ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2018Gesundheits-Apps: Fachübergreifende Qualitätskriterien sind unabdingbar

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Gesundheits-Apps: Fachübergreifende Qualitätskriterien sind unabdingbar

Dtsch Arztebl 2018; 115(3): A-67 / B-61 / C-61

Albrecht, Urs-Vito

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Die Flut an Gesundheits-Apps macht die Notwendigkeit nach Qualitätssiegeln notwendig. Der Prüf- und Vergabeprozess ist aber nicht einfach umzusetzen. Erste Versuche dazu haben begonnen.

Foto: erhui1979 iStockphoto
Foto: erhui1979 iStockphoto

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran und macht auch vor der Medizin nicht halt – und das ist positiv. Die Ärzteschaft hat sich beim 120. Deutschen Ärztetag im vergangenen Jahr in Freiburg der Hinwendung zum Thema Digitalisierung verschrieben, wohl auch, weil sich langsam, aber sicher das Zeitfenster für ein konstruktives Mitgestalten der Rahmenbedingungen schließt. Die Zeichen der Zeit lassen erkennen, dass die Abwehr der neuen Technologien in die Isolation führt und Digitalisierung letztendlich ohne Mitsprache der Ärzte dennoch „passieren“ wird. Dies sorgt allenthalben für ein Umdenken und Bewegung.

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Ein Beispiel des jüngsten Engagements lässt sich bei Gesundheits-Apps beschreiben: Schon vor der Forderung des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Gütesiegel für Gesundheits-Apps zu etablieren, waren diverse Initiativen aktiv und entwickelten Strategien für die Bewertung von Gesundheits-Apps, darunter die ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH, HealthOn oder das Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem (afgis). Dieser Trend wird durch die nachvollziehbare Forderung nach Orientierung befeuert.

Letztendlich ist die Sache mit den Siegeln in mehrfacher Hinsicht komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Natürlich wäre es einfach und komfortabel, wenn ein Siegel umfänglich Qualität, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit eines Produkts signalisiert. Allerdings zeigt ein Blick in die Siegellandschaft (insbesondere bei Erfahrungen jenseits von Apps), dass es eben oft mindestens diskutabel ist, was das betreffende Siegel nun aussagt. Wenn der Siegelvergabe eine ausgefeilte, umfassende und valide Testung vorangeht, dann wird der Vergabe- und Prüfprozess schnell sehr teuer und zeitaufwendig und verlangt seitens des Produktherstellers viel Transparenz. Beim schnelllebigen, grenzüberschreitenden, hochdynamischen, niedrigpreisigen Geschäftsmodell „Gesundheits-App“ sind da Interessenkonflikte unausweichlich.

Ein valides Siegel wäre natürlich eine Bereicherung und es gibt vielversprechende Ansätze, zum Beispiel die jüngste Initiative „Dia Digital“ der AG Diabetes & Technologie. Diverse medizinische Fachgesellschaften spielen ebenfalls mit dem Gedanken, eigene Siegel zu vergeben. Dabei ist allerdings grundsätzlich zu hinterfragen, ob es sinnvoll ist, dem überwältigenden App-Angebot ein ebensolch variantenreiches Siegelangebot entgegenzustellen.

Welche der folgenden Gesundheits-Apps nutzen Sie bereits auf Ihrem Smartphone beziehungsweise könnten Sie sich vorstellen, künftig zu nutzen?
Welche der folgenden Gesundheits-Apps nutzen Sie bereits auf Ihrem Smartphone beziehungsweise könnten Sie sich vorstellen, künftig zu nutzen?
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Welche der folgenden Gesundheits-Apps nutzen Sie bereits auf Ihrem Smartphone beziehungsweise könnten Sie sich vorstellen, künftig zu nutzen?

Die Erfahrungen aus dem Bereich der Gütesiegel für Gesundheitswebseiten zeigen, dass eine zu große Siegelvielfalt eher nicht zielführend ist: Aufgrund der vielen verschiedenen Siegel und Zertifikate entscheiden sich nur wenige Hersteller und Anbieter, ihre Webseiten mit einem Siegel kennzeichnen zu lassen. Keines der Siegel hat genügend Aufmerksamkeit erlangt, als dass sich der Aufwand eines Antrags lohnen würde. Nur wenige Nutzer kennen die unterschiedlichen Siegel und ihre Bedeutungen. Auch qualitativ weisen Siegel für Gesundheitswebseiten teilweise Mängel auf. Ältere Untersuchungen haben keine signifikante Korrelation zwischen „Erfüllung definierter Qualitätskriterien“ und „inhaltlicher Korrektheit der Webseiten“ gezeigt. Gerade die inhaltliche Korrektheit ist aber ein wichtiges Qualitätsmerkmal von Webseiten im Bereich Gesundheit. Die Nutzer verlassen sich oftmals auf die ihnen angebotenen Informationen und sind auf deren Korrektheit und Aktualität angewiesen.

Der Wunsch, ein Siegel zu führen, zu vergeben, zu tragen und zu erkennen, wird von sämtlichen Akteuren im Gesundheitswesen geteilt. Der Modus der Zielerreichung bleibt dabei weitestgehend unklar. Es herrscht keine Einigkeit darüber, wie ein Siegel, das Qualität, Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit von Gesundheits-Apps ausreichend erfasst, aussehen soll und wie die Kriterien, auf denen eine valide Prüfung und Vergabe erfolgt, gestaltet sein müssen. Es ist davon auszugehen, dass die Fachgesellschaften primär dahin streben, für ihre jeweiligen Mitglieder Orientierungsangebote zu schaffen. Hierbei ist aber Sorge dafür zu tragen, dass die einzelnen Siegel auch eine interdisziplinäre Nutzung abdecken, indem die Ansprüche der Fachgesellschaft A kompatibel zu denen von Fachgesellschaft B sind. Ansonsten wäre eine fachübergreifende App für den einen oder anderen Fachbereich „gesperrt“.

So facettenreich wie der Gesundheits-App-Markt und die Fachgesellschaften sind, lassen sich aber dennoch Grundsätzlichkeiten identifizieren und Gemeinsamkeiten herausarbeiten.

Um der Dynamik des Marktes, der App-Technologie sowie dem Orientierungsbedürfnis und Nutzungswunsch der Nutzer gerecht zu werden, ist ein Konsens über grundsätzliche Qualitätskriterien an Gesundheits-Apps durch sämtliche Fachgesellschaften eine Notwendigkeit. Und das ist eine lösbare Aufgabe. Es kursieren bereits mehr oder weniger detaillierte Vorstellungen zu anwendbaren Kriterien. Zweifelsohne gibt es eine stillschweigende Zustimmung im Grundsätzlichen. Es ist sicherlich sinnvoll, dieser eine Stimme mit Gewicht durch eine Konsentierung durch sämtliche Fachgesellschaften zu verschaffen. Die fachspezifische Differenzierung kann ohne Weiteres im Detail erfolgen, doch muss im Großen und Ganzen Einigkeit über die Qualitätskriterien bestehen.

Mit der Formulierung dieser grundsätzlichen Kriterien würde das Fundament für eine homogene qualitätsgesicherte Entwicklung gelegt: Hersteller würden über die Anforderungen informiert werden, unter denen die Mediziner überhaupt bereit wären, eine Nutzung ihrer Produkte in Betracht zu ziehen. Sie wären auch gezwungen, dementsprechend zu entwickeln, wenn ihre Produkte beachtet werden sollen.

Fotos: iStockphoto
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Die detailreiche Ausarbeitung der Basiskriterien zur Prüfung wäre ein Folgeschritt. Hier gibt es aufgrund der fachlichen Variabilität genügend Diversifizierungspotenzial, um partikulären Anforderungen der einzelnen Fächer gerecht zu werden. Ohne selbst in die Verantwortung und Verbindlichkeiten der Testung zu gelangen, können die Fachgesellschaften zudem Kriterien für Evaluationsprozesse abstimmen, die letztendlich eine valide Prüfung ermöglichen könnten. Unbenommen sollen die Fachgesellschaften im Rahmen ihrer Kompetenz inhaltliche Bewertungen vornehmen und so einen weiteren Beitrag zur Qualitätssicherung leisten.

In diesem Sinne koordiniert die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin unter Einbeziehung der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen Fachgesellschaften einen Konsensusprozess mit dem Ziel, einerseits basale Gütekriterien für die Gestaltung einer App zu definieren und andererseits praktikable Methoden für deren inhaltliche Evaluation vorzuschlagen.

Priv.-Doz. Dr. med. Urs-Vito Albrecht,

Peter-L.-Reichertz-Institut für Medizinische Informatik der Technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover

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