ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2017Entlassmanagement: Kontroverse um Neuregelungen

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Entlassmanagement: Kontroverse um Neuregelungen

Dtsch Arztebl 2017; 114(50): A-2380 / B-1984 / C-1938

Osterloh, Falk

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Die neuen Vorgaben zum Entlassmanagement spalten die Ärzteschaft. Während Kassenärzte sie begrüßen, halten Klinikärzte sie für realitätsfern. Derweil beginnen manche Krankenhäuser damit, die Vorgaben zu hausinternen Systemen zu erweitern.

Telefonisches Monitoring bei Risikopatienten gehört zum Projekt „Vespeera“ in Baden- Württemberg. Foto: Dmitry Kalinovsky/123RF
Telefonisches Monitoring bei Risikopatienten gehört zum Projekt „Vespeera“ in Baden- Württemberg. Foto: Dmitry Kalinovsky/123RF

Die Übergänge zwischen den Sektoren zu erleichtern, ist derzeit das erklärte Ziel von Selbstverwaltung und Gesetzgeber. Ein Baustein ist dabei das Entlassmanagement. Seit dem 1. Oktober dieses Jahres gelten die neuen Regelungen, die die Partner der Selbstverwaltung im Auftrag des Gesetzgebers erarbeitet haben (siehe Kasten). Grundsätzlich wird das Entlassmanagement dabei von den Beteiligten positiv gesehen.

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Alle Patienten profitieren

„Das Entlassmanagement ist eine Entwicklung, von der alle Patienten profitieren“, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl. „Die Zusammenarbeit der Sektoren wird sich – insbesondere wenn die digitale Kommunikation ausgebaut wird – nachhaltig zum Wohle der Patienten verbessern.“ Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, erklärte, künftig würden Patientinnen und Patienten nun nach einem Kranken­haus­auf­enthalt lückenloser und damit auch besser versorgt. Und aus der Deutschen Krankenhausgesellschaft heißt es: „Für den Patienten, der ein Entlassmanagement benötigt, ist der Übergang in die Nachsorge leichter gestaltet und die Anschlussversorgung ist verbessert.“

Auch die Krankenhausärzte sehen das Entlassmanagement grundsätzlich positiv. „Das Ziel ist gut und richtig: den Übergang vom ambulanten in den stationären Sektor und zurück besser zu regeln“, sagt Dr. med. Hans-Albert Gehle aus dem Vorstand des Marburger Bundes zum Deutschen Ärzteblatt. „Das wird mit den nun geltenden Vorgaben aber nicht erreicht.“ Gehle kritisiert vor allem, dass viele der Neuregelungen realitätsfern seien. „Das Krankenhaus stellt den Informationsaustausch mit den an der Anschlussversorgung beteiligten Leistungserbringern her, heißt es in dem Rahmenvertrag“, sagt er. „Die Praxen sind aber nur zu deren Öffnungszeiten erreichbar – und die sind ja sehr unterschiedlich.“ Und die Krankenkassen müssten Anschlussbehandlungen, die genehmigungspflichtig sind, zuerst genehmigen. „Auch die Krankenkassen können wir aber nur zu Bürozeiten erreichen – im besten Fall“, so Gehle. „Die Krankenhäuser können die neuen Regeln zum Entlassmanagement also gar nicht einhalten, wenn sie ihren Betrieb aufrechterhalten wollen. Wir können ja schlecht den Patienten, die das Bett brauchen, erklären: Wir können Sie leider erst behandeln, wenn wir bei den Krankenkassen jemanden erreichen.“

Und auch die Vorgabe, dass nur Fachärzte Rezepte ausstellen dürften, sei nicht praktikabel. „Woher sollen wir diese Fachärzte angesichts des schon lange herrschenden Ärztemangels im stationären Bereich nehmen?“, fragt Gehle.

Der Bochumer Anästhesiologe und Internist wünscht sich, dass es jemanden gäbe, der den Patienten durch das ganze System führt, zum Beispiel der Hausarzt. Sinnvoll sei zudem, wenn auch die Klinikärzte bei der Einlieferung Informationen über die Patienten erhielten. „Dann müssten wir die Befunde nicht alle noch einmal selbst erheben“, sagt er. Ein weiteres Problem sieht er darin, dass in den Krankenhäusern vielfach der Sozialdienst reduziert wird. „Früher haben sich in unserem Haus fünf, sechs Sozialarbeiter darum gekümmert, dass der Patient zum Beispiel einen Platz in einer Pflegeeinrichtung bekommen hat“, sagt Gehle. „Heute haben wir nur noch einen Mitarbeiter im Sozialdienst. Die Stellen wurden gestrichen, weil sie dem Krankenhaus nicht unmittelbar Geld einbringen.“

Vernetzte Dokumentation

Bereits vor dem Inkrafttreten der neuen Regelungen haben manche Krankenhäuser damit begonnen, ein hausinternes Entlassmanagement zu implementieren. Eines davon ist das Universitätsklinikum Heidelberg. Das Projekt startete im Jahr 2015. „Früher wurde bei uns Vieles doppelt dokumentiert“, berichtete Simone Tanger vom zentralen Projektmanagement des Uniklinikums vor Kurzem beim Nationalen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. Papiere seien ausgedruckt, am Patientenbett dokumentiert und die Daten dann wieder in den PC eingegeben worden. „Das war nicht optimal und hat auch zu Unmut bei unseren Mitarbeitern geführt. Heute benutzen wir mobile Endgeräte und haben eine vernetzte Dokumentation“, sagte Tanger. „Bei der dafür notwendigen Software handelt es sich um eine Erweiterung unseres Grundsystems, die wir selbst programmiert haben.“

In Heidelberg werden nun alle Patienten bei der Aufnahme über das Entlassmanagement aufgeklärt und um Einwilligung gebeten. Bei der Aufnahme wird zudem die Medikation aufgenommen und dokumentiert. Sämtliche Daten können dabei von den Beteiligten eingesehen werden. Wenn sich an den Daten während des Aufenthalts etwas verändert, wird dies sofort digital am Krankenbett dokumentiert.

In der Software ist eine Checkliste enthalten, mit der alle notwendigen Schritte abgearbeitet werden. Ist ein Punkt erledigt, wird ein Häkchen gesetzt. Ist er noch offen, wird dies vom System angezeigt. „Wenn alle Aufgaben erledigt sind, kann aus der Checkliste digital ein Entlassplan generiert werden“, erklärte Tanger. „Darin steht dann unter anderem, was wir für den Patienten organisiert haben und welche Medikation wir ihm mitgeben.“

Kooperation mit Hausärzten

In Baden-Württemberg werden in dem Modellprojekt „Vespeera“ auch die Hausärzte in das Entlassmanagement mit einbezogen. „Ziel des Projektes ist die Optimierung der sektorenübergreifenden Versorgung im Einweisungs- und Entlassmanagement“, erklärte Katrin Tomaschko von der AOK Baden-Württemberg, die das Projekt leitet, auf dem Nationalen Qualitätskongress Gesundheit. „Dabei sollen Versorgungslücken und Informationsbrüche mit dem Ziel vermieden werden, die Zahl der Rehospitalisierungen zu senken.“

Bereits in der Hausarztpraxis werden die Patienten über ihren geplanten Kranken­haus­auf­enthalt informiert und ermutigt, Fragen zu stellen. Mithilfe einer speziellen Software wird ein strukturierter Einweisungsbrief erstellt, den das aufnehmende Krankenhaus erhält. Vor der Entlassung tauschen sich das Krankenhaus und die Hausarztpraxis aus. Es wird erörtert, wie sich der Unterstützungsbedarf der Patienten infolge des Kranken­haus­auf­enthaltes verändert hat und es wird die Entlassmedikation besprochen. Liegt ein Risiko für eine Rehospitalisierung vor, können sich die Patienten in ein Telemonitoring einschreiben, das maximal drei Monate durch eine speziell geschulte Medizinische Fachangestellte (MFA) der Praxis durchgeführt wird. Ein Vorteil des Projektes sei es, so Tomaschko, dass bereits auf die vorhandenen Strukturen des Hausarztvertrags in Baden-Württemberg aufgebaut werden könne. So gebe es 2 000 im Case Management ausgebildete MFA in den Praxen. Und die Software zur Durchführung eines strukturierten Assessments sei bereits in 600 Hausarztpraxen installiert.

Falk Osterloh

Entlassmanagement – die neuen Vorgaben zum 1. Oktober

Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hat der Gesetzgeber das Entlassmanagement zu einem Teil der Krankenhausbehandlung erklärt und unter anderem vorgegeben, dass Krankenhausärzte auch Arznei-, Heil- und Hilfsmittel oder eine häusliche Krankenpflege verordnen sowie eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigen können. Das Nähere sollten der GKV-Spitzenverband, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Deutschen Krankenhausgesellschaft aushandeln. Am Ende musste der „Rahmenvertrag Entlassmanagement“ in einem Schiedsverfahren festgelegt werden. Die wichtigsten Regelungen sind:

  • Das Krankenhaus stellt ein standardisiertes Entlassmanagement in multidisziplinärer Zusammenarbeit sicher.
  • Das Krankenhaus informiert die Patienten schriftlich über das Entlassmanagement und holt eine schriftliche Einwilligung ein.
  • Unter der Verantwortung der Krankenhausärzte soll „durch die Anwendung eines geeigneten Assessments“ der „patientenindividuelle Bedarf für die Anschlussversorgung möglichst frühzeitig“ erfasst und ein Entlassplan aufgestellt werden.
  • Wird im Krankenhaus im Rahmen des Assessments ein Bedarf für eine Anschlussversorgung festgestellt, wird „frühzeitig Kontakt zum weiterversorgenden Leistungserbringer“ aufgenommen.
  • Sobald „patientenbezogener Bedarf“ für eine Unterstützung durch die Krankenkasse festgestellt wird, nimmt das Krankenhaus „rechtzeitig“ Kontakt zur Kasse auf. Gleiches gilt, wenn nach der Entlassung „genehmigungspflichtige Leistungen“ vorgesehen sind.
  • Bei der Entlassung erhält der Patient einen Entlassbrief, der unter anderem eine Rufnummer enthält, unter der der weiterbehandelnde Arzt Rückfragen stellen kann.
  • Die im Rahmen des Entlassmanagements verordneten Leistungen unterliegen dem Wirtschaftlichkeitsgebot, dessen Einhaltung von den Prüfungsstellen der Krankenkassen auf Landesebene und der Kassenärztlichen Vereinigungen geprüft wird.
  • Nur Krankenhausärzte mit abgeschlossener Facharztweiterbildung dürfen verordnen.
  • Das Krankenhaus erhält von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung eine „Betriebsstättennummer“, mit der veranlasste Leistungen „eindeutig“ zuzuordnen sind. Spätestens bis zum 1. Januar 2019 sollen auch Krankenhausärzte eine eigene Nummer erhalten, der eine Verordnung zugeordnet werden kann.
  • Werden Patienten, die mindestens drei Arzneimittel einnehmen, mit einer Medikation entlassen, erhalten sie einen Medikationsplan.
  • Das Krankenhaus sorgt für den Informationsaustausch mit den weiterbehandelnden Ärzten, führt „bei Bedarf rechtzeitig vor der Entlassung“ das Gespräch mit diesen Ärzten und vereinbart bei Patienten mit einem komplexen Behandlungsbedarf einen „zeitnahen Termin“ bei einem weiterbehandelnden Haus- oder Facharzt.

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Mark Schorr
am Dienstag, 19. Dezember 2017, 12:39

Entlassmanagement statt besserer Behandlung?!

Sehr geehrtes Ärzteblatt,

in Zeiten von Mängel an Ärzten und Pflegern, Ärztinnen und Schwestern beschäftigt man sich jetzt intensiv mit dem Entlassmanagement?
Anstatt die wenigen Kräfte zu konzentrieren und eine bessere Behandlung WÄHREND des Aufenthaltes im Krankenhaus zu erzielen zieht man weitere Fachleute von der eigentlichen Behandlung ab um sich um die Entlassung zu kümmern, also den Zeitraum NACH der stationären Behandlung.
Schon die Einführung des DRG Systems und nachfolgend der Abzug von Fachleuten aus der eigentlichen Behandlung der Kranken (zur Kodierung) war ein großer Fehler, denn diese Schwestern, Pfleger und Ärzte pflegen oder behandeln keine Patienten sondern Akten und Daten. Jetzt werden dann Entlassmanager kreiert, weitere Mediziner, die Verwaltungstätigkeiten statt Patientenbehandlung praktizieren.
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