ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2018Sucht und Islam: Interkulturelle Kompetenz nötig

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Sucht und Islam: Interkulturelle Kompetenz nötig

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 24

Goddemeier, Christof

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Eine nicht unerhebliche Zahl von Flüchtlingen muslimischen Glaubens ist abhängig von psychoaktiven Substanzen. Die Identitätsdiffusion kann das Problem verstärken. Ein kultursensibler Umgang des Hilfesystems ist erforderlich.

Kaum ein Thema hat unsere Gesellschaft in den letzten zwei Jahren so beschäftigt wie Flucht und Migration. Die meisten der Zuflucht Suchenden kommen aus Ländern, in denen der Islam das häufigste religiöse Bekenntnis darstellt. Unter ihnen findet sich eine nennenswerte Anzahl von Menschen mit riskantem, schädlichem oder abhängigem Konsum psychoaktiver Substanzen. Exakte Zahlen liegen nicht vor. Doch ein Teil der Flüchtlinge aus Iran, Irak und Afghanistan ist heroinabhängig, Menschen aus arabischen Ländern konsumieren Stimulanzien und Schmerzmittel, und jugendliche Einwanderer aus den Maghrebstaaten zeigen einen problematischen Cannabisgebrauch. (1). Die Islamwissenschaftlerin und islamische Theologin Rabeya Müller, Köln, legte in ihrem Vortrag beim Suchtforum 2017, das im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen stattfand, den Schwerpunkt auf den Erwerb interkultureller Kompetenz, die für den Umgang mit abhängigkeitserkrankten Flüchtlingen unerlässlich ist.

Ritualisiert statt reflektiert

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In unserer Vorstellung ist das Verbot, Alkohol zu trinken, eng mit dem Islam verbunden. Müller zufolge hat sich das Verbot, sich zu berauschen, im Verlauf der Koranniederschrift jedoch in mehreren Stufen entwickelt und wird weniger streng ausgelegt als etwa das Verbot, Schweinefleisch zu essen. In Andalusien etwa sei während der 800 Jahre islamischer Herrschaft der Konsum von Wein verbreitet gewesen. In muslimischen Familien werde Religion vor allem in Familien und Gemeinden gelernt, und zwar eher „ritualisiert als reflektiert“. Zudem verwechselten junge Menschen häufig Tradition und Religion. So hätten die meisten „wenig fundierte Kenntnisse über ihre Religion und wenig Wissen über ihre Rechte und Möglichkeiten“. Bei „Verfehlungen“ gegen traditionelle oder religiöse Vorschriften gibt es laut Müller wenig Hilfe von außen. Beten, Fasten sowie Beziehungen gelten als Heilmittel. So kann etwa ein alkoholabhängiger Mann mit dem Ziel verheiratet werden, dass die Ehe seinem Übel abhelfen werde.

Laut Müller befinden sich viele Muslime in einer säkularen Gesellschaft im Dilemma zwischen einer Art „Patchwork-Religion und Individualisierung“, zwischen „diskursiver Lebensgestaltung“ und einer Haltung, die Zweifel untersagt. Wem sollen sie den Vorrang einräumen – der Offenbarung im Koran oder der Vernunft? Verhalten und alltägliches Leben werden durch die drei Kategorien „halal – erlaubt“, „haram – verboten“ und „makruh – verpönt“ geregelt. Rauchen ist demnach verpönt. Auch dass Frauen ihre Haare offen tragen, fällt in diese Kategorie. Sie erzeugt laut Müller großen emotionalen Druck, der häufig in psychosomatischen Beschwerden seinen Ausdruck finde. Krankheit, die einem schicksalhaft zustößt, trifft im Islam auf Mitgefühl und Unterstützung. Süchtiges Verhalten werde dagegen häufig als selbstverschuldet angesehen und vertuscht oder verharmlost, erste Anzeichen werden ignoriert. Als „neue Süchte“ bezeichnet Müller die Sucht nach Anerkennung in sozialen Medien, Extremismus und die Sucht nach religiösen Blendern, etwa den Salafisten.

In den meisten islamischen Ländern existiert kein Suchthilfesystem. So ist die Bereitschaft von Flüchtlingen gering, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Abhilfe suchen Betroffene eher in „brachialen Methoden“ und „magisch-rituellen Praktiken“, zum Beispiel dem Trinken eines zuvor mit Tinte notierten Koranverses. Zudem ist für viele Muslime eine Behandlung durch „kafir“ – Ungläubige – nicht vorstellbar.

Verständnis als Krankheit

Was hilft? Die Identitätsdiffusion vieler Flüchtlinge führt laut Müller zwangsläufig zu kulturellen Konflikten. Ihr zufolge wäre hilfreich, wenn der Islam in Deutschland als Körperschaft öffentlichen Rechts dem Christen- und Judentum gleichgestellt würde. Der Kontakt mit suchtkranken Flüchtlingen erfordere eine „Aufwärmphase“; das direkte Ansprechen eines Problems sei in einer islamisch geprägten Kultur nicht üblich. Das Einflechten islamischer Fachbegriffe wie „halal“ oder „haram“ vermittle dem Gegenüber, dass man ihn ernst nehme. „Streetworker“ aus der islamischen Community, die sich als abhängig outen, treten am überzeugendsten auf. Beratungsstellen können zur Enttabuisierung des Suchtproblems beitragen – weg von Selbstverschuldung und Schicksal, hin zu einem Verständnis süchtigen Verhaltens als Krankheit. Selbsthilfegruppen sollten möglichst Mitglieder unterschiedlicher Sprachräume enthalten. Tröstliches enthalte schließlich auch der Koran: „Von keiner Seele wird mehr erwartet, als sie zu leisten vermag.“

Christof Goddemeier

1.
Ameskamp D, Kuhlmann T, Leicht A, et al.: Flüchtlinge und (Opioid-)Abhängigkeit.
Konturen online – Fachportal zu Sucht und sozialen Fragen. www.konturen.de/fachbeitraege/fluechtlinge-und-opioid-abhaengigkeit/ .
1.Ameskamp D, Kuhlmann T, Leicht A, et al.: Flüchtlinge und (Opioid-)Abhängigkeit.
Konturen online – Fachportal zu Sucht und sozialen Fragen. www.konturen.de/fachbeitraege/fluechtlinge-und-opioid-abhaengigkeit/ .

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