ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2017Sozialhygiene: Einer kam durch

MEDIEN

Sozialhygiene: Einer kam durch

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Unermüdlich verfolgt Elsner ihr Projekt, die Entwicklung der Arbeitsmedizin zeitgeschichtlich aufzuarbeiten. Das Fach läuft unter vielerlei, nicht immer deckungsgleichen Begriffen wie etwa Arbeitsmedizin, Arbeitshygiene, Arbeitsphysiologie, Gewerbehygiene, Sozialhygiene, soziale Medizin, Sozialmedizin. In Elsners Kanon treten sie alle auf. Diesmal widmet sich die Autorin drei Sozialhygienikern, die vorwiegend (Ascher, Hanauer) oder zeitweise (Simonson) Frankfurt am Main verbunden waren. Das liegt nahe, vertrat Elsner doch von 1995 bis 2009 selbst die Arbeitsmedizin an der Frankfurter Universität. Hanauer und Simonson lehrten als Professoren, der eine für „soziale Medizin“, der andere für „Arbeitsphysiologie“, Ascher, der sich als Kreisarzt hauptberuflich um das öffentliche Gesundheitswesen kümmerte, hatte einen Lehrauftrag für „soziale Hygiene“. So unterschiedlich, auch konkurrierend die drei gewesen sein mögen, gemeinsam war ihnen die jüdische Herkunft. Sie wurde ihnen zum Schicksal. Ascher und Hanauer verloren ihre Lehrbefugnisse, Ascher starb im Ghetto Litzmannstadt (Lodz), Hanauer wurde nach einem Nervenzusammenbruch zum Betreuungsfall und verstarb in einer Klinik bei Koblenz. Der etwas abenteuerlich veranlagte Simonson konnte sich rechtzeitig absetzen. Er kehrte aus Charkow, wo er von 1933 bis 1937 lehrte, nicht zurück, sondern ging in die USA. Elsner beschreibt die Lebensumstände der drei Mediziner detailliert und scheut auch nicht gelegentliche Abschweifungen. So erfährt der Leser einiges über über die Einstellung jüdischer Wissenschaftler zur Eugenik, über deutsche Ärzte in der frühen Sowjetunion oder die Organisation des Ghettos Litzmannstadt. Das weitet den Blick und hält zudem den Leser auch bei der Stange. Das Buch schließt mit einer kritischen, eigenwilligen – Elsner schreibt aus einer linken Position – Bewertung der Arbeits- und Sozialmedizin nach 1945. Mit Ascher, Hanauer und Simonson hat das eher am Rande zu tun, immerhin lässt sich an ihnen aber paradigmatisch vorführen, welche Verluste die Sozialhygiene durch die Verfolgung jüdischer Mediziner erlitten hat. Norbert Jachertz

Gine Elsner: Verfolgt, vertrieben und vergessen. Drei jüdische Sozialhygieniker aus Frankfurt am Main: Ludwig Ascher (1865–1942), Wilhelm Hanauer (1866–1940), Ernst Simonson (1898–1974). Verlag VSA, Hamburg 2017, 336 Seiten, gebunden, 24,80 Euro

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema