ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2018Von schräg unten: Helfen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Helfen

Dtsch Arztebl 2018; 115(3): [92]

Böhmeke, Thomas

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Morgens gehe ich durch meine Praxis und stelle fest: Mir muss geholfen werden. Nicht bei der Differenzialdiagnostik von Herzensangelegenheiten oder der Pathophysiologie der KV-Abrechnung, nein, ich bin ganz oberflächlich unterwegs: Meine Praxis sieht nicht mehr schön aus. Diese fiesen Flecken auf der Tapete, die von Infusionsflüssigkeiten auf Irrwegen zeugen, diese Kratzer an den Türzargen, die dem scharf einbiegenden Rollstuhl nicht standhielten. Ich muss etwas unternehmen, alles muss im neuen Gewand daherkommen, so frisch und fröhlich wie die neuesten Arzneimittelrichtlinien. Kaum habe ich dies, da meist laut und vernehmlich denkend, meiner Umgebung offenbart, stehen mir schon hilfreiche Menschen zur Seite. Man habe doch einen Bekannten, der unglaublich begabt in diesen Dingen wäre, der an zwei Wochenenden alles in den schönsten Farben malen würde. Und das für wenige Hundert Euro, bar auf die Kralle, versteht sich.

Nein, niemals, nicht mit mir! So muss ich meinen wohlmeinenden Mitmenschen eine Absage erteilen, bei mir gibt es keine Schwarzmalerei! Da würde ich es lieber selbst machen, auch wenn meine dahingehenden Erfahrungen nur begrenzter Natur sind, schließlich habe ich nur den Umgang mit Muttermalen und der Malnutrition, dem Farbdoppler sowie der bunten Reihe gelernt und nicht mit dem Pinsel. Also rufe ich einen Fachmann an, schildere den Umfang der Restauration und erkundige mich mal schon vorsorglich, welche Zahl er wohl auf die abschließende Rechnung malen würde. 2 000 Euro würde es schon kosten, so meint der Malkundige, aber Genaues könne er erst sagen, wenn er sich vor Ort ein Bild vom Ausmaß des Malerischen gemacht hätte. Die genannte Ziffer lässt mich kurz farbige Sterne sehen. Tags darauf nimmt er Maß und kurz danach präsentiert er den Kostenvoranschlag: Über 6 000 Euro müssten es schon sein. Ich gerate in Schnappatmung, mir wird schwarz vor Augen.

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Nachdem sich mein Kreislauf wieder normalisiert hat, keimt gleich dem Bakterienrasen auf der Agarplatte das Verständnis in meinem Kopf: Dieser Mensch wollte einfach nur helfen! Ja, so muss es sein, in einem Anfall von altruistischem Aktionismus hat er beschlossen, sein Honorar zu verdreifachen, um der Gerechtigkeit auf diesem Globus Genüge zu tun. Denn ich bin kein gemeiner Auftraggeber, der sein schnödes Ambiente zu verschönern wünscht, sondern ein Arzt. Und Ärzte, so will es die landläufige Meinung, verdienen einfach viel zu viel, daher ist es für ihn höchste Zeit, dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit entgegenzutreten und für den überfälligen sozialen Ausgleich zu sorgen, koste es, was es wolle! Meine Güte, wie konnte ich nur diese Großzügigkeit übersehen!

Aber mein egoistisches Ich will auch mal von solch einem moralinsüßen Moment kosten wie die Magensäure vom Magaldrat, daher greife ich selbst zu Pinsel und Farbtopf. Und bin in zehn Stunden fertig. Welch ein Glücksgefühl durchströmt mich! 6 000 Euro, das entspricht gemäß GOÄ dem Honorar von 70 ektomierten Blinddärmen, über 300 Hausbesuchen sowie sage und schreibe 14 Bypass-Operationen am offenen Herzen! Und das alles in nur zehn Stunden, was bin ich für ein Teufelskerl! Aber dann packt mich mein schlechtes Gewissen wie die Magillzange den Tubus: Ich habe den armen Maler um sein moralisches Angebot betrogen, ihn um das gute Gefühl gebracht, Gerechtigkeit zu üben, dies mit einem beherzten Griff in mein Ausgabenkonto! Und habe mir selbst in die Tasche gewirtschaftet! Oh, was bin ich nur für ein schlechter Mensch! Ist mir noch zu helfen!?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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Claus-F-Dieterle
am Freitag, 19. Januar 2018, 20:31

Werkstättten für behinderte Menschen...

...holen Sie beim nächsten Mal doch da Angebote ein, viel Erfolg. Und einen Teil der eingesparten Zeit können Sie doch in der Bibel lesen.

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