ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2017Von schräg unten: Gut versichert

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gut versichert

Dtsch Arztebl 2017; 114(50): [72]

Böhmeke, Thomas

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Der menschliche Körper besteht aus über 200 Knochen, über neun Organsystemen und etwa 100 Milliarden Gehirnzellen. Man kann ihn dafür benutzen, um in genialer Weise Geige zu spielen oder in vier Stunden Marathon zu laufen. Auf jeden Fall sollte man ihn gut pflegen, so empfehlen wir Ärzte es aus gutem Grund.

Gepflegt wird allerdings meist etwas anderes, nämlich die Bereitschaft, Unzufriedenheit kundzutun. Ja, es scheint ein neurophysiologisches Grundbedürfnis des Menschen zu sein, sich behinterteilt zu fühlen. Das erleben wir tagtäglich bei unseren Schutzbefohlenen, meist in Zusammenhang mit dem Versichertenstatus. Häufig gibt es Zank und Zwist ob der unterschiedlichen Betreuung gesetzlich und privat Krankenversicherter, obwohl wir für den Versichertenstatus nichts können. Aber wir sind erste Adressaten dieser Unzufriedenheit, weil wir unterschiedlich honoriert werden. Dies treibt unsere gesetzlich Krankenversicherten auf die Barrikaden, sind sie doch der Meinung, dass sie gegenüber Privaten schwerst vernachlässigt werden. Statt einer diagnosesicheren Pupille hätten wir Ärzte nur Dollarzeichen in den Augen, die helfende Hand würde zuerst nach dem Portemonnaie grapschen. Neueste Medikamente und Methoden würden nur den Privaten zugutekommen, während GKV-Versicherte sich mit pharmazeutischer und technischer Resteverwertung zufriedengeben müssten.

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Dem ist ganz und gar nicht so, sage ich, aber das will niemand hören. Daher werde ich ein Fanal setzen: Jeder, wirklich jeder GKV-Versicherte kommt in den Genuss modernster medizinischer Versorgung! Ich werde den Nächsten, der mit einer benignen Extrasystolie bei mir aufschlägt, in die Universitätsklinik zwecks elektrophysiologischer Diagnostik und Myokardbiopsie schicken, jawohl! Und diejenigen mit symptomatischen thorakalen Bandscheibenvorfällen gleich hinterher, zum Herzkatheter mit intravaskulärem Ultraschall, zur Lungen- und Mediastinalspiegelung! Das werde ich so lange machen, bis auch der letzte GKV-Patient einsieht: Für mich wird alles getan, für mich ist nichts unmöglich. Als völlig unmöglich könnte man dieses Prozedere zwar unter medizinischen Aspekten sehen, aber was tut man nicht alles für den Versichertenfrieden .... Verzeihung, das Telefon klingelt. Ein befreundeter Hausarzt, der kürzlich aufgrund einer dilatativen Herzerkrankung mit ventrikulärer Salve stationär betreut wurde, berichtet mir über seinen Werdegang. Man hatte ihm umsichtigerweise nicht sofort einen Defibrillator eingepflanzt, sondern mit einem externen Defibrillator versorgt, da die Rekonvaleszenz seiner Ventrikelfunktion absehbar ist. „Das glaubst Du nicht, meine private Kran­ken­ver­siche­rung weigert sich, die Kosten des Defibrillators zu übernehmen, und zwar mit der Begründung, diese sei noch nicht im Heil- und Hilfsmittelverzeichnis gelistet! Ist das nicht irre? Bei jedem GKV-Patienten werden die Kosten anstandslos übernommen! Ich habe natürlich angefragt, wie es möglich sein kann, dass private Kran­ken­ver­siche­rungen dem medizinischen Fortschritt dermaßen hinterherhinken können, und das bei lebensrettenden Maßnahmen. Jeder gesetzlich Versicherte ist besser dran!“ Das ist natürlich äußerst ärgerlich für ihn, da er auf den Kosten hängen bleibt.

Für die Patienten, die ich betreue, eher erfreulich. „Wie meinst Du das?“ Na ja, ich muss sie nicht mehr mit hirnverbrannten Diagnosen und bescheuerten Indikationen zu gefährlichen Untersuchungen in die Kliniken schicken. Ich muss einfach nur diese Glosse im Wartezimmer auslegen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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