ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2017Terroranschläge in Deutschland: Noch sind wir nicht gut genug vorbereitet

MEDIZINREPORT

Terroranschläge in Deutschland: Noch sind wir nicht gut genug vorbereitet

Dtsch Arztebl 2017; 114(50): A-2402 / B-1998 / C-1952

Lenzen-Schulte, Martina

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Immer mehr erfahrene Chirurgen nehmen an Kursen teil, um für den terroristischen Ernstfall zu üben. Die Nachfrage ist groß, aber es fehlt vielen Kliniken schlicht am Geld, um solche Szenarien zu trainieren oder Material dafür vorzuhalten. Dafür ist die Unterstützung der Politik vonnöten.

Fotos: DGOU S. Herda und S. Meier
Fotos: DGOU S. Herda und S. Meier

Selbst bei schwersten Beinverletzungen versuchen Chirurgen die Extremität optimal wiederherzustellen – was Stunden dauert. „Nach einem Terroranschlag muss für ein durchschossenes Bein eventuell ein Tourniquet zum Abbinden genügen, damit der Patient nicht verblutet“, erläutert Prof. Dr. med. Benedikt Friemert, Klinischer Direktor der Unfallchirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Es gilt das Prinzip „Life before Limb“ – um Leben zu retten, muss womöglich eine Extremität geopfert werden. Es kann nämlich bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) viele andere das Leben kosten, wenn CT und Operationssäale blockiert und Blutkonserven verbraucht sind.

Unter dem Diktum einer „tactical abbreviated surgical care“ gilt es, angesichts begrenzter Personal- und Materialressourcen die vielen im Blick zu haben, statt auf den einzelnen zu fokussieren. „Sie wissen nie, wie viele Patienten noch eingeliefert werden und wie schwer diese verletzt sind“, warnt der erfahrene Oberstarzt. „Solche Entscheidungen zu treffen, erfordert extrem viel Mut“, betont Friemert, „aber es ist entscheidend, den ‚Preis‘, also die Konsequenzen jeder medizinischen Handlung zu kennen, wenn wir uns über die Versorgung nach einem Terroranschlag Gedanken machen.“

Das illustriert, welches Umdenken von Ärzten nötig ist, die an eine bestmögliche Wiederherstellungs-chirurgie gewöhnt sind (1). Außerdem haben sie es mit anderen Verletzungsmustern zu tun. Zwar kennen auch hiesige Unfallchirurgen Polytraumata nach Verkehrsunfällen. „Aber Komplexverletzungen nach Explosionen und Schusswaffengebrauch mit Geschoss- und Splitterwunden sehen die zivilen Spezialisten in Deutschland so gut wie nie“, erklärt Friemert, der auch die AG Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (EKTC) der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) leitet (Kasten).

Wer entwaffnet die Patienten?

Im Rahmen der Ausbildung als Arzt für die Bundeswehr verbringt ein Chirurg indessen 3 Monate im Chris Hani Baragwanath Hospital in Soweto, der drittgrößten Klinik der Welt. Allein der Schockraum hat rund 40 Betten, jede Nacht füllen sie sich erneut mit Opfern von Schusswechseln und Messerstechereien aus Johannesburg. Zum Umgang mit solchen Verletzungen zählt auch die Frage, wie Patienten zu entwaffnen sind. Denn sowohl verletzte Polizisten als auch Attentäter tragen bei Einlieferung unter Umständen Schusswaffen oder gar Handgranaten bei sich.

Laut TraumaRegister DGU kommen im Jahr weniger als 10 Patienten mit lebensbedrohlichen Blutungen in ein überregionales Traumazentrum, bei denen die Schockraumtherapie abgebrochen und sofort operiert werden muss. Ansonsten haben es Chirurgen hier mit vorversorgten Patienten zu tun, die für eine gründliche Diagnostik stabil genug sind. Gänzlich anders gestaltet sich auch die medizinische Hilfe vor Ort. Selbst bei großen Katastrophen wie der ICE-Entgleisung von Eschede vor bald 20 Jahren konnten alle Kräfte sofort zu den Verletzten hin. Im Terrorfall bestimmt jedoch die Polizei, in welche Zonen überhaupt Helfer vordringen dürfen. Solche Einsätze stehen unter dem Motto „Clear the scene“ oder „Raus aus der Gefahrenzone“. Erst wenn die Polizei die Attentäter ausgeschaltet hat und aus der roten wieder eine grüne Zone geworden ist, dürfen die Helfer vorrücken.

Blutungen stillen hat Priorität

Terror and Desaster Surgical Care (TDSC®-Kurse): Sanitätsoffiziere der Bundeswehr erläutern hier mithilfe von Planspielen, wie sich Unfallchirurgen nach Terroranschlägen am besten der Herausforderung stellen, möglichst vielen das Leben zu retten und dennoch für den einzelnen ein optimales Ergebnis zu erzielen.
Terror and Desaster Surgical Care (TDSC®-Kurse): Sanitätsoffiziere der Bundeswehr erläutern hier mithilfe von Planspielen, wie sich Unfallchirurgen nach Terroranschlägen am besten der Herausforderung stellen, möglichst vielen das Leben zu retten und dennoch für den einzelnen ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Das Vorgehen in der Klinik muss ebenfalls trainiert werden. Absoluten Vorrang im Sinne einer „damage control surgery“ hat es, Blutungen in Körperhöhlen oder stammnahe Hämorrhagien zu versorgen (1). Hierfür benötigt man zwingend Chirurgen und Operationsplätze. Erst dann, wenn mehr Ressourcen zur Verfügung stehen, kann wieder eine individuelle Versorgung greifen. Oder die Patienten können verlegt werden, zum Beispiel um Explosionstraumata der Lunge zu behandeln (2).

Man müsse damit rechnen, dass zunächst eine Menge Patienten unversorgt allein in die nächstliegende Klinik stürmten, sodann solche, die von anderen begleitet werden. An ihnen dürften sich die Teams keinesfalls abarbeiten, um für die absehbar Schwerverletzten noch genügend Kapazität zu haben. „Einen guten Anhaltspunkt für die Anzahl der Opfer bieten die Meldungen aus den sozialen Netzwerken“, so Friemert. Als grobe Faustregel gilt, dass mit ca. 100 Verletzten zu rechnen ist, wenn etwa bei Facebook von 10 Toten die Rede ist.

Um besser auf die Herausforderungen und das Chaos nach einem Terrorangriff vorbereitet zu sein, hat die DGU im Schulterschluss mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr und anderen Fachgesellschaften zahlreiche Projekte initiiert (3). Neben der bereits 2013 vorausschauend gegründeten AG EKTC wurde des Weiteren ein 5-Punkte-Plan ins Leben gerufen (Kasten). Dessen Kernstück sind die „Terror and Desaster Surgical Care“-Kurse (TDSC®) für erfahrene Unfallchirurgen und Chirurgen, die erfolgreich angelaufen sind (4). „Die Nachfrage ist riesig, für das kommende Jahr sind bereits elf Kurse für je 20 Teilnehmer geplant“, erläutert Friemert.

Dabei lassen Sanitätsoffiziere der Bundeswehr die Chirurgen auch mittels Brettspielen die Entscheidungen bei Terrorszenarien durchexerzieren. „Falls gewünscht, kommen wir mit dem Team auch in eine Klinik und üben vor Ort“, erläutert Friemert die Optionen. Allerdings sei es ein Trugschluss zu glauben, man könne so in Kürze flächendeckend die ausreichende Versorgung von Terroropfern sicherstellen. Eine umfassende Notfallübung kann 100 000 Euro und mehr kosten. Da sich die Kliniken durch die Krankenkassen finanzieren, müssten solche Maßnahmen von den Ländern bezahlt werden. Die winken jedoch schon ab, wenn es lediglich um die Ausrüstung der Rettungswagen mit einer genügenden Anzahl von Tourniquets geht (5). Aber solange das politische Bekenntnis fehle, dass es ein Terrorrisiko gebe, würde kein Geld für diese Form der Daseinsfürsorge bereitgestellt, kritisiert Friemert.

Übung rechnet sich am Ende

Dabei haben Rettungskräfte und Ärzte in Paris vor 2 Jahren eindrucksvoll demonstriert, wie viele Opfer des Anschlags auf den Bataclan-Club vor dem Tod gerettet und behandelt werden konnten, weil das Vorgehen zuvor geübt wurde (6).

Schließlich gilt es, auch die schlimmsten Szenarien vorweg zu bedenken. Unklar ist zum Beispiel, wie man Krankenhäuser schützen sollte, wenn Terroristen ganz bewusst eine Klinik angreifen – primär oder als „second hit“, während man dort mit der Rettung beschäftigt ist. Das ist durchaus erwartbar, wie sich aus den Bomben auf syrische Krankenhäuser schlussfolgern lässt. Denn, so Friemert: „Wir wissen, dass Szenarien, wie sie im Nahen Osten ablaufen, etwa ein bis anderthalb Jahre später auch hierzulande drohen.“

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5017
oder über QR-Code.

Der 5-Punkte-Plan – fast erfüllt

  • Notfallkonferenzen zum Thema „Terroranschläge – eine neue traumatologische Herausforderung“
  • Bewusstsein schärfen und Kenntnisse vermitteln über die Zentren des Traumanetzwerkes der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU)
  • Spezielle Ausbildung für Chirurgen zur Versorgung von Schusswaffen- und Explosionsverletzungen
  • Partnerschaft und Kooperation mit der Bundeswehr
  • Erweiterung des Traumaregisters um ein Schuss- und Explosionsregister (7)

Immer mehr erfahrene Chirurgen nehmen an Kursen teil, um für den terroristischen Ernstfall zu üben. Die Nachfrage ist groß, aber es fehlt vielen Kliniken schlicht am Geld, um solche Szenarien zu trainieren oder Material dafür vorzuhalten. Dafür ist die Unterstützung der Politik vonnöten.

Terrorverletzungen sind komplex

Nach Terroranschlägen, die in aller Regel mit Explosionen und Schusswaffengebrauch einhergehen, sind Ärzte und Kliniken hauptsächlich mit diesen Traumata konfrontiert, die meist in Kombination auftreten:

  • Verletzungen durch die Druckwelle
  • Penetrationen von Kugeln, Nägeln, Splittern u. a.
  • Patienten wurden selbst zum Geschoss
  • Hitzeschäden und Verbrennungen
  • Verätzungen durch Chemikalien
1.
Franke A, Bieler D, Friemert B, et al.: Erstversorgung und innerklinische Therapie von Schuss- und Explosionsverletzungen. Dtsch Arztebl Int 2017; 114 (14): 237–43 VOLLTEXT
2.
Braun M, Goldman K: Das primäre Explosionstrauma der Lunge – Erfahrungen der operativen Intensivstation des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz aus sechs Jahren Afghanistaneinsatz. Wehrmedizin und Wehrpharmazie. 2015; 59 (11): 334–9.
3.
Friemert B, Achatz G: Auf Terroranschläge vorbereitet sein. Orthopädie und Unfallchirurgie 2017; 7 (2): 54–5.
4.
Pressemitteilung der DGU vom 19. Mai 2017: http://daebl.de/WM74
(last accessed 6. Dezember 2017).
5.
Deutsches Ärzteblatt News vom 23. März 2017: http://daebl.de/TC84
(last accessed 6. Dezember 2017).
6.
Hirsch M, Carli P, Nizard R, et al.: The medical response to multisite terrorist attacks in Paris. Lancet. 2015; 386 (10012): 2535–8 CrossRef
7.
Deutsches Ärzteblatt. News vom 27. September 2016: http://daebl.de/QM32.
1.Franke A, Bieler D, Friemert B, et al.: Erstversorgung und innerklinische Therapie von Schuss- und Explosionsverletzungen. Dtsch Arztebl Int 2017; 114 (14): 237–43 VOLLTEXT
2.Braun M, Goldman K: Das primäre Explosionstrauma der Lunge – Erfahrungen der operativen Intensivstation des Bundeswehrzentralkrankenhauses Koblenz aus sechs Jahren Afghanistaneinsatz. Wehrmedizin und Wehrpharmazie. 2015; 59 (11): 334–9.
3.Friemert B, Achatz G: Auf Terroranschläge vorbereitet sein. Orthopädie und Unfallchirurgie 2017; 7 (2): 54–5.
4.Pressemitteilung der DGU vom 19. Mai 2017: http://daebl.de/WM74
(last accessed 6. Dezember 2017).
5.Deutsches Ärzteblatt News vom 23. März 2017: http://daebl.de/TC84
(last accessed 6. Dezember 2017).
6.Hirsch M, Carli P, Nizard R, et al.: The medical response to multisite terrorist attacks in Paris. Lancet. 2015; 386 (10012): 2535–8 CrossRef
7. Deutsches Ärzteblatt. News vom 27. September 2016: http://daebl.de/QM32.

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