POLITIK

Transplantationsmedizin I: Gravierender Mangel an Organen

Dtsch Arztebl 2017; 114(49): A-2326 / B-1946 / C-1900

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die aktuelle Prüfung der Transplantationszentren ergab kaum noch Unregelmäßigkeiten. Auch die Organspendebereitschaft der Bevölkerung ist gestiegen. Trotzdem beklagen Transplantationsmediziner und die Deutsche Stiftung Organtransplantation rückläufige Organspendezahlen.

Trotz aller Aufklärungs- und Werbekampagnen fiel die Zahl der transplantierten Organe in diesem Jahr auf einen neuen Tiefstwert. Foto: Science Photo Library Del Guercio, Michelle
Trotz aller Aufklärungs- und Werbekampagnen fiel die Zahl der transplantierten Organe in diesem Jahr auf einen neuen Tiefstwert. Foto: Science Photo Library Del Guercio, Michelle

Vor allem eine Sorge treibe die Ärztinnen und Ärzte in den Transplantationszentren um: der Mangel an Spenderorganen in Deutschland. Dieser führe zu gravierenden Schwierigkeiten bei der Versorgung von Patienten, die auf Wartelisten zur Organtransplantation gemeldet sind, sagte Prof. Dr. med. Bernhard Banas, Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), bei der gemeinsamen Sondersitzung der Ständigen Kommission Organtransplantation (StäKo) sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission Mitte November in Berlin.

Banas bedauerte, dass es auch im Berichtsjahr 2016/2017 der DTG keine Trendumkehr der rückläufigen Zahlen für Organspende und -transplantationen gebe. Im internationalen Vergleich habe trotz hoher Qualität der deutschen Transplantationsmedizin die entsprechende quantitative Versorgung der betroffenen Patientinnen und Patienten einen besorgniserregenden Tiefstand erreicht, sagte er. Andere EU-Länder reagierten auf den Mangel an Spenderorganen pragmatischer.

Historischer Tiefstand

Der Transplantationsmediziner verwies auf den 13. Jahreskongress der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im November in Frankfurt/Main. Die dort vorgestellten Statistiken belegten einen Rückgang der Spenden bei allen Organen. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres konnten deutschlandweit nur 2 359 Organe Verstorbener transplantiert werden – das sind fast 200 weniger als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2010 erwartet die bundesweite Koordinierungsstelle zum Ende des Jahres ein Minus von mehr als 1 500 Organen. Gleichzeitig benötigen jedoch momentan mehr als 10 000 Patienten die Transplantation eines Organs.

„Die Situation ist zutiefst besorgniserregend. Wir sind mittlerweile auf dem niedrigsten Stand der Organspendezahlen der letzten 20 Jahre angekommen“, erklärte der Medizinische Vorstand der DSO, Dr. med. Axel Rahmel. Von Jahr zu Jahr könne weniger Patienten mit einer Transplantation geholfen werden (Grafik). Dabei war man vor 20 Jahren – als das Transplantationsgesetz am 1. Dezember 1997 in Kraft trat – davon ausgegangen, mehr Organspender gewinnen zu können. 2012 verpflichtete dann der Bundestag die Krankenkassen, jeden Versicherten regelmäßig über Organspenden aufzuklären. Seitdem stiegen zwar die prinzipielle Zustimmung der Bevölkerung, aber nicht die Spenderzahlen.

Postmortale Organspender in Deutschland (Januar bis Oktober)
Grafik
Postmortale Organspender in Deutschland (Januar bis Oktober)

Die DSO sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf und appellierte bei ihrer Jahrestagung an die Verantwortung aller Partner im System der Organspende und Transplantation, um die Organspende in Deutschland wieder auf Kurs zu bringen. Ansetzen müsse man nach ihrer Ansicht jedoch nicht bei der Bevölkerung. Gründe für den Organmangel seien vielmehr strukturelle als auch organisatorische Schwachstellen an den Kliniken. Insbesondere durch eine verstärkte Berücksichtigung des Willens zur Organspende bei Behandlungsstrategien am Lebensende könne die Zahl der Spenderorgane gesteigert werden. Schulungen der Intensivmediziner sowie eine regelhafte Einbeziehung der Transplantationsbeauftragten in Entscheidungen am Lebensende könnten einen positiven Effekt für die Organspende erzielen, meint die DSO. Dazu müssten jedoch die Transplantationsbeauftragten in den Entnahmekliniken gestärkt werden, beispielsweise durch eine kontinuierliche Weiterbildung, die Entlastung von anderen Aufgaben sowie durch mehr Unterstützung und Wertschätzung ihrer Tätigkeit durch die Klinikleitung.

Ein Hemmschuh sei die uneinheitliche Ausgestaltung der Landesausführungsgesetze. „Wir brauchen für alle Länder eine einheitliche Regelung zur Freistellung für diese wichtige Tätigkeit, ähnlich, wie sie das Landesausführungsgesetz in Bayern beispielsweise vorgibt“, erklärte Rahmel. Auch die zunehmende Arbeitsverdichtung auf den Intensivstationen und der wachsende wirtschaftliche Druck seien Gründe für die Zurückhaltung der Kliniken gegenüber der Organspende. Die DSO forderte deshalb auf ihrem Jahreskongress die zügige Entwicklung eines gemeinschaftlichen Initiativplans zur Förderung der Organspende. Kliniken sollten nach ihrer Ansicht für Organentnahmen eine zusätzliche Vergütung erhalten, damit sie das schwierige Thema nicht vernachlässigten.

Einen Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber der Transplantationsmedizin allein für den Rückgang der Organspenden verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen, betont die DSO. Denn der Rückgang der Spendebereitschaft setzte in Deutschland bereits 2010 ein – also vor dem Bekanntwerden der Skandale an einigen Transplantationszentren ab 2012. Zudem sind seither viele Maßnahmen ergriffen worden: So leitete die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) als Richtliniengeberin 2012 eine Gesamtrevision der Richtlinien zur Organtransplantation ein. 2013 schuf der Gesetzgeber durch § 19 Abs. 2 a Transplantationsgesetz (TPG) einen speziellen Straftatbestand: Es ist seitdem strafbewehrt verboten, bei der Meldung an die Vermittlungsstelle Eurotransplant den Gesundheitszustand eines Patienten unrichtig zu erheben oder zu dokumentieren oder einen unrichtigen Gesundheitszustand eines Patienten zu übermitteln. „Wer gegen dieses Verbot verstößt, kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft werden“, erläuterte Prof. Dr. jur. Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der BÄK (StäKo), bei der Vorstellung des Jahresberichts 2016/2017 der Prüfungskommission und der Überwachungskommission Anfang Dezember in Berlin. „Die Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer haben nach Feststellung des Bundesgerichtshofs Normqualität. Sie sind eine Form exekutiver Rechtsetzung“, betonte Lilie (siehe folgender Artikel).

Beide für die Prüfung der Transplantationszentren zuständigen Kontrollgremien (in gemeinsamer Trägerschaft von BÄK, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband) konnten in ihrer mittlerweile zweiten Prüfperiode eine positive Zwischenbilanz ziehen: Die meisten Kliniken halten sich jetzt exakt an die Richtlinien. „Wir werden auch künftig jeder Unregelmäßigkeit nachgehen, um so das Vertrauen in die Organspende weiter zu stärken“, sagte Prof. Dr. med. Hans Lippert, Vorsitzender der Überwachungskommission. Die enge Zusammenarbeit mit den Landesministerien ermöglichten einen schnellen und umfassenden Informationstransfer.

Kaum noch Auffälligkeiten

In diesem Jahr prüften die Kommissionen 58 Transplantationsprogramme aus den Jahren 2013 bis 2015. Sie fanden im Bereich der Nieren-, Pankreas- und kombinierten Nieren-Pankreas-Transplantationen sowie der Lungen­trans­plan­ta­tionen keine Auffälligkeiten. Auch die bereits abgeschlossenen Prüfungen der Herztransplantationsprogramme und eines Leber­trans­plan­tations­pro­gramms bestätigten, dass der ganz überwiegende Teil der Zentren ordnungsgemäß und korrekt arbeite, erläuterte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Vorsitzende Richterin am Kammergericht i. R., Anne-Gret Rinder.

Auffälligkeiten stellten die Kommissionen bei den Universitätsklinika Berlin, Göttingen und Essen fest: Das Herztransplantationsprogramm des Deutschen Herzzentrums Berlin hatte die Verstöße bereits selbst gemeldet. Bei der ebenfalls früher begonnenen und in diesem Berichtszeitraum abgeschlossenen Prüfung des Leber­trans­plan­tations­pro­gramms des Universitätsklinikums Göttingen fielen systematische Richtlinienverstöße auf. Diese bezogen sich allerdings auf eine unzureichende Abklärung der Alkoholkarenz bei äthyltoxischer Leberzirrhose bis zum Jahre 2011. Ab 2012 verhielt sich das Zentrum im Wesentlichen richtlinienkonform. Die Prüfung des Leber­trans­plan­tations­pro­gramms des Universitätsklinikums Essen ergab Richtlinienverstöße gegen die Ausnahmeregelung zur Anmeldung auf die Warteliste bei Vorliegen eines hepatozellulären Karzinoms sowie eine unzureichende Abklärung der Alkoholkarenz und Dokumentationsmängel.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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