ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2017Essstörungen bei Männern: Nicht nur eine „Frauenkrankheit“

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Essstörungen bei Männern: Nicht nur eine „Frauenkrankheit“

PP 16, Ausgabe Dezember 2017, Seite 586

Sonnenmoser, Marion

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Essstörungen treten bei Männern deutlich seltener auf als bei Frauen. Geschlechtsspezifische Therapien lehnen die meisten Experten zwar ab. Trotzdem sollte versucht werden, Männern Hemmungen und Schamgefühle zu nehmen.

Essstörungen wie Anorexie, Bulimie und Binge-Eating-Störung kommen wesentlich häufiger beim weiblichen als beim männlichen Geschlecht vor. Von hundert Patienten mit Magersucht sind etwa acht Prozent männlich, mit Bulimie 15 Prozent und mit Binge-Eating-Störung etwa 20 Prozent. Der Geschlechterunterschied ist bei kaum einer anderen Erkrankungen so groß wie bei Essstörungen. Das geringe Vorkommen von Essstörungen bei Jungen und Männern führt dazu, dass Essstörungen als „typisch weiblich“ betrachtet und von Angehörigen, Ärzten und anderen Personen bei männlichen Betroffenen häufig übersehen oder erst sehr spät bemerkt und entsprechend selten behandelt werden.

Zusammenhang Sport

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Essstörungen treten bei Jungen und Männern häufig im Zusammenhang mit körperlichem (Kraft-)Training und bestimmten Sportarten auf, bei denen Gewichtsklassen und Gewichtskontrolle eine wichtige Rolle spielen, wie etwa bei Kampfsportarten, Turnen, Skispringen oder Balletttanzen. Für die Betroffenen gehört es zur Ausübung ihres Sports dazu, strenge Ernährungs- und Bewegungspläne zu verfolgen, zu hungern oder zu erbrechen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Manche Betroffenen machen sich auch vor, lediglich durchtrainiert und fit sein zu wollen. In Folge davon haben viele betroffene Jungen und Männer kein Krankheitsbewusstsein, selbst wenn sie bereits ausgeprägte Symptome einer Essstörung aufweisen.

Ähnlich wie Frauen orientieren sich heutzutage auch viele Männer an den gängigen Schönheitsidealen, vergleichen sich damit und stellen fest, dass sie ihnen nicht entsprechen. Das führt zu Unzufriedenheit mit dem Aussehen und dem Körper und zum starken Wunsch, sich den Schönheitsidealen anzunähern. Für Jungen und Männer bedeutet dies, Muskeln aufzubauen und Fett abzubauen, um eine muskulöse und zugleich schlanke Figur zu erlangen. Dazu werden auch Mittel und Methoden eingesetzt, die dem Körper schaden, wie etwa hungern, Diät- und Abführmittel oder Anabolika einnehmen und extrem trainieren. Verstärkt wird dieses Verhalten durch einen Hang zum Perfektionismus.

Symptomatik und Verlauf von Essstörungen sind bei Männern ähnlich wie bei Frauen. Hinsichtlich der Prognose gehen die Meinungen jedoch auseinander. So wurden einerseits ein günstigerer Krankheitsverlauf und bessere Gesundungsraten, andererseits eine höhere Sterberate aufgrund von Essstörungen bei Männern im Vergleich zu Frauen behauptet. Als gesichert gilt jedoch, dass essgestörte Männer häufig komorbide Krankheiten wie Depressionen, Ängste und Substanzmissbrauch aufweisen.

Essgestörte Männer begeben sich von sich aus nur selten in eine Psychotherapie oder eine andere Behandlung. Der australische klinische Psychologe Zach de Beer (Queensland) und die britische Psychologin Bernadette Wren vom Tavistock and Portman NHS Foundation Trust (London) haben Interviews mit neun essgestörten Männer durchgeführt, um mehr über die Gründe zu erfahren. Es stellte sich heraus, dass die Befragten Scham empfanden, wenn sie zugeben mussten, dass etwas mit ihnen nicht stimmte. „Außerdem nagte es an ihrem Männlichkeitsgefühl, dass sie unter einer ‚Frauenkrankheit‘ litten“, so de Beer und Wren. Die Männer wollten nicht für „weibisch“ gehalten werden und verschwiegen daher ihre Beschwerden lieber.

Männer haben andere Themen

Eine geschlechtsspezifische Behandlung für essgestörte Männer lehnen die meisten Experten ab. Essgestörte, so lautet die Empfehlung, sollten unabhängig vom Geschlecht mit bewährten und empirisch geprüften Verfahren behandelt werden, vor allem mit Psychotherapie. Trotzdem sollten die Interventionen in bestimmten Bereichen auf Männer zugeschnitten werden, um ihnen ihre Hemmungen und Schamgefühle zu nehmen und um es ihnen zu ermöglichen, sich mit ihrer Krankheit zu befassen, ohne stigmatisiert oder als unmännlich angesehen zu werden. Hierzu sind beispielsweise Gruppentherapien zu empfehlen, in denen Männer unter sich bleiben können. Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass Essstörungen und ihre Behandlung für Männer teilweise mit anderen Themen und Bedürfnissen verbunden sind als für Frauen. Im Rahmen einer Intervention sollten diese daher aufgegriffen werden. Beispiele sind das eigene Bild von Männlichkeit und der Wunsch nach Kontrolle. Um Männern das Gefühl zu vermitteln, nicht hilflos und ausgeliefert zu sein, sondern Herr über sich selbst bleiben zu können, ist es hilfreich, sie stets ausführlich über den Behandlungsverlauf zu informieren und jeden Schritt mit ihnen abzustimmen.

Marion Sonnenmoser

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit1217

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2.
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3.
Rivière J, Douilliez C: Perfectionism, rumination, and gender are related to symptoms of eating disorders. Personality and Individual Differences 2017; 116: 63–8 CrossRef
4.
Robinson K, Mountford V, Sperlinger D: Being men with eating disorders. Journal of Health Psychology 2013; 18 (2): 176–86 CrossRef MEDLINE
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