ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2017US-Hypertonie-Leitlinie: Rätselhaft
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

In ihrem Editorial „Ermessen steht vor Grenzwerten“ kommentiert Frau Dr. Zylka-Menhorn die aktualisierte Leitlinie der US-Amerikaner und deren Auswirkungen auf die antihypertensive Behandlung deutscher Patienten wohltuend zurückhaltend.

Ganz im Gegensatz zur „internationalen Fachwelt“, nach der „bei den meisten Hypertonikern durch eine strikte Blutdruckeinstellung von < 120 mm Hg systolisch eine deutliche Verbesserung der Prognose erreicht werden kann“. Ausgangspunkt der Diskussion ist die SPRINT (Systolic Blood Pressure Intervention Trial)-Studie. Eingeschlossen wurden 9 361 Patienten zwischen 50 und 75 Jahren mit einem behandelten oder unbehandelten systolischen Ausgangsblutdruck zwischen 130 und 180 mm Hg, die ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko aufwiesen.

Wenn man sich die Originalarbeit (NEJM 2015; 373: 2103–16) ansieht – was die US-amerikanischen Leitlinien-Autoren offenbar versäumt haben –, muss man enttäuscht sein. Der primäre zusammengesetzte Endpunkt (Herzinfarkt, andere akute Koronarsyndrome, Schlaganfall, akute dekompensierte Herzinsuffizienz oder kardiovaskulärer Tod) wurde nach 3,3 Jahren in der Standardgruppe (< 140 mm Hg, n = 4 683) von 6,8 % der Patienten und in der Intensivgruppe (< 120 mm Hg, n = 4 678) von 5,2 % der Patienten erreicht. Das entspricht einer absoluten Risikoreduktion (ARR) von 1,6 % und einem NNT (number needed to treat)-Wert von 62. Der NTN (number treated needlessly)-Wert beträgt 61 (62 minus 1). Mit anderen Worten: Wenn man 62 Patienten intensiv therapiert (mit allen im Editorial angegebenen Nebenwirkungen), kann nur bei einem (1) Patienten ein zusätzliches Ereignis, z. B. ein Schlaganfall, vermieden werden. 61 Patienten werden nutzlos intensiv behandelt. Wie man bei diesem mehr als mageren Ergebnis von 1,6 % von „den meisten Hypertonikern“ schreiben kann, ist mir ein Rätsel. Vermutlich sind es dieselben industrienahen Kardiologen, die 2003 (JNC 7) den „prähypertensiven“ Patienten erfunden haben, der nun als Hypertoniker Grad I „geadelt“ wird.

Anzeige

Prof. Dr. med. Frank P. Meyer, 39164 Wanzleben-Börde

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema