ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2017Obdachlose: Helfen, wo die Lobby fehlt

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Obdachlose: Helfen, wo die Lobby fehlt

Dtsch Arztebl 2017; 114(51-52): A-2448 / B-2029 / C-1983

Schmitt-Sausen, Nora

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Seit mehr als 20 Jahren steuert das Caritas-Arztmobil in Berlin Plätze an, an denen sich Obdachlose aufhalten. Immer mit an Bord: ein ehrenamtlich tätiger Mediziner.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Als der kleine Bus am Berliner Ostbahnhof um die Ecke biegt, wird das Team um Dr. med. Burkhard Hochheimer bereits erwartet. Vor der Bahnhofsmission im S-Bahn-Bogen haben sich mehrere Männer eingefunden, die wissen, dass an diesem Tag ein Arzt für ihre Nöte da sein wird. Und nicht nur diese warten: Als der Mediziner und Krankenschwester Annette Hofmann aus dem Fahrzeug steigen, kommt ihnen eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission entgegengelaufen: „Bitte kommen Sie, da ist jemand, dem geht es sehr schlecht.“ Hochheimer und Hofmann sind sofort im Funktionsmodus, nehmen Tempo auf und folgen der Dame.

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Vor der Glastür der Bahnhofsmission sitzt ein Mann, eingehüllt in eine blaue Decke. Er atmet schwer, zittert am ganzen Körper, klagt über Schmerzen, wimmert mehr als dass er spricht. Mit Mühe schaffen es Hochheimer, Hofmann und weitere helfende Hände, den Patienten zum Arztmobil zu bringen und ihn auf den Behandlungsstuhl zu setzen. Ein anderer Gast der Bahnhofsmission steigt mit in das Fahrzeug und hilft ins Polnische zu übersetzen. Der Betroffene selbst spricht kaum Deutsch. Hofmann zieht die Tür des Arztmobils hinter dem Quartett zu, die Untersuchung beginnt; die anderen Männer müssen erst einmal weiter warten.

Schnell wird deutlich: Auf den ersten Blick kann Hochheimer nicht klären, was das Problem des Mannes ist. Er ist kreislaufstabil, hat einen normalen Blutzucker – doch beruhigen lässt sich der Mann nicht, auch kann er sich selbstständig kaum fortbewegen. Hochheimer bleibt nichts anderes übrig, als einen Rettungswagen (RTW) zu alarmieren. „Ich denke, er hat einen psychogenen Anfall“, sagt der Mediziner als der RTW eintrifft und die Kollegen vom Rettungsdienst übernehmen. „Ich weiß nicht, ob er vielleicht irgendwas an Drogen genommen hat.“

Erfahrenes Team

Jeder Handgriff sitzt: Mediziner Burkhard Hochheimer und Krankenschwester Annette Hofmann sind ein eingespieltes Team.
Jeder Handgriff sitzt: Mediziner Burkhard Hochheimer und Krankenschwester Annette Hofmann sind ein eingespieltes Team.

Hochheimer und Hofmann bilden an diesem Freitag im Dezember das Team des Arztmobils. Hochheimer, 72 Jahre, ist pensionierter Internist, war zuletzt Chefarzt der Geriatrie in einem Berliner Krankenhaus. Hofmann (58) bringt mehr als 30 Jahre Klinikerfahrung in den Dienst für die Caritas ein, zuletzt war sie in einer Notfallambulanz tätig. Normalerweise ist neben der Krankenschwester und dem Arzt, dem einzigen Ehrenamtler an Bord, noch ein Sozialarbeiter mit dabei. Doch heute ist die Kollegin kurzfristig krank geworden und so fährt das Team zu zweit zu den Obdachlosen.

An Bord des Fahrzeuges ist alles, was für die Behandlung auf der Straße notwendig ist: Von A wie Aspirin bis Z wie Zange. Der Behandlungsraum auf Rädern ist ausgestattet mit den wichtigsten Instrumenten der Sofortversorgung. Denn es fehlt den Bedürftigen am Nötigsten. Sie brauchen Erkältungsmittel bei Bronchitis, Asthmasprays, Cremes bei Hautinfektionen, Magentabletten, Schmerzmittel zur Wundversorgung oder Salbe gegen Krätze.

Kurz nachdem der RTW den ersten Patienten dieses Tages abtransportiert hat, steigt ein junger Mann, keine 30 Jahre, auf den Behandlungsstuhl im Wagen. Er trägt einen Rucksack bei sich, ist gut gekleidet, sauber, hat gerade erst eine Dusche nehmen dürfen. Doch er hat Beschwerden: „Ich habe Probleme mit dem Fuß“, sagt er. „Na dann ziehen Sie mal Ihren Schuh und die Socken aus“, bittet Hofmann den Patienten höflich, nachdem sie seine Personalien aufgenommen hat. Sie lächelt freundlich.

Immer respektvoll

Als Hochheimer sich anschaut, was zum Vorschein kommt, ist schnell klar, was los ist. „Das ist eine beginnende Krätze“, erklärt der Arzt dem Patienten. Und fährt ruhig fort: „Du bekommst eine Creme, die muss zwölf Stunden draufbleiben, dann wäschst Du sie runter. Und Du bekommst neue Socken von uns. Nach einer Woche machst Du das Ganze noch einmal. Reib beide Füße und Unterschenkel ein.“

Außerdem ist schnell zu erkennen: Die Füße und Unterschenkel des Mannes sind geschwollen. „Wo schläfst Du?“, fragt Hochheimer den jungen Patienten. „Immer in der S-Bahn“, kommt die Antwort. „Und wie schläfst Du?“ Antwort: „Oft im Sitzen.“ Dann erklärt der pensionierte Arzt, dass die Schwellungen durch Stauungen kommen – und empfiehlt dem Mann, seine Beine zwischendurch hochzulegen und die Stiefel beim Schlafen möglichst auszuziehen. „Vielen Dank, Doktor“, sagt dieser, als er kurz darauf aus dem Wagen klettert. „Alles Gute für Sie“, wünscht Hochheimer.

Der Mediziner sagt mal „Du“, mal „Sie“ zu den Patienten, ist dabei aber immer gleichbleibend respektvoll. Sich den Bedürftigen „offen und ohne Wertung“ zu nähern, sei zentral für die Tätigkeit im Arztmobil, sagt Hochheimer. Nur wer unvoreingenommen auftrete, könne den nötigen Zugang zu den oft sehr verschlossenen Patienten bekommen. Hochheimer hilft dabei eine Grundhaltung, die er schon als Klinikarzt an den Tag legte: „Du musst die Biografie der Menschen kennen, um sie verstehen zu können.“ Krankheit, Jobverlust, ein schwerer Schicksalsschlag – es gebe viele Gründe, warum Menschen auf der Straße landeten, weiß er.

Der nächste Patient an diesem Vormittag ist ein nicht ganz so leichter Fall. Hochheimer erkennt ihn schon vom Sehen. Und auch der Blick in die Krankenakte, die über jeden der behandelten Patienten geführt wird, zeigt: Der Bulgare, um die 50 Jahre, hat ein kniffligeres Problem.

Alte Bekannte: Manche Patienten sind schon „Stammgäste“ im Caritas-Arztmobil.
Alte Bekannte: Manche Patienten sind schon „Stammgäste“ im Caritas-Arztmobil.

Hochheimer hatte ihn mit Verdacht auf Tuberkulose vor einiger Zeit ins Krankenhaus bringen lassen. Zum Glück erhärtete sich dieser Verdacht nicht. Doch der Mann hat eine schwere Lungenerkrankung durch nicht tuberkulöse Mykobakterien. „Er braucht bis März Medikamente und wir haben zugesagt, dass wir ihn betreuen können. Die Compliance bei ihm ist gut“, sagt der Arzt. Das ist längst nicht bei jedem Obdachlosen der Fall. Doch der Bulgare nickt mit dem Kopf, als ihm Hofmann die Medikamente aushändigt und die Einnahme erklärt. „Ja“, sagt er und wiederholt laut, was er soeben gehört hat. Auch hier gibt es beim Aussteigen ein: „Vielen Dank, Doktor.“ Und auch Hofmann bekommt ein freundlich-dankbares „Tschüss“ zugerufen.

Als nächstes steigt ein unangenehmer Zeitgenosse in das Fahrzeug, das weiter vor der Bahnhofsmission am Ostbahnhof parkt. Der Mann, um die 40 Jahre, trägt einen guten Kapuzenpulli, darüber eine wärmende Weste. Er ist unruhig. Sein Atem, ein stetiges lautes Grunzen und sein wirrer Ausdruck machen für jedermann deutlich: Er ist stark alkoholisiert, und er braust schnell auf. Das war schon zu erkennen, als er vor der Behandlung vor dem Arztmobil nervös hin- und hergelaufen ist.

Manchmal kaum zu ertragen

Viele klare Worte bringt der Mann nicht heraus, nachdem er auf dem Behandlungsstuhl Platz genommen hat, doch der Blick in sein Gesicht verrät: Der Mann ist gestürzt. Er hat eine Wunde auf dem Nasenrücken. Sie ist bereits verkrustet.

Ruhig nähert sich Hofmann dem Mann, der sich auf dem Behandlungsstuhl hin- und herwindet und mit sich selbst redet. Sie reinigt die Wunde, klebt ein Pflaster darüber. „Das muss nun von alleine abheilen“, sagt sie geduldig und freundlich zu dem unwirschen Herren. Dieser fängt bellend an zu husten, spuckt in ein Taschentuch, das ihm Hofmann schnell anreicht. „Ich muss mal die Lunge abhören“, sagt Hochheimer langsam, laut und deutlich, geht um den Mann herum und hört ihn ab. „Sie haben sich eine Infektion eingefangen. Das ist eine astreine Bronchitis“, sagt er. Er beugt sich zum Medikamentenschrank herunter, sucht zusammen, was er benötigt und drückt dem Mann kurz darauf mehrere Arzneimittel in die Hand. Hochheimer erklärt dem Mann, wie und wann er diese einnehmen soll. Hier ist so ein Fall: Ob der Patient das umsetzen kann, steht in den Sternen. Nachdem sich Hofmann mit etwas Mühe die nötige Unterschrift vom dem Patienten abgeholt hat, bleibt ihr nur noch eins zu tun: Sie desinfiziert das Fahrzeuginnere.

Der Alkohol ist bei vielen Obdachlosen ein Problem. Natürlich. Doch Hochheimer verteufelt das nicht: „Was bleibt ihnen anderes, als das Saufen anzufangen?“, stellt er die Gegenfrage. Doch: Leicht auszuhalten, und zu behandeln, sind einige der stark alkoholisierten Patienten nicht. Auch, was man sonst noch so sieht – und riecht – sei manchmal kaum zu ertragen, erzählt das Team. Völlig eingenässte Menschen, offene Beine, Patienten, auf denen die Läuse schon außen auf der Kleidung herumkrabbelten. All das kommt vor – und muss aushalten können, wer mit dem Arztmobil unterwegs ist.

Krankenschwester Hofmann kann es. Auch wenn sie zugibt, dass sie es sich manchmal „leichter vorgestellt“ hat. Sie begleitet das Arztmobil erst seit anderthalb Jahren. Hochheimer kann es auch, obwohl er anfangs selbst skeptisch war, ob er sich werde überwinden können. „Ich habe mich schon gefragt, ob ich es schaffe, mich mit dieser besonderen Klientel auseinanderzusetzen“, sagt er. Es sei durchaus eine „Selbstprüfung“ gewesen. Doch: Hochheimer wollte und konnte sein „Helfersyndrom“ nicht abstellen, als er in Pension ging. Und ihm war klar: Er wollte sich für Menschen einsetzen, „die keine Lobby haben“. So stieß er zum Arztmobil – und fährt seitdem jeden Freitag mit einem Team heraus. Sieben Jahre lang nun schon. Hochheimer sagt von sich selbst: Er sei kein barmherziger Samariter. Auch das Gefühl, weiter gebraucht zu werden, helfen zu können, lasse ihn dabeibleiben. Genauso wie die Freude an der Arbeit in dem interdisziplinären Team der Caritas. „Es ist ein besonderes Miteinander“, sagt er.

Vom Ostbahnhof geht es in einer zwanzigminütigen Fahrt weiter zum zweiten Stopp dieser Tour: Dem Wagendorf in der Wuhlheide, am östlichen Rand der Stadt. Auf einem matschigen Gelände führen schmale, holprige Straßen durch ein Sammelsurium an kreuz und quer aufgestellten Wohnwagen, Campern und Holzhütten. Manche sind völlig verlottert, andere haben Charme: mit Blumenkästen vor der Tür. Hier leben: Obdachlose, Drogenabhängige, Sozialhilfeempfänger, aber genauso Künstler, bürgerliche Andersdenkende und Aussteiger. Es ist alternatives Wohnen der besonderen Art.

Bekannte Gesichter

Das Arztmobil bahnt sich langsam seinen Weg durch das bunte Durcheinander. An der Kneipe, einem Treffpunkt der Bewohner, drückt Fahrerin Hofmann auf die Hupe – damit die Bewohner wissen, dass das Arztmobil da ist. Einige Meter weiter kommt der Bus auf einem kleinen Wendeplatz inmitten dieser ungewöhnlichen Siedlung zum Stehen.

„Heute scheint keiner da zu sein“, sagt Hochheimer. Dennoch steigen Hofmann und der Arzt aus, warten ein wenig. Aus einigen der Wohnwagen steigt dampfender Rauch in den Winterhimmel auf, in der Luft hängt hämmernde Technomusik, die aus einer der Behausungen herüberdröhnt. Hunde laufen zwischen den Wagen herum.

„Ah, hallo, wie geht es Dir, bist Du fit?“, ruft Hochheimer schließlich einer sehr dünnen Frau entgegen, die mit einem Kanister in der Hand über den Wendeplatz gelaufen kommt. „Gut geht es mir“, sagt die Frau. Sie umarmt Hofmann zur Begrüßung. „Ich habe den Drogen voll abgesagt und schon fünf Kilo zugenommen.“ Der Rest ist loses Geplaudere zwischen den Dreien. Im Arztmobil erhält die Frau heute lediglich Tabletten für ihre Rückenschmerzen und dazu etwas zum Magenschutz.

Ärztemangel: Die ärztliche Versorgung der Obdachlosen ist ein Ehrenamt. Daher werden immer helfenden Hände gesucht.
Ärztemangel: Die ärztliche Versorgung der Obdachlosen ist ein Ehrenamt. Daher werden immer helfenden Hände gesucht.

„Da kommt doch noch einer“, ruft sie dem Caritas-Team zu, als sie nach einigen Minuten aus dem Fahrzeug steigt. Es nähert sich ein weiterer Bewohner der Siedlung: groß, kräftig, weißes Haar, weißer Bart. Zielgerichtet steuert er die offene Tür des Arztmobils an.

„Ach, hallo“, sagt Hochheimer erfreut und lächelt den Mann an. Auch hier wird klar: Man kennt sich. „Ich hatte Probleme mit den Nerven“, erzählt der Mann, was ihn zu den Helfern führt. „Der Arm schlief ständig ein. War richtig böse, ich konnte nichts mehr halten.“ Hochheimer wickelt dem Patienten ein Blutdruckgerät um den Arm. „205 zu 120. Das ist nicht lustig. Gut, dass Du gekommen bist“, und erklärt ihm die Tabletten, die er bis zur nächsten Kontrolle einnehmen soll.

Keine Berührungsängste

Es ist ein interessantes Duo, das hier interagiert: Der gemütlich-bärige Mann mit zerzausten Struwwelhaaren, tiefen Augenringen und abgewetzten Klamotten auf der einen, der adrette Arzt mit schickem Schal und feinen Lederschuhen auf der anderen Seite.

Doch: Hochheimer hat keine Berührungsängste. Er nähert sich den Menschen, die nicht nur auf den ersten Blick so anders sind als er, mit sichtbarer Wertschätzung. Und er freut sich andersherum auch erkennbar über den Kontakt und die Bestätigung von den Menschen, „mit denen man sonst nichts zu tun hätte“. Was für den Arzt gilt, gilt für Krankenschwester Hofmann nicht minder. „Ich spreche gerne mit den Leuten, höre ihnen gerne zu und erzähle selbst auch mal was“, sagt sie. Keine Frage: Es gelingt dem Duo, Nähe zu den Menschen aufzubauen, die sie auf ihren Fahrten betreuen: Hochheimer höflich distanziert, Hofmann auch schon mal herzlich plaudernd. Sie sind ein gutes Team, die beiden.

Vorbei an Berlins Touristenmagneten – dem Roten Rathaus, dem Potsdamer Platz, der Philharmonie – lenkt Hofmann das Arztmobil quer durch die Stadt gen Westen, mitten hinein in den Stadtteil Schöneberg, wo sich der letzte Stopp der heutigen Route befindet. Vor der Wohnungslosentagesstätte in der Gustav-Freytag-Straße parkt Hofmann das Büs-chen sicher am Straßenrand.

In dem Café sind Männer und Frauen anzutreffen, die teils relativ eindeutig vom Leben gezeichnet sind. Ein Mann, der draußen vor der Tür eine Zigarette raucht, hat einen kahl rasierten Schädel, über den sich eine große Narbe zieht. Drinnen, an weihnachtlich geschmückten Tischen, sitzen Männer und Frauen jeden Alters bei einer warmen Suppe und einem Kaffee zusammen. Ein Mann starrt regungslos vor sich hin, gibt keinen Laut von sich. Bei anderen verrät der Blick in glasige, verlebte Augen, dass das Schlafen auf der Straße seinen Tribut zollt. Doch es sind nicht nur Obdachlose, die hierherkommen, weiß Hochheimer, sondern auch sozial einsame Menschen, die schlicht eins suchen: ein wenig Geselligkeit.

„Wer braucht denn heute einen Doktor?“, fragt der Mediziner und wandert dabei von Tisch zu Tisch. Heute schütteln die meisten den Kopf. „Es sind erstaunlich wenig krank“, sagt einer der Mitarbeiter. An einem Vierertisch, an dem eine kleine Gruppe zusammensitzt, hebt ein junger Mann den Arm, als Hochheimer seine Frage stellt. „Ja, ich“, und folgt dem Arzt hinaus.

Spontane Herzlichkeit

Der Patient kennt das Arztmobil: Schon beim Einsteigen fingert er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie und reicht ihn an. Das macht es Hofmann deutlich leichter, seine Personalien aufzunehmen und die Krankenakte zu finden. Das medizinische Problem des Mannes ist ein vergleichsweise geringes: Er braucht ein neues Hustenspray und bekommt noch ein weiteres Erkältungsmittel. Auch bei den anderen Patienten, die später ins Arztmobil kommen, behandelt das Team vor allem Schnupfen und Husten. Was für Menschen, die ein wärmendes Dach über dem Kopf haben, wie eine Bagatelle wirken mag, kann für Obdachlose zur tödlichen Gefahr werden.

Freitagnachmittag kurz nach 15 Uhr. Die Tour ist beendet. Hofmann und Hochheimer erledigen im Büro in der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot im Stadtteil Moabit finale Papierarbeiten. Hochheimer sagt zum Abschluss etwas, was wohl nur begreifen kann, wer selbst schon einmal im Einsatz für bedürftige, hilflose Menschen war. Er sagt, er empfinde die Erfahrungen, die er durch das Arztmobil mache als „Reichtum“. Die spontane Herzlichkeit, die er oft von den Menschen erlebe, die für viele lediglich „der Abschaum der Gesellschaft“ seien, empfinde er als sehr berührend.

Es ist ziemlich offensichtlich: Die Obdachlosen profitieren nicht nur vom Arzt. Der Arzt profitiert auch von ihnen.

Nora Schmitt-Sausen

Das Caritas-Arztmobil

Das rollende Behandlungszimmer der Caritas ist seit 1995 in Berlin unterwegs. Die Teams steuern Bahnhofsmissionen, Suppenküchen und Szeneplätze wie den Alexanderplatz an. Kurzum: Sie halten überall dort, wo Anlaufstellen für Obdachlose sind. Die Routen des Arztmobils variieren regelmäßig – je nach Bedarf. Und der Bedarf in Berlin ist groß: Die Liste der festen Stopps ist zweistellig. Dazu fährt der Mini-Bus auch noch regelmäßig zum „Aufsuchen“ raus, wenn aus der Bevölkerung Hinweise eingegangen sind, dass irgendwo ein Obdachloser mit auffälligen Wunden liegt. An fünf Tagen in der Woche sind wechselnde Teams unterwegs, das ganze Jahr über. Die Teams machen 1 800 Behandlungen jährlich. Die Patienten sind Männer, Frauen, Alte, Junge, Deutsche, Ausländer, Einmal- wie Dauerpatienten.

Unterhalt und Ausstattung des Fahrzeuges werden über freiwillige Zuwendungen und mit Mitteln des Berliner Senats finanziert. Das Projekt benötigt dennoch laufend Sach- und Geldspenden. Auch Ärzte, die sich bereit erklären, Fahrten mitzumachen, werden regelmäßig gesucht. Sie können dauerhaft mithelfen, oder einmalig, etwa in Urlaubszeiten. Aktuell gehören 17 ehrenamtliche Ärzte zum Caritas-Team. Darunter sind nicht nur Pensionäre, sondern auch junge Mediziner.

Neben dem Arztmobil hat die Berliner Caritas ein weiteres Projekt in der Stadt, um Wohnungslosen zu helfen: die Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo. Hierhin schicken die Teams des Arztmobils regelmäßig Patienten zur Weiterbehandlung. Auch hier arbeiten ehrenamtlich tätige Ärzte. Die Arbeit beider Einrichtungen ist über digitale Patientenakten miteinander vernetzt. So haben die Ärzte und Schwestern stets im Blick, wer wann wo und wie behandelt worden ist, können die Medikation überprüfen und auch die Menge der abgegebenen Medikamente.

Beide Projekte helfen Menschen, die durch die Maschen des sozialen Hilfenetzes gefallen sind. Es sind Menschen, die auf der Straße leben, keine Kran­ken­ver­siche­rung haben oder sich schämen, in eine Arztpraxis zu gehen. Viele haben nicht nur körperliche Probleme wie Verletzungen, Krämpfe und Entzündungen, sondern sind auch psychisch stark belastet. Arztmobile betreibt die Caritas nicht nur in Berlin, sondern auch in Frankfurt und Hamburg.

Prägende Erlebnisse

Dr. med. Burkhard Hochheimer hat viele Geschichten von seiner Tätigkeit als Arzt in der Obdachlosenhilfe zu erzählen. Schöne und weniger schöne. Einmal, erinnert er sich, stand das Leben eines Patienten auf Messers Schneide. Es war ein junger Obdachloser, kaum älter als 20 Jahre, der über starke Schmerzen klagte und schrie, als Hochheimer seinen Arm abtastete und bewegte. Bei der weiteren Untersuchung entdeckte der Mediziner Bissspuren in der Fingerkuppe – von einer Ratte. Und als Hochheimer den Arm freilegte, sah er die verräterischen roten Hautveränderungen. Der Mann hatte eine Sepsis und musste sofort ins Krankenhaus. Wochen später fiel ihm genau dieser junge Mann bei einem anderen Stopp aus Dankbarkeit um den Hals. Seine Lieblingsgeschichte ist die einer jungen Frau, die Mitarbeitern der Technischen Universität Berlin aufgefallen war. Seit Jahren übernachtete sie immer wieder auf einer Bank vor den Professorenzimmern. Es stellte sich heraus: Es war eine Psychologiestudentin, die zunehmend immobil war und nicht mehr die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufkam, dazu war sie inkontinent geworden. Das herbeigerufene Team des Arztmobils hatte bei der psychisch veränderten Frau den Verdacht auf eine Multiple-Sklerose-Erkrankung. Die Patientin war nie bei einem Arzt gewesen. Dem Team gelang es, Vertrauen zu ihr aufzubauen und sie anfänglich medizinisch zu versorgen. Die Sozialarbeiterinnen der Caritas brachten sie zurück ins Sozialsystem: Hartz IV, Kran­ken­ver­siche­rung, Behandlung in einer neurologischen Spezialklinik, schließlich in eine betreute Wohneinrichtung. Hier zeige sich, so Hochheimer, wie wirksam ein Projekt wie das Arztmobil sein kann.

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