ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2018Literarische Orte: Geschlossene Gesellschaft

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Literarische Orte: Geschlossene Gesellschaft

PP 17, Ausgabe Januar 2018, Seite 38

Jachertz, Norbert

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Am liebsten bleiben die Türmer vom „Weißen Hirsch“ unter sich. In der Außenwelt von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ geht es brutal zu.

Dresdener: Uwe Tellkamp wuchs im Stadtteil „Weißer Hirsch“ auf. Dort spielt ein Großteil seines 976-Seiten-Opus „Der Turm“. Foto: picture alliance
Dresdener: Uwe Tellkamp wuchs im Stadtteil „Weißer Hirsch“ auf. Dort spielt ein Großteil seines 976-Seiten-Opus „Der Turm“. Foto: picture alliance

Üblicherweise beginnen Leser von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ ihre Spurensuche an der Talstation der historischen Standseilbahn am Körnerplatz, nahe dem „Blauen Wunder“. Auch der Roman setzt hier ein. Das „Blaue Wunder“ gilt als die berühmteste der Dresdner Brücken. Ihr Blau ist ein bisschen verblasst. Filigran wirkt sie immer noch. Die Standseilbahn führt den Elbhang hinauf zum Stadtteil „Weißer Hirsch“. Der Name geht auf einen Gutshof am Rande der Dresdner Heide zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts parzelliert wurde und einer eigentümlichen Ansammlung großer Villen Platz machte. Gebaut sind sie in einem Stilmix, der an die Bäderarchitektur erinnert.

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Auch der „Weiße Hirsch“ firmierte lange als Bad. Der größte Badunternehmer war ein Arzt, Dr. Heinrich Lahmann. Er betrieb ab 1888 unter der Devise „Natura sanat“ eine lebensreformerisch ausgerichtete Heilanstalt. Sie war seinerzeit schon fortschrittlich und zog allerlei Prominenz an. Viele Villen fungierten als Dependancen, andere als Ausgründungen von „Lahmanns Sanatorium“. Und so mischten sich im Villenviertel Kurunternehmen und die Häuser der Reichen und Berühmten. Das alles war nach 1945 dahin. Die Rote Armee besetzte Lahmanns Sanatorium. Die Stadtverwaltung bemächtigte sich der Villen, quartierte Wohnungssuchende bis unter die Spitzdächer ein und ließ die prächtigen Häuser verfallen.

In dieser Szenerie ist Uwe Tellkamp aufgewachsen. Hier spielt ein Großteil seines 976-Seiten-Opus, eine atmosphärisch dichte Geschichte vom Verfall der DDR und zugleich eine Hommage an das deutsche Bildungsbürgertum, das im Dresdner Reservat wundersamerweise überleben konnte. Im Mittelpunkt der Handlung stehen der anfangs 17-jährige Christian und seine verzweigte Familie. Oberschüler Christian kommt in der Vorweihnachtszeit 1982 aus dem Internat in Waldbrunn (wohl Dippoldiswalde) nach Hause, um an der Feier zum 50. Geburtstag seines Vaters teilzunehmen. Christians Vater, der Unfallchirurg und leitende Oberarzt Richard Hoffmann, begeht seinen 50. standesgemäß in der Felsenburg. An der Bergstation der Standseilbahn nimmt Onkel Meno Christian in Empfang. Bei ihm, im Tausendaugenhaus wird er übernachten. Zuhause, in der Karavelle, ist kein Platz. Und gegenüber, im Haus Abendstern, bei Onkel Niklas, Tante Gudrun, Ezzo und Reglinde ist schon Christians Bruder Robert einquartiert. Christian trifft sie alle in der Felsenburg. Nachdem Chefarzt Müller endlich seine launige Laudatio auf seinen Oberarzt beendet und die Tauwetterlandschaft des unter Kennern geschätzten Malers Curt Querner überreicht hat, folgt eine italienische Barock-Suite. Reglinde (Klavier), Ezzo (Geige), Onkel Niklas (Bratsche), Robert (Klarinette), Christian (Cello) bieten sie dar. Niklas hat den ursprünglichen Flötenpart für Klarinette eingerichtet. Mitten im Stück reißt Christian die a-Saite, doch er spielt gekonnt mit Lagewechsel auf der d-Saite weiter. Der Leser merkt, hier sind passionierte Hausmusiker am Werk.

Das „Blaue Wunder“ gilt als die berühmteste der Dresdener Brücken. Im Hintergrund die Villen des Stadtteils „Weißer Hirsch“ Foto: detlef/stock.adobe.com
Das „Blaue Wunder“ gilt als die berühmteste der Dresdener Brücken. Im Hintergrund die Villen des Stadtteils „Weißer Hirsch“ Foto: detlef/stock.adobe.com

Niemand ahnt, dass Richard mit seinem 50. Geburtstag den Höhepunkt seiner Karriere und seines Lebens erreicht hat. Parallel zur DDR, die ihren Zenit überschritten hat. Richard erleidet nun häufiger beruflich und privat schmerzliche Niederlagen. Und „im Land schien etwas vorzugehen, die Starre und Trägheit war nur noch eine dünne Schicht, unter der sich etwas regte, ein Embryo mit noch unscharfen Konturen“, notiert Meno, dem Uwe Tellkamp die Rolle des distanzierten Beobachters zugedacht hat. Er befürchtet, „dass die Geronten das Land in den Abgrund fahren“, während die Bürger sich aus dem Staatskörper zurückzögen und sich in Nischen einrichteten (kursive Passagen nach Tellkamp). Wie die Türmer.

Jahre des todesnahen Schlafs

In diesen Jahren des todesnahen Schlafs leben die Türmer inmitten des „roten Meeres“ des Sozialismus ihr überkommenes Leben. Sie pflegen die Traditionen des gehobenen Bürgertums. Christian arbeitet ein Leseprogramm ab, das ihn hart an den körperlichen Zusammenbruch führt. An Wochenenden gibt Richard seinen Söhnen Anatomieunterricht. „Er fragte gern die Handwurzelknochen ab“; Tellkamp, der selbst Arzt wurde, spricht wohl aus eigenem Erleben. Richards Vorliebe gilt zwar der Handchirurgie, seine Leidenschaft aber der Restauration eines Hispano-Suiza (und zwei aufeinanderfolgenden Geliebten). Niklas praktiziert als einziger Arzt im Viertel sogar in eigener Praxis. Doch davon ist im „Turm“ wenig zu lesen, viel dagegen von Niklas’ Langspielplatten, der Dresdner Staatskapelle und einer alten Spieluhr, die immer wieder die Melodie „Dresden ... in den Musennestern wohnt die süße Krankheit Gestern“ klimpert. Jaja, die lieben Dresdner“, sinniert denn auch der Baron von Arbogast (hinter dem sich Manfred von Ardenne verbirgt) in seiner komfortablen Villa, „sie wollen immer nur zurück. Neo-Gotik. Neu-Renaissance. Neo-Monarchien.“

Wenn die Türmer ihre Bastion verlassen, geraten sie in eine brutale Außenwelt. Meno, der als Lektor in einem ambitionierten Verlag am Altmarkt arbeitet, kämpft mit den Tücken der Zensur. Er muss erleben, dass eine von ihm geschätzte Dichterin aus dem Schriftstellerverband ausgestoßen wird (die Sitzung wird von Tellkamp süffisant beschrieben). Richard wird die Karriere an der Medizinischen Hochschule verwehrt, obwohl er sich im Dienst aufreibt. Doch er ist nicht in der Partei. Die bevorzugt ihre Leute. Auch an der Medizinischen Akademie Carl Ludwig Carus. Tellkamp führt das Parteiregime am Beispiel Richards vor, die Akademie selbst hat die Praktiken nach der „Wende“ anhand vieler Beispiele bestätigt. Von der Stasi wird Richard zudem wegen seiner Liebesbeziehungen und einer alten IM-Geschichte aus Studienzeiten erpresst. Er weiß sich nur zu helfen, indem er sich, wegen der Affären etwas vage, der Familie offenbart.

„Tausendaugenhaus“: Autor Uwe Tellkamp hat sich dort eine Zweitwohnung eingerichtet. Foto: dpa
„Tausendaugenhaus“: Autor Uwe Tellkamp hat sich dort eine Zweitwohnung eingerichtet. Foto: dpa

Alle, bis auf Privilegierte wie Arbogast, leiden unter Mangel. Papier-, Verbandsstoff-, Spritzen-, Medikamenten-, Brennstoff-, Baumaterialmangel, dazu Verfall und Braunkohleschwaden. „Der gelbe Nebel zog durch die Zimmer, laugte an den Häusern, machte den Dresdner Sandstein porös, überkrustete die Dächer, fraß an den Schornsteinen, ließ die Kittfassungen brüchig werden“, notiert Meno. Immerhin, den Türmern bleibt der feierabendliche Rückzug zu Hausmusik, Literaturkränzchen oder Urania-Abenden bei Arbogast.

Mühlen der Militärjustiz

Schlimm erwischt es Christian. Um zum Medizinstudium zugelassen zu werden, verpflichtet er sich „freiwillig“ für drei Jahre zur Nationalen Volksarmee. Bei einer Übung kommt ein Kamerad zu Tode. Christian beschuldigt erregt einen Vorgesetzten und gerät in die Mühlen der Militärjustiz. Wie das abläuft, beschreibt Tellkamp beklemmend und kenntnisreich. Auf Haft folgt Strafeinsatz auf Strafeinsatz. Chemiekombinat, Karbidproduktion, Braunkohleabbau. Schwedt, Bitterfeld, die Tagebaue bei Leipzig. Christian kommt erst beim Untergang der DDR frei. An einem Novembertag 1989. Fast sieben Jahre nach jenem Geburtstag im Felsenkeller.

Auf Christians Spuren nehmen auch wir die Standseilbahn und landen beim Luisenhof (bei Tellkamp Sibyllenhof). Er ist wegen schlechten Wetters geschlossen. Die Aussicht ist dennoch prächtig wie später dann auch die vom Friedensblick (Tellkamps Oktoberblick oder bildungsbürgerlich: Philaletesblick). Bewaffnet mit einem Faltplan der Dresdner Verkehrsbetriebe und dem ziegelsteinschweren „Turm“ ziehen wir los und begegnen manch anderen, die auch suchend unterwegs sind. Vom Luisenhof zieht sich die Plattleite (Turmstraße) quer durchs ganze Viertel. Überall perfekt renovierte Villen. Selten ein verfallender Bau, der ahnen lässt, wie es mal aussah. Linker Hand der Komplex des Ardenne-Instituts. Ardennes Nachfolger widmen sich geschäftlich immer noch der Ganzkörperhyperthermie und offerieren „am Ursprungsort“ die Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie. Links über die Wolfshügelstraße (Wolfsleite) zur Collebuschstraße (Mondleite), an deren Ende, gegenüber dem Friedenspark, eigentlich das Tausendaugenhaus stehen müsste. Doch die Villa passt nicht zur Beschreibung im Buch. Später stoßen wir „An der Berglehne“ auf das (wahrscheinliche) Vorbild, die „Villa Fuchsbau“. Schneller zu identifizieren sind die Karavelle, Christians und auch Tellkamps Elternhaus, Heinrichstraße 11 (tatsächlich Oskar-Pletsch-Straße), gegenüber mit der Nr. 10 liegt das Haus Abendstern. Das Heim von Musikfreund Niklas wird gerade kernsaniert. Einen Hakenschlag von der Heinrichstraße entfernt hat sich Tellkamp nach Abstechern in den Westen wieder im heimatlichen Viertel niedergelassen. Er soll an der Fortsetzung seiner Geschichte schreiben. Nicht nur die Dresdner sind neugierig, wie er sich in „Lava“ auf die Dresdner Unruhen der jüngsten Zeit einlassen wird. Indem er Partei ergreift? Oder als distanzierter Beobachter, so wie Meno?

Gegen Hunger empfehlen Tellkamp und andere Kenner die Brötchen der Bäckerei Walther. Die heißt auch real so. Leider hat sie geschlossen. Die Fleischerei nebenan will gerade schließen, lässt uns aber noch rein. Der Chef glaubt, wir kämen aus Niedersachsen. Erstaunlich, dachten wir doch bisher, unser rheinischer Akzent sei unverkennbar. Das Missverständnis klärt sich schnell. Wir hatten die reiche Auswahl an Fleisch- und Wurstwaren bewundert. Das tun sonst Niedersachsen, sagt der Chef.

Gründlich sanierte Villen

Die Plattleite endet an der Bautzner Landstraße. Rechts das lokale Geschäftsviertel, wo der Aufschwung des „Weißen Hirsches“ bisher nicht so recht angekommen ist. Linker Hand Lahmanns Sanatorium. Bis zum Abzug der Roten Armee Lazarett. Tellkamp erzählt aus der Endphase der Russenzeit eine seiner kleinen, effektvoll zugespitzten Geschichten. Diese ist makaber. Ende Dezember, Eiseskälte. Irgendwo auf dem „Weißen Hirsch“ ist ein Hauptwasserrohr geplatzt. Wasser strömt die Straßen hinunter und vereist. Auf der Suche nach der Ursache kommt ein deutsch-russischer Trupp zum Heinrichshof, dem ehemaligen Wohnhaus der Lahmanns. Meno macht den Dolmetscher. Zerschlagene Fenster, herausgerissene Toilettenbecken, „verpackt und heimatbeschriftet“, vereinzelt Patienten. Der Suchtrupp dringt zum Keller vor. Ein Soldat öffnet mit der Kalaschnikow ein Vorhängeschloss. Pickende und schabende Geräusche „wie das Ticken Tausender Uhren; aber es waren die Beinchen von Wanderratten, die auf dem vereisten Boden teils possierlich ruderten, schlitterten und strauchelten, doch zielsicher in die Tiefe strebten.“ Den Rohrbruch fand der Suchtrupp nicht, wohl aber „ein Handballtor, mit zerrissenem Netz, daneben Stangen und Kletterseile, Gummimatten – die Turner waren auch da. Festgefroren im Eis, in verrenkten und geknickten Positionen, standen orthopädische Modelle auf dem Spielfeld, aus altem Holz geschnitten, das dunkel, als hätten es Generationen lernbegieriger Schüler abgegriffen, unter Menos Lampe aufglänzte.“

Nur ein Rest der Gebäudeensembles lässt noch ahnen, was die Rote Armee und zwanzig Jahre Leerstand Lahmanns Sanatorium angetan haben. Ein Investor hat gründlich saniert und „Damenbad“, „Herrenbad“, „Doktorhaus“ in einen luxuriösen „Wohnpark“ umgewandelt. Auch unsere letzte Station auf dem „Weißen Hirsch“, der „Heinrichshof“ scheint bezugsfertig zu sein. Von hier laufen wir hügelabwärts Richtung Grundstraße und wieder hügelan, durchqueren ohne Ausweiskontrolle das ominöse Ostrom, wo laut „Turm“, die Parteifunktionäre in ihrer geschlossenen Gesellschaft gelebt haben, und erreichen die Schwebebahn. Sie hängt an Schienen, genau wie die Wuppertaler, und endet beim „Blauen Wunder“.

Norbert Jachertz

1.
Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Suhrkamp 2008, 976 Seiten (auch als TB und eBook)
2.
A. und I. Scholz: Berufliche Wege von Wissenschaftlern an der Medizinischen Akademie Dresden. In: Von der Akademie zur Fakultät, Schriften der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus, Dresden 1997
1.Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Suhrkamp 2008, 976 Seiten (auch als TB und eBook)
2.A. und I. Scholz: Berufliche Wege von Wissenschaftlern an der Medizinischen Akademie Dresden. In: Von der Akademie zur Fakultät, Schriften der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus, Dresden 1997

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