ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2018Neugeborenensepsis: Procalcitonin-Bestimmung verkürzt Antibiotikatherapie

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Neugeborenensepsis: Procalcitonin-Bestimmung verkürzt Antibiotikatherapie

Dtsch Arztebl 2018; 115(1-2): A-30 / B-27 / C-27

Heinzl, Susanne

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Bis zu 7 % der Neugeborenen erhalten in den ersten 3 Lebenstagen Antibiotika wegen des Verdachts auf Neugeborenensepsis. Es haben aber höchstens 0,1 % der Neugeborenen in den Industrieländern eine durch Laborkultur bestätigte Sepsis. In der Neonatal Procalcitonin Intervention Study wurde der Effekt der Procalcitonin-Bestimmung auf die Antibiotikagabe untersucht.

Die Neugeborenensepsis ist die führende Todesursache bei Kindern im Alter unter 5 Jahren. Die Sterblichkeit liegt in industrialisierten Ländern bei bis zu 30 %. In der internationalen randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie wurden Neugeborene mit Verdacht auf Sepsis 1 : 1 randomisiert und erhielten entweder eine Procalcitonin-geführte Therapie (n = 866) oder Standardtherapie auf Basis des C-reaktiven Proteins (CRP) (n = 844). Koprimäre Endpunkte waren Nichtunterlegenheit der Procalcitonin-geführten Therapie im Vergleich zum Standard in der Wirkung auf Reinfektionen und Tod im 1. Lebensmonat sowie Überlegenheit im Effekt auf die Dauer der Antibiotikatherapie. In die Per-Protokoll-Analyse wurden 745 Neugeborene der Procalcitonin-Gruppe und 663 des CRP-Arms eingeschlossen.

In der Procalcitonin-Gruppe dauerte die Antibiotikatherapie signifikant kürzer als in der Standardtherapie-Gruppe: 55,1 Stunden vs. 65 Stunden (Intention-to-treat-Analyse; (p < 0,0001), beziehungsweise 51,8 vs. 64 Stunden (Per-ProtokollAnalyse; p < 0,0001). Es traten keine Sepsis-assoziierten Todesfälle auf. Bei 9 von 1 710 Neugeborenen (< 1 %) gab es möglicherweise Reinfektionen. Wegen der geringen Zahl an Reinfektionen und fehlender Todesfälle konnte die Nichtunterlegenheit der Procalcitonin-geführten Behandlung zur CRP-geführten Therapie nicht belegt werden.

Fazit: „Die Studie geht den richtigen Weg und zielt auf eine Reduktion der Länge postpartaler Antibiotikabehandlungen“, so Dr. Christian Gille, Oberarzt Abteilung Neonatologie der Universitätklinik Tübingen. Gut durchgeführte und ausreichend große Studien zu dieser Frage würden bisher fehlen, vor allem aus Europa, weil sich das Management der Neugeborenensepsis hier im Vergleich zu den USA zum Teil deutlich unterscheide, vor allem im diagnostischen Bereich. „Die Neonatologie in Tübingen und viele andere deutsche und europäische Kliniken verwenden die Bestimmung des C-reaktiven Proteins (CRP) zur Therapiesteuerung, mit sehr gutem Erfolg“ berichtet Gille. „Das zeigt sich auch in der Studie, denn die Behandlungsdauer in der Kontrollgruppe, in der CRP gemessen wurde, war erfreulich kurz, nämlich 65 Stunden, also 2 Tage und 17 Stunden. Die Therapiesteuerung über PCT konnte die durchschnittliche Dauer um 9,9 Stunden senken, auf 2 Tage und 7 Stunden.“ Gille ist jedoch skeptisch, ob die Bestimmung von PCT einen klinischen Vorteil bietet: „Zum einen aus der praktischen Betrachtung heraus, dass einige Standardantibiotika alle 24 Stunden gegeben werden und damit möglicherweise keine Reduktion der verabreichten Dosen erreicht wird – diese Daten aus der Studienpopulation wären zentral wichtig. Zum anderen weist PCT im Gegensatz zu anderen Lebensphasen direkt nach der Geburt eine hohe Anfälligkeit für nichtinfektiöse Prozesse auf, wie die Geburt selbst, das Atemnotsyndrom, Hirnblutungen und Hypoxämie, was auch den beschriebenen Vorteil des PCT in der Spezifität gegenüber dem CRP relativiert.“ Seiner Meinung nach könnten Studien zum PCT bei der nosokomialen Late-Onset-Sepsis des Frühgeborenen lohnenswert sein, die viel häufiger ist, als die Early-Onset-Sepsis.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Stocker M, van Herk W, el Helou S, et al.: Procalcitonin-guided decision making for duration of antibiotic therapy in neonates with suspected early-onset sepsis: a multicentre, randomised controlled trial (NeoPIns). Lancet 2017, http://dx.doi.org/10.1016/S0140– 6736 (17) 31444–7.

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