ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2018Schwere Blutungen nach Traumata und Entbindung: Tranexamsäure früh appliziert reduziert die Sterblichkeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Schwere Blutungen nach Traumata und Entbindung: Tranexamsäure früh appliziert reduziert die Sterblichkeit

Dtsch Arztebl 2018; 115(1-2): A-29 / B-26 / C-26

Siegmund-Schultze, Nicola

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Das Antifibrinolytikum Tranexamsäure reduziert bei schweren akuten Hämorrhagien den Transfusionsbedarf und schützt vor dem Verbluten. In einer Metaanalyse auf Basis von prospektiv randomisierten Studien mit mindestens 1 000 Teilnehmern sollte der Aspekt der Zeitabhängigkeit des Therapieeffekts untersucht werden (1). Die Daten von 40 138 Patienten aus 2 internationalen, prospektiv randomisierten, placebokontrollierten Studien wurden analysiert: die der CRASH-2-Studie (2) zu Effektivität und Sicherheit von Tranexamsäure bei Traumaopfern mit erheblichen Blutungen und die der WOMEN-Studie (3) mit Frauen, die schwere Blutungen nach Entbindung hatten.

In der CRASH-2-Studie waren 20 127 Verletzte prospektiv mit Tranexamsäure oder Placebo behandelt worden, in der WOMEN-Studie 20 011 postpartale Frauen mit einem geschätzten Blutverlust von > 500 mL. Das Setting in beiden Studien war, dass Patienten dann randomisiert wurden zu Verum oder Placebo, wenn der medizinische Nutzen einer Tranexamsäure-Therapie für die behandelnden Ärzte unklar war.

Es gab insgesamt 3 558 Todesfälle, davon 1 408 blutungsbedingt (40 %). Tranexamsäure verminderte das Risiko, an Blutungen zu sterben, signifikant (Odds Ratio für Tod durch Verbluten: 1,20 [Placebo vs. Verum]; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI][1,08; 1,33]; p = 0,001). Eine zeitnahe Infusion des Antifibrinolytikums maximal 1 Stunde nach Blutungsbeginn erhöhte die Chance, nicht zu verbluten, um 70 % gegenüber Placebo (Odds Ratio: 1,72; [1,42; 2,10]; p < 0,0001). Der Überlebensvorteil reduzierte sich um 10 % für jede Viertelstunde Verzögerung. 3 Stunden oder später nach Blutungsbeginn waren die Unterschiede zu Placebo nicht mehr signifikant. Ein erhöhtes Risiko für klinisch relevante Gefäßverschlüsse durch Tranexamsäure wurde nicht beobachtet.

Fazit: Tranexamsäure ist am effektivsten, wenn sie maximal 1 Stunde nach Blutungsbeginn infundiert wird. „Beim akuten Blutungsnotfall rettet Tranexamsäure Leben“, resümiert Prof. Dr. med. Patrick Meybohm, Leitender Oberarzt Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Frankfurt. „Der internationalen CRASH-2-Gruppe ist zu dem pragmatischen Ansatz mit beeindruckenden Daten und mehr als 20 000 Traumapatienten zu gratulieren.“

Die CRASH-2-Studie habe aber auch Schwächen und sei nur eingeschränkt repräsentativ. So sei die Verletzungsschwere der Patienten nicht angegeben: Nur die Hälfte hatte eine transfusionspflichtige Blutung. „Daher sind die Ergebnisse sowohl der CRASH-2 Studie als auch der aktuellen Metaanalyse vorsichtig zu interpretieren“, so Meybohm. Die WOMEN-Studie sei methodisch gut. „Gibt es keine absoluten Kontraindikationen für Tranexamsäure wie ein sehr hohes Thrombembolierisiko oder eine frische Stentimplantation, ist der Nutzen von Tranexamsäure im Sinn der Initiative ‚Patient Blood Management (PBM)‘ durch Risikominimierung der Triade ‚Blutverlust, Anämie und Transfusion‘ evident, vor allem beim akuten Blutungsnotfall.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Gayet-Ageron A, Prieto-Merino D, Ker K, et al.: Effect of treatment delay on the effectiveness and safety of antifibrinolytics in acute severe haemorrhage: a meta-analysis of individual patient-level data from 40 138 bleeding patients. Lancet 2017; http://dx.doi.org/10.1016/ S0140–6736 (17) 32455–8.
  2. CRASH-2 Collaborators: Effects of tranexamic acid on death, vascular occlusive events, and blood transfusion in trauma patients with significant haemorrhage (CRASH-2). Lancet 2010; 376: 23–32.
  3. WOMAN Trial Collaborators. Effect of early tranexamic acid administration on mortality, hysterectomy, and other morbidities in women with post-partum haemorrhage (WOMAN): an international, randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet 2017; 389: 2105–16.

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