ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2018cyber-sexualität: Brilliante sozio-psychologische Analysen

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cyber-sexualität: Brilliante sozio-psychologische Analysen

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 36

Moser, Tilmann

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Was macht die Cybersexualität mit uns Nicht-Voyeuren? Sie ist in bisher unbekanntem und oft besorgnis- erregenden Ausmaß zugänglich auf einfachen Knopfdruck für Alt und Jung. Aber statistisch sind wird längst alle Voyeure, aus Neugier, Abhängigkeit, Sucht oder Verklemmtheit, bedürftig nach Information oder Stimulierung. Eltern und Pädagogen sind besorgt: Verdirbt der frühe massenhafte Zugang zu pornografischen Inhalten im Internet der Jugend die Sitten, setzt er die Mädchen unter Druck, sich dem zu fügen, was die große Mehrheit junger Männer von ihnen fordern könnte?

Der Autor Martin Dannecker leidet selbst noch spürbar unter dem Trauma der Ausgrenzung und den langen Folgen, als er mit 18 seine Prägung entdeckte und sie lange hinter Scheinnormalität verbergen wollte. Seine Bitterkeit dringt unverkennbar in seine oft wütenden Diagnosen einer konformistischen Gesellschaft, die Homosexuelle immer noch als Hassobjekte betrachten kann oder muss, aus vielerlei Kontaktängsten, die der Autor brilliant enträtselt. Er analysiert breit die neuen Formen der Sexualität am Bildschirm und die inzwischen zahllosen Formen sexueller Interaktion, meist unter homsoexuellen Partnern. Sie sind entweder auf Partnersuche oder wollen über bewegte Bilder virtuelle Sexualität oft stundenlang und dauer-
erregt genießen.

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Aber er diagnostiziert auch die Vorteile der Flut der neuen Formen, die erleichtert wird durch die anonym gesteigerte Schamlosigkeit der Fantasien wie der optisch realisierten „Begegnungen“, die real keine sind und doch das Spektrum der gelebten Praktiken erweitern können. Was am meisten auffällt ist, dass im Cybersex weitgehend die Liebe und die seelische Innigkeit fehlt, weil es entweder um schnellen und oft wechselnden Genuss ohne die Arbeit realer Anbahnung geht, sondern um eine fast schrankenlose Verfügbarkeit der schnellen Verabredungen.

Es ist bewundernswert, was Dannecker aus seinem eigenen Leid gemacht hat: Aufklärung in vielen Büchern, Seminaren und Vorträgen, Gründung von Diskussions- und Selbsthilfegruppen, um Selbstwertprobleme und Scham zu mildern, mit großer Einfühlung vor allem für alte Homosexuelle, die die Last ihrer traumatischen Vergangenheit nicht losgeworden sind.

Störend ist sein missionarisch wütender Kampf gegen die als unentrinnbar angesehene Diktatur des „Gesundheitszwangs“ in der Gesellschaft, gegen eine neue Konformität der körperlichen Dauerselbstpflege zur Erhaltung des ästhetischen Marktwerts, hinter dem nur neue Ausbeutung lauert. Hier argumentiert der antikapitalistische Altachtundsechziger. Obwohl Dannecker Freud oft höchst belesen verarbeitet, scheint ein realer Hintergrund gelebter Psychoanalyse zu fehlen. Dafür ist sein eher sozio-psychologisches Denken brilliant. Tilmann Moser

Martin Dannecker: Faszinosum Sexualität. Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, 200 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

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