ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996Wertebild der Ärzteschaft: Lehren aus einer üblen Vergangenheit

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Wertebild der Ärzteschaft: Lehren aus einer üblen Vergangenheit

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Unter dem Tagesordnungspunkt 2 behandelte der 99. Deutsche Ärztetag "Das Wertebild der Ärzteschaft 50 Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß". In das Thema führten drei Referate ein: Der Historiker Eberhard Jäckel beschrieb das Zustandekommen und die Zielsetzung des Prozesses, der hessische Kammerpräsident Alfred Möhrle beleuchtete die Rolle der Ärzte im Dritten Reich und die Lehren, die die Ärzteschaft gezogen hat, der Hochschul mediziner Eckhard Nagel zog Schlußfolgerungen für die heutige Forschung am Menschen.

Der Nürnberger Ärzteprozeß hat bereits den ersten Deutschen Ärztetag nach dem Zweiten Weltkrieg – es war der 51., der 1948 in Stuttgart stattfand – beschäftigt. Damals stand der Bericht von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke im Mittelpunkt. Ungefähr fünfzig Jahre nach dem Prozeß behandelte ein Deutscher Ärztetag wiederum die Verstrickungen von Ärzten, aber auch der Ärzteschaft in den Nationalsozialismus. Der Ärzteprozeß war einer der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Während der bekannte "Nürnberger Prozeß" gegen die Hauptkriegsverbrecher von den Alliierten gemeinsam durchgeführt wurde, fanden die Nachfolgeprozesse unter amerikanischer Regie statt. Insgesamt waren es 12, der erste war der Ärzteprozeß, weitere Prozesse richteten sich gegen Juristen, Industrielle, Diplomaten, Generäle und höhere SS-Funktionäre. Dr. phil. Eberhard Jäckel, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart, informierte auf dem Ärztetag über die Entstehungsgeschichte der Nürnberger Prozesse und machte auf viele noch offene Fragen aufmerksam, etwa: Warum war der Ärzteprozeß der erste? Wie kam es zur Auswahl der Angeklagten? Was waren die internen Überlegungen der Richter? Immerhin lasse sich feststellen: "Es ging nicht um die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus." Anklagepunkte waren vielmehr "der gemeinsame Plan oder die Verschwörung" zur Begehung von Verbrechen, "Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sowie "Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen". Vorrangig ging es um Verbrechen in den von Deutschland besetzten Gebieten. Verbrechen, die Deutsche an Deutschen begangen hatten, waren somit nicht Gegenstand. Deswegen wurde die Euthanasie zwar behandelt, aber darüber wurde nicht geurteilt. In erster Linie sollten Verbrechen gesühnt werden. Jäckel hält die Öffentlichkeit der Prozesse für ihr größtes Verdienst. Denn sie machten die Verbrechen bekannt. Sie bewirkten eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Jäckel: "Das ist der einzige Vorteil, den uns diese belastende Vergangenheit bietet, daß wir die Freiheit und die Menschenrechte deswegen mit um so größerer Entschlossenheit verteidigen können, weil wir wissen, daß sie bei uns einmal mißachtet und mit Füßen getreten worden sind".
Die Rolle von Ärzteschaft und Medizin im Dritten Reich behandelte der zweite Referent, der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, Dr. med. Alfred Möhrle, in einem gründlichen, kritischen Referat. Es sei ein Zusammentreffen vieler Faktoren gewesen, was das Menschenbild des Arztes in der NS-Zeit einschneidend verändert habe. Möhrle stellte einen ganzen Katalog jener Faktoren zusammen, der in seiner Konzentriertheit und Nüchternheit bedrückender wirkt als manche von Emotionen getragene Anklage:
c Es gab einen weitgehenden Konsens in der Öffentlichkeit hinsichtlich des sozialdarwinistischen Verhaltens gegenüber Schwachen und Kranken und damit das fehlende Bewußtsein der Rechtswidrigkeit verordneter Maßnahmen.
c Es gab breite Zustimmung auch zum Gedanken der Euthanasie, dem Recht auf den eigenen Tod, mit einer Ausdehnung dieses Rechtes auf die Gesellschaft.
c Die permanente Kritik an den Kosten des Gesundheitswesens in Deutschland unter dem Druck der Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise. Zunehmende Verstimmung der Ärzteschaft durch das negative Image.
c Die Einbußen des Arztes an Einkommen, an gesellschaftlichem Prestige und an seiner dominierenden Stellung gegenüber dem Patienten.
c Verblendung durch die von den Nationalsozialisten verbreitete Euphorie eines neuen, starken und wirtschaftlich gesunden Deutschland, verbunden mit der Ideologie der Höherwertigkeit der nordischen Rasse.
c Zugleich aber auch die Unübersichtlichkeit der nationalsozialistischen Herrschaftsstrukturen und der Kompetenzwirrwarr zwischen staatlichen Organen und der Parteibürokratie, die "Polykratie", die Unsicherheit des Einzelnen hinsichtlich "richtigen" Verhaltens.
c Der Staatsgedanke, die Erhaltung und Mehrung der "Volkskraft" als höherwertiges Rechtsgut.
c Eine Aufwertung der Rolle des Arztes als für die Volksgesundheit verantwortlich. Arzt-Priestertum.
c Durch die Erbgesundheitsgesetze wurde die Illusion vermittelt, nunmehr präventiv für die Gesundung der Gesellschaft tätig werden zu können.
c Die "Gleichschaltung" der ärztlichen Organisationen. Übertragung der Verantwortung für das eigene Handeln auf den Staat. Viele gingen in die innere Emigration.
c Nach einer gewissen Zeit sicher auch das Bewußtsein der Verstrickung, als Folge das Bekennen zum System als Rechtfertigung.
c Die Perfektion des Bespitzelungssystems, die eine öffentliche Opposition nicht aufkommen ließ. c Der Konkurrenzneid auf dem Boden einer antisemitischen Grundstimmung.
c Blanker Opportunismus, Obrigkeitsgläubigkeit und vermeintlicher Gehorsamszwang, militaristisches Denken, Kriechertum, Machtstreben, Vorteilsgier, Forschungsfanatismus.
c Aber auch Gleichgültigkeit und auch Angst.
Möhrle betonte aber auch, daß es neben verbrecherischen Aktionen unter Beteiligung von Ärzten auch einen medizinischen Alltag in Deutschland gegeben habe: "Es gab nicht nur zahlreiche Ärzte, die ihre Pflicht taten, indem sie ihre Patienten in der Heimat oder auf dem Kriegsschauplatz verantwortungsvoll und aufopfernd betreuten, in der Kriegsgefangenschaft und auch in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Es gab auch viele Ärzte, die mehr taten, oft unter Gefährdung der eigenen Person und der eigenen Familie halfen sie Verfolgten und Schwachen, ,Lebens-unwerten' und ,Minderwertigen'."
Spätestens nach dem Nürnberger Ärzteprozeß sei klar geworden, daß sich solche Vorgänge niemals wiederholen dürften. Unter dem Eindruck von Nürnberg hätten die Ärztekammern 1947 ein Gelöbnis auf der Basis des hippokratischen Eides beschlossen. Die Arbeitsgemeinschaft der Westdeutschen Ärztekammern habe die ärztlichen Verfehlungen mißbilligt. Der Weltärztebund habe 1948 sein Genfer Gelöbnis verabschiedet, das das Gebot der Menschlichkeit unter allen Bedingungen betonte. Der Weltärztebund habe sich seitdem mehrfach mit ethischen Fragen des ärztlichen Berufes beschäftigt, unter tatkräftiger Beteiligung auch der deutschen Ärztevertreter. Insbesondere nannte Möhrle die Deklaration von Helsinki und deren verschiedene Revisionen.
Diese Deklarationen betreffen im wesentlichen die Forschung am Menschen. Mit dieser Fragestellung setzte sich Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel, Oberarzt der Klinik für Abdominal- und Transplantationschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover, auseinander. Er zeigte vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung die ethischen Verpflichtungen bei der Behandlung von Patienten auf. In der biomedizinischen Forschung heiße es, eine Synopse zu finden zwischen dem Zweck eines Experimentes, der ohne Beteiligung von Probanden nicht umgesetzt werden könne, und der unausweichlichen Pflicht jedem einzelnen Probanden gegenüber. Nagel betonte immer wieder die individuelle ärztliche Verantwortung. Er machte aber auch auf einen jeder Forschung innewohnenden Widerspruch aufmerksam zwischen individuellen Rechten und gesellschaftlichen Ansprüchen. Ein Ausgleich zwischen dem individuellen Entscheidungsrecht und der Fürsorge der Gesellschaft sei notwendig. Für den Einzelnen bestehe keine Pflicht, sich an Humanexperimenten zu beteiligen. Das Recht des Einzelnen gehe hier vor dem Recht der Gemeinschaft. Medizinische Forschung ist zulässig, so führte Nagel aus, nur mit der expliziten Zustimmung des Probanden, der freiwillig zu seiner Entscheidung gekommen sei. Vom Arzt werde deshalb auch ein "dialogisches Element" erwartet. Nagel wörtlich: "Es ist also eine ethische Verpflichtung der Ärzte, nicht nur ausreichend Sachkompetenz, sondern Dialogfähigkeit zu entwickeln, die es ermöglicht, Ziele des ärztlichen Handelns dem Einzelnen wie der Gesellschaft transparent zu machen." Am Ende eines solchen Prozesses steht, folgt man Nagel, ein Patient oder Proband, der sich freiwillig zu seiner Versuchsrolle entscheidet. Nagel: "Er sollte sie nicht nur erlauben, er sollte sie wollen." In diesem Zusammenhang kam der Referent auch kurz zu sprechen auf die Forschung an Nichteinwilligungsfähigen. Hierzu bedürfe es ausreichender Anhaltspunkte für die mutmaßliche Einwillligung. Das Forschungsprojekt müsse mit einem potentiellen, individuellen Nutzen für den Kranken verbunden sein, erhebliche Aufschlüsse zur Erkennung und Behandlung seiner Krankheit erwarten lassen und sich auf seine Krankheit beziehen.
Eine gewisse Zurückhaltung ließ der Referent hinsichtlich einer Institutionalisierung und Reglementierung von Verfahrensregeln für die Forschung am Menschen erkennen. Keinesfalls sei damit der Einzelne von seiner Verantwortung entbunden. Ethische Entscheidungen könnten nicht an ethische Fachleute delegiert werden. Zu Beginn der Diskussion stellte Prof. Dr. Dr. Klaus D. Dörner (Gütersloh) das von ihm initiierte Projekt zur Veröffentlichung der Nürnberger Prozeßakten vor. Dank logistischer Hilfe der Ärztekammern (bis auf drei Kammern seien alle beteiligt) konnten bisher rund 100 000 Ärzte angeschrieben werden. Das Spendenaufkommen belaufe sich auf rund 200 000 DM. Die Aktion werde fortgesetzt. In der weiteren Diskussion kristallisierten sich einige Schwerpunkte heraus: Können die Nachfolgegenerationen ihren Vätern verzeihen? Sollte die heutige Generation die Opfer und deren Angehörige um Vergebung bitten? Welche Lehren sind für die Zukunft zu ziehen?
Dr. Ellis Huber gehörte zu denen, die für Versöhnung mit der Vätergeneration plädierten; ihn bewegte dabei sichtlich die positive Erfahrung, die er mit seinem Vorgänger im Amte, Prof. Dr. Wilhelm Heim, gemacht hat. Und selbstkritisch: Die Vorwürfe der 68er Generation hätten auch von Aggressivität gezeugt, "die es den Vätern schwer machte, auf uns zuzugehen." Ganz anders Dr. Klaus-Dieter Kossow, auch er sichtlich durch persönliche Erfahrung geprägt: er sehe keinen Grund, der Vätergeneration Absolution zu erteilen. Kossow wie auch andere riefen dazu auf, den Blick nach vorne zu richten. Es gelte, die jüngere Generation davor zu bewahren, in ähnliche Verstrickungen zu geraten wie die Vätergeneration (Dr. Huber). Oder Dr. Eva Müller-Dannecker: "Unsere Kinder müssen wir dazu erziehen, daß sie Widerstand leisten." Dr. Erwin Hirschmann bemerkte, daß Entwicklungen nicht über Nacht kommen und man beizeiten vorbeugen müsse. Ihn beschleiche Unbehagen bei gewissen Behandlungen von Drogenkriminellen oder bei der Beurteilung vonAsylbewerbern. Dr. Kossow fragte: "Wieviel Freiheit läßt der Sozialstaat? Haben wir heute eine von Selektion freie Medizin?"
Eine längere Diskussion gab es zu der Frage, ob die heutige Generation um Vergebung bitten könne. Kennzeichnend Dr. Hans Hege: Die heutige Generation könne nicht um Vergebung bitten für etwas, was sie nicht getan habe. Um Vergebung bitten könnten allenfalls die Täter ihre Opfer. Doch das Unrecht sei, so fuhr Dr. Hege fort, derart, daß es nicht zu vergeben sei. Die Beschlußfassung des Deutschen Ärztetages (sie ist weiter hinten dokumentiert) verzichtet auf den Begriff der "Vergebung", sie zeugt indes von Trauer und Reue – und dem fe- sten Vorsatz, in Zukunft die ethischen Grundnormen des ärztlichen Berufes gegen Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu verteidigen. Norbert Jachertz

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