskompetenz. „So fällt es beispielsweise der Hälfte der Befragten mit Migrationshintergrund schwer, Packungsbeilagen von Medikamenten zu verstehen“, erklärt Prof. Dr. Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld. „Die Kommunikation mit Patienten sollte immer an ihrem Wissensstand, ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten angepasst sein, um sie so besser erreichen zu können. Es gibt zahlreiche Methoden, wie man Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz erkennt und besser ansprechen kann“, sagt sie. Die Universität Bielefeld stellt Ärzten darum in einer Material- und Methodensammlung Informationen zu unterschiedlichen Ansätzen zur Verfügung, um die Förderung von Gesundheitskompetenz im Alltag zu erleichtern. Eine Methode aus den USA ist beispielsweise „Ask me 3“. Sie soll Patienten dazu motivieren, bei jedem Kontakt mit dem Arzt die folgenden drei konkreten Fragen zu stellen: Was ist mein gesundheitliches Problem? Was kann ich dagegen tun? Warum ist es für mich wichtig, das zu tun? Dadurch soll es Patienten leichterfallen, nachzufragen wenn sie etwas nicht verstanden haben und dabei die passenden Fragen zu stellen. So können Patienten einen eigenen Beitrag zu einer aktiveren Rolle im Behandlungsgeschehen leisten. Eine weitere Technik ist die des Wiedergebens („Teach back“), mithilfe derer Ärzte feststellen können, inwiefern der Patient die wichtigsten Informationen im Arzt-Patienten-Gespräch verstanden hat. Dabei bitten Ärzte den Patienten im Anschluss an ihre Erläuterungen, die zentralen Inhalte des Gesprächs in eigenen Worten wiederzugeben. Auf diese Art und Weise können Ärzte zum einen Informationslücken beim Patienten identifizieren, zum anderen auch ihre eigenen kommunikativen Fähigkeiten überprüfen und gegebenenfalls anpassen. „Chunk and check“ ist eine Methode, bei der Ärzte die Informationsinhalte des Gesprächs in leicht verständlichen Stücken (chunks) vortragen und diese sinngemäß vom Patienten rückkoppeln lassen (check). In Kombination mit der Teach-Back-Methode können Ärzte erfahren, welche Aspekte der Patient verstanden hat und bei welchen Erläuterungsbedarf besteht. Der Zweck dieses Vorgehens ist, das Verständnis und die Verarbeitung der vermittelten Informationen für die Patienten zu erleichtern, insbesondere wenn diese etwa durch Unsicherheit, akute oder chronische Schmerzen beeinträchtigt werden.

Auf Patienten einstellen

Um sich speziell auf Patienten mit Migrationshintergrund einzustellen, kann es hilfreich sein, sich zunächst der Unterschiedlichkeit bewusst zu sein, eigene kulturelle Vorstellungen zu reflektieren und religiös bedingte Einstellungen und Entscheidungen der Patienten zu kennen und zu respektieren.

Die Kommunikation zwischen Ärzten beziehungsweise Psychotherapeuten und Patienten mit Migrationshintergrund wird durch unterschiedliche kulturelle Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen beeinflusst. So werden eventuell Symptome mit anderen Begrifflichkeiten ausgedrückt. Schmerz wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich zugeordnet, beschrieben und verarbeitet. Schmerzverhalten kann Ausdruck von psychischen Belastungen durch Fluchterfahrungen, Angst oder Trauer oder auch kulturbedingt sein und wird entsprechend umschrieben. Auch der Lebensstil spielt eine Rolle. So hat das Essen in den meisten Kulturen eine starke soziale Komponente. Bestimmte Essgewohnheiten beeinflussen gegebenenfalls verhaltensspezifische Therapieempfehlungen bei einer Erkrankung.

Tipps von Kollegen holen

Praxisnahe Tipps können sich Ärzte auch von Kollegen holen, empfiehlt beispielsweise Dr. med. Riad El Kassar. Der niedergelassene Kardiologe in Waltrop bei Dortmund rät, sich untereinander über Migrationserfahrungen auszutauschen, um sich bei Bedarf unterstützen zu können. Er selbst hat syrische Wurzeln und dementsprechend Sprach- und Kulturkenntnisse: „Wenn die Kollegen mit einem syrischen Patienten nicht weiterkommen, rufen sie bei mir an“, sagt er und fügt hinzu: „Es bietet sich an, Besonderheiten bei der Behandlung von Migranten und Flüchtlingen zu thematisieren und sie zum Gegenstand des kollegialen Austausches etwa im Rahmen der Qualitätszirkelarbeit zu machen.“

Weiterführende Informationen zu unterschiedlichen Situationen, in denen der Migrationshintergrund in den Vordergrund treten kann, und was im Praxisalltag möglicherweise weiterhilft, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in einer neuen Broschüre mit dem Titel „Vielfalt in der Praxis“ zusammengestellt. Das 20-seitige Heft kann kostenfrei per E-Mail bestellt werden (versand@kbv.de) und steht als barrierefreie Version auf der KBV-Webseite bereit (www.kbv.de/838223).

Susanne Grosse

Hintergrund

Rund 18,6 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland haben einen Migrationshintergrund, das sind etwa 22,5 Prozent der Bevölkerung. Rund zwei Drittel davon haben eigene Migrationserfahrungen, etwa ein Drittel ist in Deutschland geboren. Die häufigsten Herkunftsländer sind die Türkei, Polen sowie die Russische Föderation (Quelle: Statistisches Bundesamt, Zahlen für 2016, Basis:
Mikrozensus).

Praxistipp

In Qualitätszirkeln (QZ) können sich Ärzte und Psychotherapeuten mit Kollegen fachlich austauschen, das eigene Handeln reflektieren und neues Wissen generieren. Gleichzeitig können Kontakte aufgebaut und Netzwerke gebildet werden. Das Modul „Kultursensibilität in der Patientenversorgung“ beschreibt die Auswirkungen einzelner kultureller Aspekte auf die Arzt-Patienten-Beziehung – zum Beispiel Tradition, Bildung, Sprache, Ethnie, Moral, Lebenserfahrung. Um diese Begriffe werden Herausforderungen gruppiert, die im Praxisalltag entstehen können, etwa Kommunikationsprobleme, Missverständnisse aufgrund eines unterschiedlichen Umgangs mit Schmerz, Gewalt oder Unkenntnis über ungewohnte Bürokratie, unterschiedliche Rollenerfahrungen und Erwartungen.

Ob und welche Qualitätszirkel es in der Region gibt, erfahren Ärzte und Psychotherapeuten bei ihrer Kassenärztlichen Vereinigung. Sie können aber auch selbst einen QZ gründen. Voraussetzung ist eine Moderatorenausbildung. Bundesweit gibt es etwa 6 850 ausgebildete QZ-Moderatoren. Sie können mehr als 30 Module für die Zirkelarbeit nutzen.

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