ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2018Margarethe Hilferding: Aufbruch aus Rollenbildern

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Margarethe Hilferding: Aufbruch aus Rollenbildern

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 26

Goddemeier, Christof

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„Ein und dasselbe ist es, was Ferch und ich für die Frauen des Proletariats erringen wollen, nicht wahllose Kinderzeugung mit ihrem Elend für Mütter, Kind, Haushalt (...) sondern die gewollte Mutterschaft.“ Margarete Hilferding, 1922. Foto: Karl.Hilferding – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
„Ein und dasselbe ist es, was Ferch und ich für die Frauen des Proletariats erringen wollen, nicht wahllose Kinderzeugung mit ihrem Elend für Mütter, Kind, Haushalt (...) sondern die gewollte Mutterschaft.“ Margarete Hilferding, 1922. Foto: Karl.Hilferding – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Die Ärztin und Individualpsychologin personifiziert die großen Kontroversen ihrer Zeit: als Frau, Jüdin, Sozialistin und Intellektuelle. Vor 75 Jahren starb Margarethe Hilferding – im Konzentrationslager.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert regiert Franz Joseph I. das Habsburgerreich, ein gegenüber der Moderne und dem Industriezeitalter zögerlicher absolutistischer Monarch, Symbolfigur des „alten Österreich“. Gesellschaftlich dominieren Katholizismus, Deutschnationalismus und die antisemitische Bewegung Karl Luegers. Liberale Kräfte versuchen demgegenüber, durch Bildung eine bürgerliche Schicht zu etablieren, die von ihrem politischen Mitspracherecht Gebrauch macht. Die Ärztin und Individualpsychologin Margarethe Hilferding personifiziert hier die großen Kontroversen ihrer Zeit: „als Frau, Jüdin, Sozialistin und radikal denkende Intellektuelle“ (E. List).

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Als sie 1871 als Margarethe Hönigsberg geboren wird, ist die Möglichkeit, in Österreich Medizin zu studieren, noch fern. Denn in Wien gibt es keine Gymnasien für Mädchen und damit keine Möglichkeit, die Matura zu erwerben. Andere europäische Länder sind schon weiter, in Zürich etwa studieren Frauen bereits Medizin. Hönigsbergs Vater ist praktischer Arzt, ihre Mutter engagiert sich in der Frauenbewegung. Beide Eltern entstammen wohlhabenden jüdischen Familien. Ihr Reifezeugnis erhält Hönigsberg an einer Lehrerinnenbildungsanstalt, wo sie sich zur Volksschullehrerin ausbilden lässt. Der Beruf Lehrerin ist eine der wenigen anerkannten Qualifikationen für Frauen, allerdings unter der Bedingung der Ehelosigkeit. Ab 1897 ist die Philosophische Fakultät in Wien für Frauen zugänglich, gegen das Medizinstudium von Frauen regt sich jedoch mächtiger männlicher Widerstand. Theodor Bischoff, Anatom in München, schließt aus dem geringeren weiblichen Hirngewicht gegenüber dem männlichen auf eine geringere Leistungsfähigkeit des weiblichen Gehirns sowie „dass das weibliche Geschlecht für das Studium und die Pflege der Wissenschaften und insbesondere der Medicin nicht geeignet sei“. Die Schrift „Die Frauen und das Studium der Medizin“ (1895) des Chirurgen Eduard Albert durchzieht die Angst vor weiblicher Konkurrenz: „Was will das Weib? Auf diese Frage erhält man eine einzige Antwort: Ein Weib will Kinder haben.“ Wenn „das bisherige Naturwesen (...) Kulturwesen“ werden sollte, drohe eine kinderlose Zukunft. 1900 veröffentlicht der Psychiater Paul Möbius „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und kritisiert die Frauenbewegung, weil sie Mädchen und junge Frauen „von ihrem natürlichen Wege“ abbringe. Zudem befürchtet er, dass geistige Anstrengung die natürliche Aufgabe der Frau als Mutter beeinträchtige und einen Rückgang der Geburtenzahlen mit sich bringe. Otto Weininger formuliert schließlich: „Die Frau geht im Geschlechtsleben, in der Sphäre der Begattung und Fortpflanzung, d. i. im Verhältnisse zum Manne und zum Kinde, vollständig auf, (…) während der Mann nicht nur sexuell ist.“ („Geschlecht und Charakter“ 1903) „Nicht nur sexuell“ meint: Der Mann hat noch andere Interessen, etwa Kampf und Spiel, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und Politik, Religion und Kunst. „Männer, denen wir volle Wertschätzung entgegenbringen, führten Absurditäten ins Feld“, konstatiert Marianne Hainisch (1839– 1936), Begründerin der bürgerlichen Frauenbewegung, lakonisch.

Bereits ab 1880 steigt der Anteil verheirateter erwerbstätiger Frauen. Die ökonomische Situation erzwingt das – der Einbruch der Finanzmärkte im Jahr 1873 führt zur Verarmung vieler Familien. Gesang, Klavierspiel und Handarbeiten, die bis dahin klassischen Frauenqualifikationen, sind „zum nutzbringenden Broterwerb (…) nur beschränkt geeignet“ (W. Heindl). So kann „die Jahrhundertwende (…) als eine Periode des (…) Aufbruchs der Frauen aus den traditionellen Rollenbildern bezeichnet werden“ (L. Fischer, E. Brix). In diesem Kontext ist jede Frau Pionierin. Vorbilder gibt es nicht, wie die Schriftstellerin und Pychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé schreibt: „Ich kann weder Vorbilder nachleben, noch werde ich jemals ein Vorbild darstellen können (…); hingegen mein ganzes Leben nach mir selber bilden, das werde ich ganz gewiss (...)“

In Deutschland darf sie als Ärztin nicht arbeiten

Als Hönigsberg in Wien Medizin studieren darf, ist sie 29 Jahre alt. In das Studium sei sie „zufällig aus rein praktischen Erwägungen gekommen (…), zum Studium der Naturwissenschaften aber auf dem Weg der Sicherungstendenzen gegen einen Rückfall in das üppige Phantasieleben“. Etwa zehn Jahre hat sie wartend zugebracht, Dante übersetzt, einen Band mit Gedichten und ein kleines Sittenbild („Hanna“) veröffentlicht. Als zweite Österreicherin wird sie 1903 promoviert. Sie heiratet den sechs Jahre jüngeren Rudolf Hilferding. Er ist ebenfalls Arzt, engagiert sich politisch und schreibt an seinem Buch „Das Finanzkapital“. 1906 beruft man ihn als Dozent nach Berlin. Das Paar bekommt zwei Söhne. Margarethe darf in Deutschland nicht als Ärztin arbeiten und fasst in Berlin nicht Fuß. Mit ihren beiden Kindern zieht sie nach Wien zurück und eröffnet im Proletarierbezirk Favoriten eine Praxis.

Die Psychoanalyse ist Margarethe Hilferding vertraut, sie hat Freuds Vorlesungen gehört und seine Theorien in der Frauenbewegung erörtert. Als sie 1910 zur „Mittwochsgesellschaft“ stößt, besteht diese aus 17 Männern. Die Konflikte mit Alfred Adler und Carl Gustav Jung schwelen. Hilferding ist keine ehemalige Patientin, auch kommt sie nicht als Bewunderin Sigmund Freuds zur Gruppe. 1911 hält sie einen Vortrag über die „Grundlagen der Mutterliebe“, indem sie die angeborene Mutterliebe verneint. Ihr zufolge wird die Mutterliebe „durch die körperliche Beschäftigung zwischen Mutter und Kind ausgelöst“, das Kind stelle „in der Zeit nach der Entbindung ein natürliches Sexualobjekt der Mutter“ dar. Daraus zieht sie den Schluss, dass „die Sexualempfindungen der Kinder ein Korrelat finden müssen in entsprechenden Empfindungen der Mutter. Und wenn wir beim Kinde einen Ödipuskomplex annehmen, so findet er seinen Ursprung in der Geschlechtsreizung durch die Mutter; die Voraussetzung ist ein gleichfalls erotisches Empfinden von Seiten der Mutter.“ Laut Hilferding halten Frauen, „die eine Sexualbefriedigung bei ihrem Manne vermissen“, „länger, als es geboten ist, an diesem Sexualobjekt fest (...)“. In ihrem Vortrag bedenkt sie wesentliche Aspekte früher Triangulierung und kindlicher Sexualität einschließlich des Ödipuskomplexes und liefert eine empirische Psychologie, die der Sexualität eine zentrale Rolle bei der Organisation der Persönlichkeit zuweist. Die anschließende Diskussion in der Männerrunde muss ernüchternd gewesen sein, das Protokoll berichtet von abwehrenden Kommentaren. Zum ersten Mal seit zehn Jahren spricht eine Frau vor der Mittwochsgesellschaft. Die Wahl des Themas und der Vortrag einer selbstbewussten, emanzipierten 40-jährigen Frau und Mutter mit Erfahrung in der Gynäkologie und Frauenberatung hat die Anwesenden vermutlich überfordert und provoziert (E. List). Und in einer Gesellschaft, in der Mutterliebe nicht als persönliche Lust und Erfüllung, sondern als Notwendigkeit der Natur gilt, sind ihre Thesen schwer erträglich.

Als Alfred Adler 1911 aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung austritt, kritisieren Hilferding und andere die Art, wie man mit Adler umgeht. Hilferding möchte eigentlich bleiben, doch nach einer Abstimmung verlässt auch sie die Vereinigung. Die Psychoanalyse ist für sie eine Erkenntnismöglichkeit neben anderen. Das Elend großer Teile der Bevölkerung, prekäre Wohnverhältnisse, sexuelle Not und die Angst vor Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten sind indes tägliche Praxis. Adler und seiner Frau ist Hilferding freundschaftlich verbunden, im „Verein für Individualpsychologie“ leitet sie die „individualpsychologischen Erziehungsberatungsstellen“. „Ein und dasselbe ist es, was Ferch und ich für die Frauen des Proletariats erringen wollen, nicht wahllose Kinderzeugung mit ihrem Elend für Mütter, Kind, Haushalt (...) sondern die gewollte Mutterschaft und durch sie die bewußt erzeugten und gewünschten Nachkommen. Genosse Ferch und ich wollen gleicherweise, daß die Frau, die Mutter darüber zu entscheiden habe, wann und wie viele Kinder sie zur Welt bringen wolle“, schreibt Hilferding 1922 in der Arbeiterinnenzeitung. Nach der Machtübernahme der Faschisten in Österreich darf Hilferding nicht mehr als Schulärztin arbeiten. Gemeinsam mit den in Wien verbliebenen Individualpsychologen wie Sofie Lazarsfeld, Rudolf Dreikurs, Ida Löwy, Oskar Spiel und anderen gründet sie 1937 den „Klub der Freunde der Individualpsychologie“, der theoretische Kenntnisse über Individualpsychologie vermittelt und Beratungen durchführt.

Ihre Ermordung wird 1942 in Treblinka angenommen

In der „Reichskristallnacht“ werden Hilferding und ihr jüngerer Sohn Peter verhaftet. Er verlässt nach drei Monaten das Land – Karl Popper hilft mit einem Visum für Neuseeland. Ihre Wohnung wird beschlagnahmt, ihr Eigentum zum Teil gestohlen und vernichtet. Sie lebt im jüdischen Altersheim und arbeitet ohne Lohn im Rothschildspital. Rudolf Hilferding stirbt nach schweren Misshandlungen im Pariser Gestapo-Gefängnis, der ältere Sohn Karl wird in Auschwitz ermordet. 1942 wird Margarete Hilferding zunächst nach Theresienstadt deportiert. Ihre Ermordung in Treblinka wird am 24. September 1942 angenommen.

Christof Goddemeier

1.
Fischer L, Brix E: Die Frauen der Wiener Moderne. Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1997.
2.
List E: Margarethe Hilferding, die Wiener Moderne und die Psychoanalyse. In: post Freud – post Klein (Hg. Diercks C, Schlüter S). Wien: Mandelbaum Verlag 2009.
3.
Radak I: „Ausbruch“ aus der geschlechtsspezifischen Sozialisation, dargestellt am Beispiel der Pionierinnen des akademischen Arztberufes in Wien um 1900. Wien 2012, online.
1. Fischer L, Brix E: Die Frauen der Wiener Moderne. Wien: Verlag für Geschichte und Politik 1997.
2. List E: Margarethe Hilferding, die Wiener Moderne und die Psychoanalyse. In: post Freud – post Klein (Hg. Diercks C, Schlüter S). Wien: Mandelbaum Verlag 2009.
3. Radak I: „Ausbruch“ aus der geschlechtsspezifischen Sozialisation, dargestellt am Beispiel der Pionierinnen des akademischen Arztberufes in Wien um 1900. Wien 2012, online.

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