ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2018Ehrenamt: Etwas zurückgeben

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Ehrenamt: Etwas zurückgeben

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 28

Osterloh, Falk

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Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich im Gesundheitswesen. Sie besuchen Patienten im Krankenhaus, sie unterstützen Hinterbliebene oder schwer kranke Kinder mit ihren Familien. Drei von ihnen berichten über ihre Erlebnisse und ihre Freude am Helfen.

Beate Exner (links) im Gespräch mit einer Patientin. Fotos: privat
Beate Exner (links) im Gespräch mit einer Patientin. Fotos: privat

Wenn Beate Exner ein Zimmer im Soltauer Heidekreis-Klinikum betritt, weiß sie nicht, was sie erwartet. „Es gibt Tage, da führe ich nur belanglose Gespräche“, sagt die 52-jährige gelernte Sekretärin und Bürokauffrau. „Und es gibt Tage, da komme ich den Menschen ganz nah und merke, wie sie sich öffnen und etwas erzählen, was sie sonst niemandem erzählen.“

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Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr eine alte Dame. „Zuerst sprachen wir über das Wetter“, sagt Exner. „Doch dann sah sie mich plötzlich an und sagte mit ganz ruhiger Stimme: ‚Wissen Sie, ich möchte gerne einschlafen und nicht wieder aufwachen.‘ Sie habe ein tolles Leben gelebt, fuhr sie fort. Doch jetzt sei sie müde und wolle nicht mehr. ‚Zu Hause darf ich so etwas nicht sagen, dann schimpfen meine Kinder und Enkelkinder mit mir.‘ Deshalb war sie froh, dass sie es mir sagen konnte. Denn wir geben keine Kommentare. Wir bewerten nicht. Wir hören nur zu.“

Beate Exner ist eine „Grüne Dame“. Einmal in der Woche trifft sie sich mit zwei Kolleginnen in dem Krankenhaus an ihrem Heimatort in Niedersachsen und besucht Patienten. Das Besondere daran ist: Sie tut dies ehrenamtlich.

Austausch mit den Pflegern

Die „Grünen Damen“ gehören zur Evangelischen Kranken- und Alten-Hilfe e.V. (eKH), die im Jahr 1969 von Brigitte Schröder gegründet wurde, der Ehefrau des früheren Innen-, Außen- und Verteidigungsministers Gerhard Schröder. Sie besuchen ehrenamtlich kranke und hilfebedürftige Menschen in Krankenhäusern, Reha-Kliniken und Altenhilfe-Einrichtungen. Mittlerweile gibt es in Deutschland 9 131 „Grüne Damen und Herren“ an mehr als 600 Einrichtungen.

Im Krankenhaus sprechen Beate Exner und ihre beiden Kolleginnen zunächst mit dem Pflegepersonal, um zu erfahren, ob es bei manchen Patienten einen besonderen Gesprächsbedarf geben könnte, zum Beispiel weil sie vor Kurzem eine schlechte Diagnose erhalten haben. Dann verteilen sie sich auf die Stationen. „Viele Patienten sprechen mit uns über ihre Erkrankung, über ihre Ängste vor der Zukunft“, sagt Exner. „Manche begleiten wir auch zu einer Untersuchung, weil sie dabei nicht alleine sein möchten.“

Einfach da sein

Bei ihrer Arbeit gehe es jedoch nicht nur darum, mit den Patienten zu sprechen. Manchmal helfe es schon, einfach da zu sein. „Eine Krebspatientin im Endstadium bat mich darum, an ihrem Bett zu sitzen“, erzählt Exner. „Sie hielt meine Hand, manchmal schlief sie ein. Aber ich spürte, dass es ihr viel bedeutete, jetzt nicht alleine zu sein.“

Beate Exner betont, dass „Grüne Damen und Herren“ kein Ersatz für Pflegekräfte seien – aber eine Ergänzung. „Eine Freundin von mir ist Krankenschwester“, erzählt sie. „Sie sagt zu mir immer: ‚Ich habe den Beruf eigentlich einmal erlernt, um mit Menschen zu tun zu haben. Heute habe ich dafür leider kaum noch Zeit. Diese Arbeit übernimmst du jetzt.‘“ Und von einem Nachbarn hört sie, dass die Arbeit, die sie leistet, eigentlich bezahlt werden müsse. „Aber das möchte ich gar nicht“, sagt Exner. „Denn das würde den Dienst verändern. So bin ich niemandem Rechenschaft schuldig. Ich kann bei den Patienten sitzenbleiben, solange ich möchte. Und ich habe nicht das Gefühl, mich beeilen zu müssen, weil ich noch 20 andere Patienten besuchen muss.“

Martin Merz (2. von links) mit seinen Kollegen des Johanniter-KIT Stuttgart
Martin Merz (2. von links) mit seinen Kollegen des Johanniter-KIT Stuttgart

Schätzungen zufolge engagieren sich in Deutschland zwischen 17 und 23 Millionen Menschen ehrenamtlich (siehe Kasten), viele von ihnen im Gesundheitswesen. Auch Martin Merz ist einer von ihnen. Der 46-jährige gelernte Systemtechniker arbeitet ehrenamtlich beim Johanniter-Kriseninterventionsteam (KIT) Stuttgart. Zu seinen Aufgaben zählt es, Menschen in einer psychosozialen Notfallsituation akut beizustehen.

„Meistens werden wir bei häuslichen Todesfällen gerufen, um die Angehörigen zu betreuen“, erzählt Merz. „Zum Beispiel, wenn ein älterer Mensch zu Hause verstirbt. Dann kümmern wir uns um den Ehepartner. Wir verständigen die Angehörigen und telefonieren mit dem Bestatter.“ Wenn ein Arzt kommt, um die Leichenschau vorzunehmen, oder die Polizei, erklären sie, warum dies geschieht.

Ein Gebet sprechen

Oft ist Merz aber auch einfach nur Zuhörer. „Dann erzählen uns die Menschen ihre Lebensgeschichte“, sagt er. „Sie erzählen, wie lange sie verheiratet waren und was sie alles gemeinsam durchlebt haben.“ Manchmal zünden sie zusammen eine Kerze an oder sprechen ein Gebet. Wenn die KIT-Mitarbeiter nach einigen Stunden gehen, hören sie oft: „Ich weiß gar nicht, was ich ohne Sie angefangen hätte.“

Das KIT Stuttgart wurde im Sommer 1997 vor dem Hintergrund gegründet, dass viele Mitarbeiter des Rettungsdienstes der Johanniter-Unfall-Hilfe den Wunsch hatten, sich noch intensiver um die Angehörigen von Unfallopfern oder Verstorbenen zu kümmern – dafür während des Einsatzes aber keine Zeit hatten. Wer sich bei KIT Stuttgart ehrenamtlich engagiert, hat für einen Zeitraum von mindestens 24 Stunden Bereitschaftsdienst. Angefordert wird ein Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams meist vom Rettungsdienst, wenn die Sanitäter den Eindruck haben, dass er gebraucht wird. Oder von Polizisten, wenn sie eine Todesnachricht überbringen. Auch bei Verkehrs- oder Schienenunfällen werden sie hinzugezogen. „Oft handelt es sich dabei um Suizide oder Suizidversuche“, sagt Martin Merz. „Wir betreuen dann die Bahnfahrer oder auch Fahrgäste, die das Ereignis mitangesehen haben.“

Bei ihrer Arbeit erleben die KIT-Mitarbeiter häufig großes menschliches Leid. Wie schützen sie sich davor, die Erinnerung daran mit nach Hause zu nehmen? „Einmal im Monat haben wir eine Gruppensupervision, bei der wir über die Einsätze sprechen, die belastend waren“, sagt Martin Merz. „Außerdem können wir bei Bedarf sofort einen externen Psychologen kontaktieren, der mit uns zusammenarbeitet.“ Wichtig sei aber vor allem der Kontakt mit den Kollegen, die „kleine Supervision“, wie er sie nennt. „Dabei kann man schon vieles davon loswerden, was einen bedrückt“, sagt Merz.

Etwa 200 Kilometer nördlich von Stuttgart liegt der 40 000-Einwohner-Ort Maintal. Hier lebt der 69-jährige Rentner Stefan Prinz. Auch er hat sich für ein Ehrenamt entschieden – um als „rüstiger und fitter Ruheständler“ seine Zeit sinnvoll zu nutzen, wie er sagt. Prinz, der früher als Geschäftsführer der Main-Tauber-Asphaltmischwerke tätig war, hat sich schon früher ehrenamtlich engagiert. So hat er als Fußballtrainer unter anderem seine Tochter Birgit trainiert, die später drei Mal zur Weltfußballerin des Jahres gewählt wurde.

Im Fernsehen hat Prinz einen Bericht über den Deutschen Kinderhospizverein gesehen, in dem man sich in einem Ehrenamt ambulant für Familien mit Kindern engagieren kann, die lebensverkürzend oder lebensbedrohlich erkrankt sind. „Das war so aufrüttelnd und auch so anregend, dass mir schnell klar wurde: Das möchte ich machen“, sagt er. Nicht klar war ihm allerdings, ob er die Kraft für diese Arbeit haben würde. Nach einem umfangreichen „Befähigungskurs“ entschloss er sich, es zu versuchen.

Betroffene Familien können sich an den Deutschen Kinderhospizverein wenden und um Begleitung bitten. Stimmen die Voraussetzungen, kümmern sich zwei ehrenamtliche Helfer etwa einmal in der Woche für mehrere Stunden um das kranke Kind – oder auch um die Eltern oder Geschwisterkinder. „Wir machen das, was die Familien wünschen“, erzählt Prinz. In der ersten Familie, die er begleitet hat, sollte er sich um den Bruder eines schwer herzkranken Mädchens kümmern. „Meine Aufgabe war es, dem Jungen einen Fußballverein zu vermitteln, was seine Eltern aus Zeitmangel bislang nicht geschafft hatten“, sagt er. Dreimal in der Woche holte er ihn zum Training oder zu einem Punktspiel ab. Und er sprach oft mit dem verzweifelten Vater. Etwa ein Jahr hat Prinz die Familie begleitet. Dann starb das Mädchen.

Stefan Prinz in der Geschäftsstelle des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Hanau, der zum Deutschen Kinderhospizverein gehört.
Stefan Prinz in der Geschäftsstelle des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Hanau, der zum Deutschen Kinderhospizverein gehört.

Seine zweite Begleitung endete noch früher. Stefan Prinz kümmerte sich um einen elfjährigen Jungen, der an metastasiertem Leberkrebs litt – während sich seine Kollegin ausschließlich mit der Mutter befasste. Von dem Jungen war Prinz sehr beeindruckt. „Man sah ihm die Schwere der Krankheit schon sehr stark an“, erzählt er. „Er hatte wegen der starken Medikamente ein gelbes Gesicht, keine Haare mehr auf dem Kopf und einen aufgedunsenen Bauch. Zudem hatten ihm die Ärzte die bittere Diagnose gestellt, dass es keine Heilungsmöglichkeiten für ihn gab.“ Und dennoch habe er einen großen Optimismus und eine große Lebensfreude ausgestrahlt. Von ihm habe er gelernt, wie man trotz enormer Probleme ein zufriedenes Leben leben kann.

Seit etwa zwei Jahren begleitet Stefan Prinz nun den 19-jährigen Marko und seine Familie. Infolge eines Sauerstoffmangels bei der Geburt ist Marko schwer hirngeschädigt. Er ist blind, sitzt im Rollstuhl und kann seine Gefühle nur durch Fuchteln mit Armen und Händen sowie durch unartikulierte Laute äußern. An einem Nachmittag pro Woche holt Prinz Marko ab und macht mit ihm Ausflüge, meistens in die Natur. Wenn es Marko dabei gut geht, entsteht auf seinem Gesicht ein leichtes Lächeln.

„Obwohl die Kinder, die ich betreue, so schwer erkrankt sind, ist es für mich sehr zufriedenstellend, sie und ihre Familien zu betreuen“, erklärt Prinz. „Entgegen der allgemeinen Erwartung geht es bei uns auch meistens nicht traurig zu, sondern wir lachen oft und haben viel Freude miteinander.“ Wenn man ihn nach seiner Motivation fragt, sich ehrenamtlich zu engagieren, sagt er: „Ich hatte viel Glück in meinem Leben: privat, beruflich und gesundheitlich. Ich wollte etwas zurückgeben.“

Ähnlich äußert sich auch Beate Exner, die nach einer schweren Krankheit heute wieder genesen ist: „Ich wollte etwas von meiner Kraft und meiner Zeit verschenken.“ Heute arbeitet sie sogar Vollzeit im Ehrenamt: im Vorstand der eKH. Dass sie damit kein Geld verdient, macht ihr nichts aus. „Mein Mann unterstützt mich sehr“, sagt sie. „Und es geht nicht darum, wie viel Geld ich verdiene, sondern wie zufrieden ich mit meinem Leben bin.“

Abhängig von Spenden

„Das Ehrenamt ist eine absolute Bereicherung unserer Gesellschaft“, meint Martin Merz. „Wenn es keine Menschen gäbe, die sich ehrenamtlich engagieren, wäre unsere Gesellschaft um einiges ärmer.“ Er ist allerdings der Ansicht, dass die Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, in letzter Zeit geringer geworden ist. Das bestätigt auch Beatrice Weingart von der Johanniter-Unfall-Hilfe: „Es wird immer schwieriger, Menschen für diese Arbeit zu gewinnen.“ Ein Grund dafür ist Merz zufolge auch die Einstellung der Arbeitgeber. „Manche Menschen würden sich gerne engagieren, bekommen aber nicht die Erlaubnis dafür“, meint er.

Viele Anbieter ehrenamtlicher Arbeit haben zudem finanzielle Probleme. „Unsere Arbeit ist sehr von Spenden abhängig“, sagt Stefan Prinz. Unter anderem müssten die Qualifizierungen für die ehrenamtlichen Helfer bezahlt werden. Auch die eKH sei sehr auf Spenden angewiesen, erzählt Beate Exner. Und auch bei der eKH gibt es in einigen Bereichen Nachwuchsprobleme. „Wir würden uns freuen, wenn wir noch mehr Menschen für diese wichtige und sinnvolle Aufgabe gewinnen können“, sagt Exner. Sie selbst kann sich nur wenig sinnvolleres vorstellen als Zeit zu verschenken. Noch einmal spricht sie von der älteren Dame, die den Wunsch geäußert hatte, nicht mehr aufzuwachen: „‚Viele Menschen haben heute keine Zeit mehr, sich hinzusetzen und zuzuhören‘, sagte sie zum Abschied. ‚Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.‘“

Falk Osterloh

Zahlen zum Ehrenamt

Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird seit dem Jahr 1999 das sogenannte Deutsche Freiwilligensurvey erhoben, eine repräsentative Befragung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland. Die jüngste Erhebung stammt aus dem Jahr 2014. Sie ergab, dass sich 43,6 Prozent der befragten Menschen im Alter ab 14 Jahren freiwillig zum Beispiel in Verbänden, Bürgerinitiativen oder Projekten engagieren.

Es gibt jedoch keine allgemeingültige Definition der Begriffe „Bürgerschaftliches Engagement“ oder Ehrenamt. Insofern kamen andere Untersuchungen auch zu anderen Ergebnissen. So geht das Deutsche Rote Kreuz von 17 Millionen Freiwilligen und Ehrenamtlichen in Deutschland aus. Und eine Untersuchung des Internetportals betterplace.org im Auftrag der Bank ING-DiBa AG kam auf mehr als 23 Millionen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Die Bereitschaft, ein Ehrenamt auszuführen, haben der Studie zufolge insgesamt 24 Millionen Menschen.

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