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Interview mit Ann-Marlene Henning, Psychologin und Sexualtherapeutin in Hamburg: „Normal – was heißt das schon beim Sex?“

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 22

Britten, Uwe

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Ann-Marlene Henning ist Psychologin und arbeitet in eigener Praxis als Sexualtherapeutin. Außerdem wurde sie mit der Fernsehsendung „Make Love“ bekannt. Ihr neustes Buch „Liebespraxis“ enthält Fallbeispiele und Anregungen zum Gespräch über Sexualität mit Klienten und Patienten. Foto: Gunnar Meyer
Ann-Marlene Henning ist Psychologin und arbeitet in eigener Praxis als Sexualtherapeutin. Außerdem wurde sie mit der Fernsehsendung „Make Love“ bekannt. Ihr neustes Buch „Liebespraxis“ enthält Fallbeispiele und Anregungen zum Gespräch über Sexualität mit Klienten und Patienten. Foto: Gunnar Meyer

In fast jeder längeren Psychotherapie kommt früher oder später das Thema Sexualität zur Sprache. Doch nicht jedem Therapeuten fällt es leicht, sich sexuellen Befindlichkeiten und Wünschen der Klientinnen und Klienten gelassen zu widmen.

Frau Henning, Sexualität wird früher oder später in vielen Therapien ein Thema, warum ist sie so oft ein Problem?

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Ann-Marlene Henning: Weil Sexualität natürlich viel mehr ist als nur Sexualität. Es geht dabei um Intimität und Bindung und hier sind Menschen wahrlich verletzlich. Der uns wichtige Partner könnte uns ablehnen, das wäre schamvoll. Genau da fängt das „Spiel“ an: diese Ablehnung zu vermeiden. Sexualität wird so unter anderem zur Plattform für Machtspiele und der „Ort“, an dem es wehtun könnte. Fehlende Sexualität ist also oft ein Symptom für generelle Probleme in der Beziehung, sodass einer gelungenen, schönen Sexualität sehr viele Störmomente im Weg stehen können.

Was steht denn häufig dahinter, wenn die gemeinsame Sexualität nicht mehr klappt?

Henning: Na ja, Kränkungen meistens. Wenn sich zum Beispiel die Frau morgens von ihrem Partner schlecht behandelt oder von ihm gekränkt fühlt, vielleicht hat er irgendetwas ignoriert, was ihr wichtig ist – abends im Bett kommt er dann an sie herangekuschelt, aber sie hat den Vormittag natürlich nicht vergessen. Das gibt es übrigens – entgegen dem Klischee – durchaus auch in der umgekehrten Geschlechterkonstellation.

Verschärft finden die sexuellen Zurückweisungen natürlich statt, wenn sich die beiden in einer Spannung befinden, ob nun im direkten Streit oder in einem „wir sagen beide lieber nichts“. Dann ist es oft nicht möglich, mit dem Partner in einen nahen Kontakt zu gehen, selbst wenn das zu einer Entspannung beitragen würde.

Betrachten wir es mal von einer anderen Seite: Wann wird der sexuelle Frust über andere Themen ausagiert?

Henning: Das ist natürlich der Klassiker. Nehmen wir mal das Begriffspaar von „Mehrwoller“ und „Wenigwoller“. Einer lebt weniger Sex als eigentlich erwünscht, die andere Person fühlt sich überfordert und gedrängt. Tatsache ist, dass der „Wenigwoller“ immer über den Sex bestimmt, ob nun bewusst oder unbewusst, aber dennoch gewollt. Beide Positionen sind ungut. Die Spannung steigt täglich. In jeder Alltagssituation kann dann eine Zurückweisung erfolgen, und zwar teilweise auch sehr aggressiv. Zuhören und Empathie sind dann kaum mehr möglich, denn beide sind wütend, ohne sich dessen oft selbst bewusst zu sein.

Was hilft?

Henning: Die Klientinnen und Klienten sollten erst einmal lernen, ihre Wünsche auszudrücken. Dazu gehört, dass sie sich selbst besser spüren müssen, und zwar auch mit dieser Wut, mit diesem Frust, manchmal auch mit der Resignation, was die Partnerschaft betrifft. Dann werden eigentliche Bedürfnisse klar und ebenso das Unerfüllte, das eigentlich thematisiert werden möchte: nämlich sich gegenseitig mit dem anderen verbinden zu wollen – auch durch Sexualität, die innigste und intimste Form der Kommunikation.

Wenn Menschen große Schwierigkeiten haben, Sexuelles zu verbalisieren, wie weit gehen Sie in dem stellvertretenden Aussprechen, damit etwas doch endlich mal benannt ist?

Henning: Das mache ich selten. Es geht eher darum, die Fragen so zu stellen, dass der Klient selbst spürt und auszusprechen lernt, was in ihm los ist. Vielleicht stelle ich eine Vermutung in den Raum. Manchmal sage ich vielleicht: „Ich mache jetzt mal eine Annahme, denn ich habe das Gefühl, wie reden um etwas herum. „Wenn ich auch damit danebenliegen mag, die Person kommt dennoch in die Situation, sich nun in ihrem Sinn auszudrücken.

Ich glaube, dass es selten notwendig ist, etwas stellvertretend für den Klienten auszusprechen. Es geht vielmehr um die richtigen Fragen. Damit grenze ich die Themen ein, die sich dann irgendwann auch vom Klienten ausdrücken lassen.

Was dürfen Therapeuten über eigene sexuelle Erfahrungen mitteilen?

Henning: Oh, hier ist Zurückhaltung angesagt. Trotzdem mache ich das manchmal, und zwar wenn ich den Eindruck habe, dass es dem Klienten helfen könnte, mitzubekommen, dass es anderen ähnlich geht und er dabei auch merkt, wie wenig Sprechen „weh tut“. Ich lasse für ihn also nicht die Hosen, sondern die Maske fallen. Weit häufiger ist es aber, dass ich sozusagen fiktiv von anderen Klienten erzähle, um das Thema, das den Klienten zu bedrücken scheint, zu normalisieren. Dann erkläre ich, wie ich das in der Praxis öfter höre. Das hilft insbesondere dann, wenn jemand die Angst hat, „pervers“ zu sein.

Gibt es bei der Sexualität eine besondere Gefahr der eigenen Gegenübertragung?

Henning: Ja, dafür brauchen wir Therapeutinnen und Therapeuten eine hohe Achtsamkeit. Wir müssen uns selbst sehr feinfühlig beobachten. Ich als jemand, die recht entspannt über Sexuelles sprechen kann, passe auf, dass ich den Klienten ihr eigenes Tempo und ihre eigene Sprache lasse. Ich kann mit einer Intervention, die eigentlich richtig ist, höchst falsch liegen, wenn der andere da noch gar nicht ist.

Aber selbst wenn der Klient mal eine Erklärung oder Intervention zurückweist, kann ich ihm klarmachen, wie ich darauf gekommen bin aufgrund seiner früheren Äußerungen. Vielleicht hat er bisher auch Zusammenhänge nicht gesehen, die ihm jetzt durch die Intervention bewusst werden.

Nun kann aber auch nicht jeder Therapeut so ganz gelassen über Sexualität reden – welche hilfreiche Haltung empfehlen Sie?

Henning: Basal für jeden Therapeuten ist ein profundes Wissen, und das geht hinein bis ins Physiologische – unter anderem geht es darum, eine gute Ausbildung im sexuellen Themenfeld zu haben, da reichen die Studiengänge Medizin oder Psychologie im Allgemeinen leider nicht, denn sie übergehen das Thema Sexualität mehr oder weniger. Außerdem sollte man sich von den Vorstellungen befreien, was in der Sexualität „normal“ ist und was nicht. Das heißt, auch Therapeuten sollten sich ihre eigenen Vorstellungen, Wünsche und Vorlieben bewusst machen. Wenn Klienten dann rumdrucksen und sagen: „Ach, jetzt muss ich etwas sehr Eigenartiges sagen“, dann kann ich entspannt sagen: „Na, glauben sie mir, mich überraschen Sie nicht so leicht!“ Ich versuche fortwährend, Druck herauszunehmen, indem ich vermittle, so „abartig“ könne das alles gar nicht sein, wenn sich auch viele Menschen mit ihren sexuellen Bedürfnissen als unnormal empfinden. Sollte es diesen Ausdruck überhaupt geben? „Normal“ – was heißt das schon beim Sex?

Interessant ist dabei auch, dass viele Menschen glauben, ihre sexuellen Fähigkeiten und Vorlieben seien fast so etwas wie angeboren, als sei man dem naturgegeben unterworfen. Dann fallen Sätze wie: „Das ist bei mir halt so.“ Sie ziehen zu wenig in Betracht, dass man Sexualität vorrangig erst gelernt hat, dass wir sie aktiv gestalten und dass man sie entsprechend auch verändern kann. Das gilt auch in Partnerschaften. Manchmal reichen kleine Veränderungen, damit zwei Menschen sich wieder sexuell aufeinander einlassen können. Rigide Vorstellungen von Sexualität können eben sehr einschränken.

Nun nehmen wir den Fall, dass kurz vor Ende der Sitzung ein schambesetztes Thema aufkommt: Wie damit umgehen?

Henning: Auf jeden Fall ansprechen, indem man sagt, wir „parken“ es besser bis zum nächsten Termin, um mehr Zeit dafür zu haben. Aber je nachdem, vielleicht würde ich auch entscheiden, zehn Minuten dranzuhängen, um die Gunst der Stunde zu nutzen.

Was sollte in den Ausbildungsgängen stärker berücksichtigt werden, wenn es um Sexualität geht, damit junge Therapeuten besser für das Thema gewappnet sind?

Henning: Wie schon erwähnt, in vielen Curricula fehlt das Thema komplett. Es sollten Sexualtherapeuten mit viel klinischer und persönlicher Erfahrung für Fortbildungen hinzugezogen werden, die bei basalem Wissen anfangen: von Anatomie und Physiologie bis hin zum Emotionalen. Weiter sollte der Therapeut die psychischen „Störkomponenten“ kennen, denn sie verhindern viel, das Gehirn ist eben das größte Geschlechtsorgan. Kommunikation über sexuelle Themen müsste eintrainiert werden. Ebenso sind Körpertechniken wichtig, denn die Beklemmungen, die Menschen beim Thema „Sexualität“ haben, drücken sich oft ganz konkret körperlich aus, mitten in der therapeutischen Sitzung. Dann könnten etwa Atemtechniken helfen. Ganz wichtig ist zudem immer, dass wir als Therapeuten entspannt, aber zentriert dasitzen können und den Themen nicht ausweichen, denn das merkt der Klient sofort. Und schämt sich wieder, indem er zum Beispiel in ein Schweigen verfällt.

Das Interview führte Uwe Britten

Zur Person

Ann-Marlene Henning ist Psychologin und arbeitet in eigener Praxis als Sexualtherapeutin. Außerdem wurde sie mit der Fernsehsendung „Make Love“ bekannt. Ihr neustes Buch „Liebespraxis“ enthält Fallbeispiele und Anregungen zum Gespräch über Sexualität mit Klienten und Patienten.

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