ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/201850 Jahre Herztransplantation: „Es gibt keine wirkliche Alternative zum menschlichen Herzen“

MEDIZINREPORT

50 Jahre Herztransplantation: „Es gibt keine wirkliche Alternative zum menschlichen Herzen“

Dtsch Arztebl 2018; 115(1-2): A-23 / B-20 / C-20

Zylka-Menhorn, Vera

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Nach der Pioniertat des südafrikanischen Herzchirurgen Christiaan Barnard dauerte es viele Jahre und Rückschläge, bis die Herztransplantation zu einem sicheren Behandlungsverfahren weiterentwickelt wurde.

Die Aufmerksamkeit der Fachwelt war nach Nordamerika gerichtet, speziell auf die Herzchirurgen Norman Edward Shumway und Richard Lower von der Stanford University, in der sicheren Erwartung, dass sie die erste Herztransplantation beim Menschen durchführen werden. Doch es war ihr Schüler Christiaan Barnard, der die Kardiochirurgie revolutionieren sollte: Vor 50 Jahren, am 3. Dezember 1967, führte der südafrikanische Herzchirurg am Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt die weltweit erste Herztransplantation durch. Sein Patient, der 55-jährige Louis Washkansky, überlebte den Eingriff nur 18 Tage, ehe er an den Folgen einer bakteriellen Lungenentzündung verstarb.

Unbekannte Mechanismen der Organabstoßung

Lediglich 4 Wochen nach Barnards Erfolg, am 6. Januar 1968, gelang auch Shumway eine Herztransplantation am Menschen. 1969 erfolgte unter der Leitung von Rudolf Zenker an der LMU München die erste Herztransplantation in Deutschland. Der 36-jährige Patient verstarb nach nur 27 Stunden, allerdings nicht aufgrund mangelnder Biokompatibilität, sondern infolge einer Vorschädigung des Spenderherzens. Operationstechnisch waren die Eingriffe „eine besondere Herausforderung, aber viel entscheidender waren die zu diesem Zeitpunkt kaum erforschten Mechanismen im Kontext der Organabstoßung“, erklärt Privatdozent Dr. Wolfgang Harringer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG).

Und so folgte auf den weltweiten Jubel zunächst Ernüchterung: Es dauerte einige Jahre und viele Rückschläge, bis die Herztransplantation zu einem sicheren Behandlungsverfahren weiterentwickelt wurde, das den betroffenen Patienten tatsächlich mehr Lebenszeit schenken kann. Ein Meilenstein dafür war 1981 die Einführung des Wirkstoffs Ciclosporin, ein hochwirksames Immunsppresivum aus der Gruppe der Calcineurin-Hemmer. Es hemmt die Freisetzung des Wachstumsfaktors Interleukin-2. Dieser aktiviert T-Helferzellen und natürliche Killerzellen im Körper, die das Fremdgewebe angreifen und zerstören können.

Seit der ersten Herztransplantation 1967 wurden weltweit mindestens 80 000 Herztransplantationen durchgeführt. Heute haben Herztranplantierte eine durchschnittliche Überlebenszeit von 10 Jahren. Ein Jahr nach der Transplantation funktionieren in Deutschland noch etwa 76 % der Spenderorgane, nach 5 Jahren sind es etwa 67 %. Zu den langfristigen Risiken zählen heute eine chronische Abstoßungsreaktion, die sich als Transplantatvaskulopathie vor allem an den kleinen Koronargefäßen manifestiert, sowie Folgeerkrankungen durch die jahrelange immunsuppressive Behandlung: Nierenfunktionsstörungen, Herzinsuffizienz, Tumorerkrankungen (Hodgkin-Lymphom, Tumoren von Niere, Lunge, Leber und Haut) sowie Diabetes. Allerdings gibt es Immunsuppressiva mit Wirkmechanismen, bei denen das Krebsrisiko geringer ist als bei anderen.

Zudem kann die Dosis und Anzahl an immunsuppressiven Medikamenten bei den meisten Patienten im weiteren Verlauf nach Transplantation schrittweise von 3 auf 2 verringert werden. Dennoch sind Kombination und Dosierung der Immunsuppression ein permanenter Balanceakt zwischen der Unterdrückung der Abstoßungsreaktionen einerseits und dem Risiko der damit verbundenen erhöhten Infektanfälligkeit andererseits. Trotz Unannehmlichkeiten der Immuntherapie steigt in der Regel die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten.

Im letzten Jahr haben nach Angaben von Eurotransplant allein in Deutschland 700 Patienten auf ein geeignetes Spenderherz gewartet, aber nur 291 Transplantationen konnten durchgeführt werden (weltweit etwa 3 500/Jahr). Andererseits wurden im gleichen Zeitraum 1 000 Herzunterstützungssysteme implantiert, welche als Überbrückung bei mehr als 90 % der Patienten zur Anwendung kommen. So gibt es Patienten, die mit dieser Technologie 18 Monate auf geeignetes Spenderherz warten.

Forschungen laufen weiter, auch der Xenotransplantation

„Erfreulicherweise werden die Herzunterstützungssysteme immer kleiner, leistungsfähiger und einfacher in der Handhabung. Allerdings wird es noch eine längere Zeit dauern, bis künstliche Systeme einem transplantierten Herz zumindest gleichwertig sind“, so Harringer: „Trotz der technischen Fortschritte gibt es bis heute keine wirkliche Alternative zum menschlichen Herzen.“ Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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