ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2018Die Gesundheit des US-Präsidenten: Staatsgeheimnis und Krisenfaktor

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Die Gesundheit des US-Präsidenten: Staatsgeheimnis und Krisenfaktor

Dtsch Arztebl 2018; 115(4): A-140 / B-122 / C-122

Gerste, Ronald D.

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Wenn die Amerikaner über den Gesundheitszustand ihres Präsidenten informiert werden, gleicht das einer beruhigenden Zeremonie. Tatsächlich sind die US-Bürger im Laufe der Geschichte regelmäßig im Dunkeln gelassen oder regelrecht belogen worden.

Kaum waren die Daten heraus, zückten viele Amerikaner den Rechner: eine Größe von sechs Fuß und drei Inch und ein Gewicht von 239 (amerikanischen) Pfund ergibt einen Body Mass Index von 29,9 – also deutlich übergewichtig. Dementsprechend erklärte der offizielle Arzt des Weißen Hauses, Konteradmiral Ronny Jackson, dass es wünschenswert wäre, wenn sein Patient Donald John Trump, der 45. Präsident der USA, gut zehn bis 15 Pfund abnehmen würde. Für den Präsidenten würde das eine Nahrungsumstellung bedeuten; der bekennende Fast-Food-Fan müsste statt des Burgers öfter einen Gemüse-snack einlegen und statt Golf besser Tennis spielen – wie Jimmy Carter, der in seinem 94. Lebensjahr nach wie vor schlanke und ranke 39. Präsident, dem bislang selbst ein Gehirntumor wenig anhaben konnte. Bei Donald Trump ist ferner mit einem Wert von 223 das LDL-Cholesterin erhöht, der Blutdruck mit 122/74 jedoch nahezu perfekt; an Dauermedikation nimmt er neben einem Statin Finasterid zur Stärkung des Haarwuchses ein – mit dem bekannten und von Karikaturisten weltweit geschätzten Ergebnis.

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Dennoch: Das Gesamturteil des den vermeintlich mächtigsten Mann der Welt betreuenden Arztes fiel positiv aus. Trump sei nicht nur kerngesund, auch seine kognitiven Fähigkeiten seien bestens – politische Gegner haben vor allem in diesem Punkt ihre Zweifel. Wer indes prägnantere Einsichten in die Epikrise des Präsidenten erhoffte, verkennt die Rolle der Untersuchung im Walter Reed Memorial Hospital, der sich Trump zum ersten Mal unterzogen hat und die manche Präsidenten jährlich, andere in unregelmäßigen Abständen in Anspruch genommen haben. Die offizielle Untersuchung des Amtsinhabers soll vor allem dazu dienen, der amerikanischen Öffentlichkeit einen gesunden und fitten Präsidenten zu präsentieren. Zu erwarten, dass man in dem ärztlichen Bulletin Einblick in eine spannende Pathologie erhielte, verkennt den öffentlichkeitswirksamen Sinn der Untersuchung.

Die Gesundheit des amtierenden Präsidenten ist in den USA nicht nur wegen dessen Machtfülle ein Politikum, sondern auch weil dieses wichtige Detail in der amerikanischen Geschichte oft genug Gegenstand von Vertuschung und Lüge war. Diese Historie reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert: Der Doppelpräsident Grover Cleveland – er absolvierte als 22. und 24. Präsident zwei separate Amtszeiten – hatte ein Karzinom am Gaumen und ließ die damals, im Jahr 1893, alles andere als leichte Operation auf einem schwankenden OP-Tisch vornehmen, auf der Yacht eines Freundes, auf offener See und fernab von neugierigen Reportern. Cleveland befürchtete – wohl nicht zu Unrecht – Details über sein potenziell letales Leiden würde eine Wirtschaftskrise auslösen. Details über diesen abenteuerlichen und letztlich erfolgreichen Eingriff wurden erst mehr als zwanzig Jahre später bekannt, nach Clevelands Tod. Zu jener Zeit regierte mit Woodrow Wilson (im Amt 1913 bis 1921) jener Präsident, der die Öffentlichkeit besonders schamlos über seine Gesundheit belog. Nach wahrscheinlich mehreren Schlaganfällen und anderen Gefäßereignissen (er war nach einem retinalen Gefäßverschluss auf einem Auge blind) war er eigentlich vom ersten Tag an amtsunfähig – dennoch führte er die USA in und durch den Ersten Weltkrieg. Auch im Zweiten Weltkrieg stand in der Spätphase ein Mann an der Spitze der inzwischen mächtigsten Nation der Welt, der in eine Klinik und nicht ins Weiße Haus gehört hätte. Franklin D. Roosevelt litt bei seiner vierten Kandidatur 1944 unter hochgradiger Herzinsuffizienz und einem Blutdruck von bis zu 240/130. Dass er von einem HNO-Arzt, Ross McIntire, und nicht von einem Kardiologen betreut wurde, zeigt, dass Fachkompetenz nicht der ausschlaggebenden Faktor bei der Bestellung der White House Physicians ist. Die 1960er-Jahre werden allgemein als ein Zeitalter der Desillusionierung beschrieben, mit der Verstrickung in Vietnam, Rassenunruhen und der Ermordung dreier amerikanischer Ikonen: Martin Luther King, Robert Kennedy und John F. Kennedy. Letzterer trug dazu bei, dass Misstrauen auch gegenüber ärztlichen Stellungnahmen zur präsidentiellen Gesundheit die Norm wurde. Erst Jahre nach seinem Tod im November 1963 erfuhr die Öffentlichkeit, dass der sich als so sportiv darstellende junge Präsident seit seiner Kindheit von Krankheiten heimgesucht wurde und an Morbus Addison litt. Er hinterließ die Legende von ewiger Jugendlichkeit und Vitalität. Sie war eine Schimäre – wie so viele Communiqués zur Gesundheit des Ersten Mannes im Staate seither.

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