ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2017Medizinische Versorgung im Terrorfall: „Patienten kamen als Unfallopfer“

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Medizinische Versorgung im Terrorfall: „Patienten kamen als Unfallopfer“

Beerheide, Rebecca

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Die Rettungskette beim Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz ist effektiv abgelaufen. Für künftige mögliche Krisensituationen braucht es weitere Konzepte.

Die Nacht vom 19. Dezember 2016: Die Rettungskräfte gingen wenige Minuten von einem Unfall aus, später von einem Anschlag. Foto: dpa
Die Nacht vom 19. Dezember 2016: Die Rettungskräfte gingen wenige Minuten von einem Unfall aus, später von einem Anschlag. Foto: dpa

Es war 20:04 Uhr am 19. Dezember 2016 als bei der Berliner Feuerwehr der erste Notruf einging: Autounfall am Breitscheitplatz. Um 20:07 Uhr war den Einsatzkräften klar, dass es sich bei dem Notruf um einen „Massenanfall von Verletzen“ – kurz MANV – in der Nähe des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche handelt. Ab 20:09 Uhr wurde die Gefahrenlage bei der Polizei als „Terror, Anschlag, Geiselnahme“ eingestuft. Sieben Minuten davor hatte der Tunesier Anis Amri einen Sattelschlepper in die Menschenmenge gesteuert. Erst später wurde klar, dass dies nicht ein Unfall, sondern tatsächlich ein Terroranschlag war. Elf Besucher des Weihnachtsmarktes starben, 55 wurden schwer verletzt.

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Um 20:44 Uhr erreichte die Charité das „Krisen-Fax“, wie es Prof. Dr. med. Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor, erklärte. „Daher wurden die ersten Patienten noch als Verkehrsunfallopfer eingeliefert“, sagte er auf dem Qualitätskongress Gesundheit Ende November in Berlin. 

Abseits der offiziellen Kette

Besonders hob er den Einsatz der Mitarbeiter in dieser Nacht hervor: Zwar gebe es schon seit den anderen Anschlägen in europäischen Großstädten Einsatzpläne und Informationsketten. Am Abend des 19. Dezember „mussten wir die Mitarbeiter auf diesem komplizierten Weg nicht alarmieren.“ Als die Ärzte und Pflegekräfte einberufen werden sollten, „waren wir an vielen Positionen bereits dreifach besetzt.“ Viele Teams der Charité seien auf private Initiative über den Nachrichtendienst WhatsApp verbunden und hatten sich gegenseitig informiert. „Das war uns nicht bewusst. Die Mitarbeiter sind schon digital, wir als Uniklinikum noch lange nicht“, so Frei.

Auch in anderen Berliner Krankenhäusern lief die Informationskette unter Ärzten und Pflegekräften abseits der offiziellen Wege. So erklärte Dr. med. Eberhard Thombansen, Direktor Klinikmanagement und Strategie bei Vivantes, dass auch hier viele informiert waren, bevor die offizielle Alarmkette begann. In den Vivantes-Häusern wurden nach seiner Aussage neun Verletzte, davon zwei Schwerverletzte, versorgt. „Die Patienten wurden in der Nacht gut verteilt, so dann die intensive Versorgung gut zu leisten war“, sagte der Mediziner auf dem Qualitätskongress.

Auch das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) sorgte in der Nacht vor: Da der Standort im Bezirk Marzahn-Hellersdorf weit vom Geschehen weg liegt, wurden spätere Verlegungen aus anderen Häusern vorbereitet. Prof. Dr. med. Gerrit Matthes, bis vergangenes Jahr am UKB und nun am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam, erklärte, es hätte sich ausgezahlt, dass in Berlin seit 1985 regelmäßige Übungen veranstaltet werden. Er betonte aber, dass es bei einer anderen Art von Anschlag weitaus schwieriger gewesen wäre, Patienten zu versorgen. „Hätte es eine Exposition gegeben, dann hätte es Probleme mit dem Material gegeben.“ Zwar gebe es viele Möglichkeiten, schnell zusätzliche Intensivbetten auf den Stationen zu schaffen, aber das Vorhalten von Materialien sei doch weiterhin sehr kompliziert und kostenintensiv. Intensivmediziner aus Paris arbeiten nach seiner Aussage derzeit an einem EU-weiten Handbuch und Materialempfehlungen. 

Frei von der Charité verwies darauf, dass jede besondere Versorgungssituation eine sehr unterschiedliche Reaktion verlange – sei es bei der Sars- oder Ebola-Epedimie sowie bei dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz. „Als Klinik muss man da pragmatisch in Vorleistung gehen“, so Frei.

Schnellere Kommunikation

Dr. med. Stefan Poloczek, der Ärztliche Leiter Rettungsdienst bei der Berliner Feuerwehr, sieht noch einen anderen Aspekt: die Sicherheit des Arbeitsplatzes von Rettungskräften in solch einer Situation. „Wir müssen daran denken, dass Kliniken weiche Ziele sein können und die Sicherheitspläne entsprechend anpassen“, sagte Poloczek. An der Charité aber auch bei Vivantes wurden dazu Vorkehrungen getroffen. Poloczek forderte, dass die Kommunikation zwischen den Kliniken schneller werden müsse. Dafür werde nun auch in Berlin das IVENA-System getestet, um Patienten in eine Klinik mit freien Kapazitäten zu bringen. An dem Test nehmen nach Aussage von Frei nun sechs Pilot-Häuser teil, die Charité sei eines davon. Das System wird bereits in Frankfurt am Main und in einigen Teilen von Hessen eingesetzt.

Rebecca Beerheide

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