ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2017Fortgeschrittene gastrointestinale Tumore: VEGF-Inhibitor verlängert Überleben

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Fortgeschrittene gastrointestinale Tumore: VEGF-Inhibitor verlängert Überleben

Siegmund-Schultze, Nicola

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Der Angiogenesehemmer Ramucirumab ist in metastasierten Stadien und nach intensiver Vorbehandlung noch wirksam. Nun wird ein prädiktiver Biomarker geprüft.

Von 498 700 für Deutschland im Jahr 2016 erwarteten Neudiagnosen werden circa 61 000 Darm- und 15 600 Magenkarzinome sein (1). Etwa 10 000 Patienten sterben Schätzungen zufolge jährlich an Magenkrebs und 26 000 an Darmtumoren. Für Darmkrebspatienten beträgt die durchschnittliche 5-Jahresüberlebensrate 63 %, beim Magenkarzinomen gilt die Prognose mit ca. 30 % als kritisch.

Sowohl in lokalisierten Stadien des kolorektalen Karzinoms als auch bei metastasierter Erkrankung werden multimodale Behandlungsansätze in ein Gesamtkonzept integriert: „Es gibt einige prognoserelevante Parameter“, so Prof. Dr. med. Stefan Kasper vom Universitätsklinikum Essen „Wir wissen heute, dass Tumore im linksseitigen Kolon mit einem deutlich besseren Outcome assoziiert sind als rechtsseitige Darmtumore, außer der Lokalisation hat das molekulare Profil Bedeutung, also der RAS- und der BRAF-Status des Tumors. Entscheidend aber ist für die Prognose, dass von Anfang an die optimale Behandlung gewählt wird“, sagte der Onkologe bei einer Veranstaltung des Unternehmens Lilly in Stuttgart.

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Zweit- und Drittlinientherapie für 4 von 10 Patienten

Denn auch beim metastasierten kolorektalen Karzinom (mKRK) seien für ca. 40 % der Patienten nach Erstlinienbehandlung weitere Therapielinien mit der Aussicht auf Lebensverlängerung möglich.

Für das mKRK gibt es seit Anfang 2016 mit dem Angiogeneseinhibitor Ramucirumab eine neue Option. Der Antikörper hemmt die Bindung der Blutgefäßwachstumsfaktoren VEGF an den VEGF-Rezeptor 2 und unterdrückt die Angiogenese. Für die Zulassung beim mKRK war die randomisierte, placebokontrollierte doppeblinde RAISE-Studie relevant (2). 1 072 mKRK-Patienten erhielten nach Oxaliplatin-basierter Chemotherapie plus Bevacizumuab entweder die Kombination FOLFIRI (Folinsäure, 5-Fluorouracil, Irinotecan) plus Placebo oder plus Ramucirumab. Bei Therapie mit dem Antikörper erreichten die Patienten ein medianes Gesamtüberleben von 13,3 Monaten, in der Placebogruppe von 11,7 Monaten – ein statistisch signifikanter Unterschied in diesem für die Zweitlinientherapie harten Endpunkt, betonte Kasper.

Größere Unterschiede zwischen Placebo und Verum ergaben sich für verschiedene Plasmakonzentrationen des Antikörpers (3). Die Werte für die minimalen Talspiegel von Ramucirumab wurden in Quartile unterteilt: Für höhere minimale Talspiegel betrug das mediane Gesamtüberleben 16,4 Monate (Quartile 3) und 16,7 Monate für Quartile 4, bei niedrigeren Talspiegeln lagen die Werte bei median 11,5 und 12,9 Monaten (Quartile 1/2). Die Unterschiede waren hoch signifikant. „In den Gruppen mit höherer Substanzexposition profitieren die Patienten also noch einmal deutlicher von Ramucirumab“, resümierte Kasper.

Möglicherweise könnte sich ein Bindungspartner von VEGFR 2 als prädiktiver Serummarker eignen, nämlich VEGF-D. Eine Analyse der RAISE-Studie zu Biomarkern für die Angiogenesehemmung (4) ergab für VEGF-D ein starkes Signal: Initiale VEGF-D-Werte ≥ 115 pg/ml Plasma waren mit einem medianen Gesamtüberleben von 13,9 Monaten assoziiert, bei VEGF-D-Werten < 115 pg/ml betrug das Gesamtüberleben median 12,6 Monate. „Derzeit wird ein Test-KIT für VEGF-D entwickelt“, so der Onkologe. „Wenn sich die Ergebnisse bestätigen, könnte dies der erste prädiktive Serumbiomarker für die Wirksamkeit einer antiangiogenen Therapie werden.“

Ramucirumab anwendbar bei Zytostatika-Unverträglichkeit

Auch für Patienten mit fortgeschrittenen, vorbehandelten Adenokarzinomen des Magens und des gastroösophagealen Übergangs lässt sich durch die Angiogenesehemmung mit Ramucirumab ein Überlebensvorteil erzielen, berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Silvie Lorenzen vom Klinikum rechts der Isar in München. In der randomisierten, placebokontrollierten Phase-3-Studie REGARD (5) sei Ramucirumab als Monotherapie angewendet worden bei vorbehandelten Patienten, für die Zytostatika nicht mehr infrage kamen. Hier habe sich Ramucirumab als signifikant überlegen gegenüber best supportive care erwiesen (Gesamtüberleben 5,2 vs. 3,8 Monate). Und eine aktuelle Metaanalyse (6) zu Zweitlinientherapien bei diesen fortgeschrittenen Tumoren habe ergeben, dass die Kombination Ramucirumab plus Paclitaxel mit einem Gesamtüberleben von median 9,6 Monaten die effektivste Behandlung von allen untersuchten Regimen war (Zytostatika, mTOR-Hemmer). Ramucirumab habe sich als Zweitlinientherapie beim metastasierten Magenkarzinom etabliert. Die Substanz ist in allen Altersgruppen wirksam und vergleichbar verträglich (7).

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Quelle: Therapie von gastrointestinalen Tumoren: der Patient im Mittelpunkt. Veranstalter: Lilly Oncology. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie in Stuttgart.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5117
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