ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2018Kliniken in Kabul: Der Feind in den eigenen Reihen

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Kliniken in Kabul: Der Feind in den eigenen Reihen

Seeliger, Stephan

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Bei einem Anschlag auf ein Militärhospital tragen die Täter Arztkittel. Die Angst vor dem Terror sitzt auch im nahe gelegenen Kinderkrankenhaus tief. Doch man hält den Betrieb aufrecht, auch mithilfe von Ärzten aus Deutschland.

Nach dem Anschlag: Afghanische Sicherheitskräfte errichten Straßenblockaden vor dem Militärkrankenhaus Dawood Khan. Foto: picture alliance
Nach dem Anschlag: Afghanische Sicherheitskräfte errichten Straßenblockaden vor dem Militärkrankenhaus Dawood Khan. Foto: picture alliance

Im Frühjahr 2017 ging die Nachricht um die Welt, dass in der afghanischen Hauptstadt Kabul bewaffnete Männer das Militärkrankenhaus gestürmt und 50 Menschen getötet hatten. 80 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Opfer waren Patienten, Besucher, Pfleger, Ärzte – eben alle, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags im Krankenhaus aufhielten.

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Nur wenige Tage später stehen wir zu dritt am Flughafen und machen uns auf die schon seit Langem geplante Reise in das Irene Salimi Kinderhospital mitten in Kabul. In den vergangenen 96 Stunden hatten wir mehrfach miteinander telefoniert, ob wir uns auf den Weg machen oder doch besser in Deutschland bleiben sollten. Unser Fazit: Wenn wir jetzt nicht reisen, hat der Terror gewonnen.

Gegen Abend fliegen wir von Frankfurt nach Istanbul, verbringen dort fast die ganze Nacht am Flughafen und brechen verspätet in den frühen Morgenstunden nach Kabul auf. Aziz, ein Mitarbeiter der Kinderklinik, begrüßt uns nach der Ankunft am Flughafen schon an der Passkontrolle und leitet uns, damit wir nicht so viel durch das Freie laufen müssen, zum benachbarten Diplomatenparkplatz. Anschließend geht es mit dem Auto quer durch die Stadt – immer mit geschlossenen Fenstern – ins Kinderkrankenhaus. Die Klinik ist von außen nicht einzusehen, weil sie durch eine hohe Mauer von der Hauptstraße getrennt ist.

Auch im Irene Salimi Krankenhaus sind die Ereignisse aus dem Militärkrankenhaus von vor fünf Tagen immer wieder Thema. In der ersten Morgenbesprechung nach unserer Ankunft wird mit allen Mitarbeitern des Krankenhauses und der anwesenden Geheimpolizei eindringlich erörtert, wie man vorgehen soll, wenn auch nur der Verdacht eines terroristischen Angriffs besteht. Zettel mit Notfalltelefonnummern werden kopiert, laminiert und überall aufgehängt und immer wieder wird diskutiert, ob nicht auch das Wachpersonal eines Kinderkrankenhauses einer Wohlfahrtstiftung mit Maschinengewehren ausgestattet werden sollte.

Bei den Ausführungen des Polizisten zu dem Terroranschlag auf das nur drei Kilometer entfernte Militärkrankenhaus wird allen das Ausmaß der Brutalität bewusst. Medizinstudenten und Praktikanten, die fünf Monate zuvor dort zu Ausbildungszwecken eingeteilt wurden, hatten seit dieser Zeit immer wieder in leeren Gasflaschen Waffen, Munition und Granaten auf das Krankenhausgelände geschmuggelt. Am Tag des Anschlages wurde das Eingangstor des „bestbewachten“ Krankenhauses der afghanischen Hauptstadt von einem sprengstoffbeladenen Lkw zerstört, nicht um dadurch auf das Krankenhausgelände zu gelangen, sondern als Startsignal für die bereits im Haus verteilten Komplizen.

Die Explosion löste eine Panik aus. Patienten, Besucher, Krankenhauspersonal, alle rannten auf die Gänge und wurden dort von den schwerbewaffneten Medizinstudenten und Praktikanten in Arztkitteln erwartet und erschossen. Kranke, die nicht weglaufen konnten, wurden in ihren Zimmern erstochen, um Munition zu sparen. In dem 400-Betten-Krankenhaus starben an diesem Tag mehr als 250 Menschen und nicht, wie in Deutschland zu lesen war, 49. Auch Ärzte und Mitarbeiter der Kinderklinik verloren an diesem Tag Freunde und Kollegen.

Irene Salimi Hospital: Die Ambulanz ist die erste Anlaufstelle für die Patienten. Die Kinder werden von Vätern, Müttern und Geschwistern begleitet.
Irene Salimi Hospital: Die Ambulanz ist die erste Anlaufstelle für die Patienten. Die Kinder werden von Vätern, Müttern und Geschwistern begleitet.
Täglich findet in der Klinik Schulunterricht statt. Für manche Kinder ist es das erste Mal.
Täglich findet in der Klinik Schulunterricht statt. Für manche Kinder ist es das erste Mal.

Am zweiten Tag erscheint erneut die Polizei in der Kinderklinik. Es werden neue Strategien besprochen, um dem unsichtbaren Feind, der eben auch als Arzt verkleidet sein kann, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Das „German“ soll im Eingangsbereich und auf dem Schild an der Straße überstrichen werden. Außerdem regen die Polizisten an, im hinteren Teil des Geländes nachträglich Fluchttüren in die Mauer einzubauen, um zumindest einigen Patienten und Mitarbeitern im Notfall einen Ausweg anbieten zu können.

Wir entscheiden uns dafür, auf Kalaschnikows in einer Kinderklinik und auf zusätzliche Fluchtwege zu verzichten. Wir wollen lieber die „Augen offen halten“, auch wenn wir nicht genau wissen, wie, da das Irene Salimi Hospital allein 2016 17 866 Patientinnen und Patienten ambulant und weitere 1 557 stationär betreut hat. Das heißt, dass täglich im Durchschnitt rund 60 Patienten neu in die Klinik kamen.

Kurz nach dem Anschlag auf das Militärhospital gehen die Patientenzahlen zunächst stark zurück. Niemand will im Krankenhaus sterben. Erst Tage später normalisieren sich die Zahlen langsam wieder. Doch die Unruhe bleibt. Ein circa 15-jähriger Junge wird von Polizei und Rettungsdienst mit einer Oberschenkelfraktur eingeliefert. Er hatte sich auf der Treppe der nahe gelegenen Moschee geprügelt und war diese hinuntergefallen. Sofort tauchen Fragen auf: Trägt er Messer oder andere Waffen? Wer Waffen mit sich führt, egal ob Kind oder Erwachsener, muss das Krankenhaus unbehandelt verlassen.

Zum Terror kommen die „gewöhnlichen“ Straftaten dazu. 18 000 weniger schwere Delikte, die von Jugendlichen unter 16 Jahre begangen werden, zählt man in Kabul jährlich. Die Zahl der schweren Straftaten wie Körperverletzungen, Entführungen oder Morde, an denen Jugendliche beteiligt sind, liegt nach offiziellen Angaben bei 4 000 jährlich. Diese Kriminalitätsrate verwundert wenig. Seit mehr als zwei Generationen leben die Menschen in Kabul ununterbrochen mit Krieg, Gewalt und Terror in Armut in einer der schmutzigsten Städte der Welt.

Hier Hilfe zu leisten, war das Motiv von Helma und Gerolf Dechentreiter, als sie im Jahr 2002 erste Pläne für ein deutsches Kinderhospital in Kabul entwickelten. Schon zweieinhalb Jahre später konnte das Krankenhaus eröffnet werden. Heute verfügt es über 50 vollstationäre Betten für Kinderchirurgie, Kinderorthopädie sowie Pädiatrie. Jedes Jahr werden dort 1 500 Operationen nach internationalen Standards und unter hohen hygienischen Anforderungen durchgeführt, Tendenz steigend. Den Müttern, deren Kinder stationär aufgenommen werden, steht ein eigner Schlafplatz neben dem Kind zur Verfügung, außerdem werden sie voll verpflegt.

Wer in Kabul ambulante medizinische Hilfe sucht, unterscheidet nicht zwischen Kinderklinik und allgemeinem Akutkrankenhaus. Das führt dazu, dass im Irene Salimi Hospital Patienten vom Neugeborenenalter bis ins hohe Erwachsenenalter behandelt werden. So sehen die dortigen Ärzte von der Dreimonatskolik bis zur offenen Tuberkulose, von der schweren angeborenen Stoffwechselkrankheit bis zur Tumorerkrankung des Erwachsenenalters, von der schweren Verbrennung bis zum schlecht eingestellten Diabetes nahezu jedes Krankheitsbild. Für eine Untersuchung und eine Medikamentenverordnung zahlen die Patienten 100 Afghani, umgerechnet 1,30 Euro.

Trotz Krieg und Terror stand es für die Dechentreiters nie zur Debatte, den Klinikstandort aufzugeben. Unermüdlich schaffen sie über die Nachbarländer in großen Containern medizinisches Gerät, Medikamente und Gebrauchsartikel für den OP heran. Immer wieder gehen Container unterwegs verloren oder in Flammen auf, die Transporte werden überfallen, die Fahrer verletzt, für alkoholische Desinfektionsmittel besteht ein Einfuhrverbot.

Am Tag vor unserer Abreise ist die Ambulanz zum Bersten voll. Viele Patienten kommen in Begleitung von Angehörigen, von denen viele Militäruniform tragen. Sofort macht sich wieder Unruhe breit. Alle haben wieder die Anschlagsbilder im Kopf. Wird der Terror irgendwann auch in der Kinderklinik zuschlagen? Sicher ist Afghanistan nicht. Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Seeliger

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