POLITIK

Ethik im medizinischen Alltag: Orientierung geben

Dtsch Arztebl 2018; 115(4): A-129 / B-115 / C-115

Schlitt, Reinhold

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Je mehr Möglichkeiten die Medizin bietet, desto öfter werden Ärzte in ihrem täglichen Handeln mit neuen ethischen Entscheidungen konfrontiert. Welche Fragen man sich im ambulanten und stationären Alltag stellen sollte, wurde auf einem Symposium der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen erörtert.

Das moderne Gesundheitswesen stelle Ärztinnen und Ärzte vor Fragen, die vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen waren. Denn im medizinischen Alltag zeige sich, dass Ärztinnen und Ärzte in ihrem Tun immer wieder mit ethischen Konfliktfällen konfrontiert würden, die allein mit fachlichen und pflegerischen Standards nicht zu lösen seien, erklärte PD Dr. med. Carola Seifart von der Ethikkommission am Fachbereich Medizin der Phillips-Universität in Marburg. Bei einer Veranstaltung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen Mitte Januar fragte sie daher: „Ist es prinzipiell richtig, immer alles zu tun, was wir können?“ Ethikberatung könne nicht nur den Ärzten, sondern auch anderen Beteiligten sowie Angehörigen Orientierung geben.

Fragen der Ethik seien zum stetigen Begleiter des ärztlichen Alltags geworden, erklärte auch der hessische Kammerpräsident Dr. med. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach und betonte, dass die Patientenautonomie bei der jüngsten Überarbeitung des Genfer Gelöbnisses stärker in den Fokus gerückt wurde. „Diese ist seit jeher zentraler Bestandteil der Arzt-Patienten-Beziehung und muss insbesondere vor dem Erstarken ökonomischer Interessen besonders geschützt werden“, so Knoblauch zu Hatzbach.

Ethikberatung in Kliniken

Inzwischen hat sich die Ethikberatung an vielen Kliniken Deutschlands durchgesetzt: Nach Seifarts Angaben sei die Anzahl der Stellen zur Ethikberatung zwischen 2005 und 2014 von 100 auf 900 Häuser gestiegen. Besonders konfessionelle Häuser engagieren sich in diesem Bereich, berichtete Seifart. In Hessen ist die Beratung im Landeskrankenhausgesetz rechtlich verankert worden. Seifarts Fazit: „Die klinische Ethikberatung ist in Deutschland angekommen.“

Aus ihrer eigenen, allerdings nicht repräsentativen Umfrage unter Ethikberatungsteams mehrerer Universitätskliniken berichtete die Ärztin, dass je nach Standort zwischen 40 und 70 Prozent der Anfragen zu ethischen Themen aus Intensivstationen (Chirurgie/Innere Medizin, Anästhesie und Kinder-Frühgeborene) kommen. Zwischen 25 und 30 Prozent der Anfragen kommen auf Normalstationen im Bereich der Inneren Medizin, Chirurgie, Neurologie und Pädiatrie vor, weitere zehn bis 25 Prozent aus der Psychiatrie und zehn bis 20 Prozent aus der Palliativmedizin. Vergleichsweise häufige Beratungsthemen seien Therapiebegrenzung, -abbruch und -verzicht.

Was wollen Patienten?

Auch in der ambulanten Medizin gibt es inzwischen Ethikberatungen: Gefördert durch die Lan­des­ärz­te­kam­mer hat die Ärztin Kornelia Götze aus Marburg maßgeblich den Aufbau der ambulanten Ethikberatung in Hessen begleitet. Im vergangenen Jahr hat die Beratung an den Standorten Marburg und Frankfurt ihre Arbeit aufgenommen.

Für Götze stellt sich die Frage: „Warum wissen wir nicht, was unsere Patienten wollen?“ Aus ihrer Sicht müsste gerade im Alltag der ambulanten medizinischen Versorgung diese Frage stärker präsent sein. Sie schilderte einen konkreten Fall: Eine betagte Patientin in einem Altenheim erlitt im Beisein der Ärztin einen Herzstillstand. Soll ein Wiederbelebungsversuch durchgeführt werden oder nicht? Angehörige waren kurzfristig nicht erreichbar, eine schriftliche Verfügung lag im Heim nicht vor. Im realen Fall wurde eine Reanimation versucht. Hinterher habe die Tochter angegeben, dass ihre Mutter keine Reanimation gewollt hätte.

„Solche und ähnliche Fälle gibt es immer wieder“, sagte Götze, die diesen Fall mit den verschiedenen Entscheidungsoptionen auch dem Publikum zur Abstimmung stellte. Die Ärztin reflektiert: „Ich hätte im geschilderten Fall anders ethisch abgewogen und entschieden, wenn mir bekannt gewesen wäre, was die bereits tief bewusstlose, sterbende Patientin gewollt hätte.“ Ihr Appell: „Wir müssen Wege finden, unseren Patienten die richtigen Fragen zu stellen, um ihre Selbstbestimmung bestmöglich zu fördern. Und wir müssen die Festlegungen unserer Patienten sektorenübergreifend zur Verfügung stellen, sodass sie allen bekannt sind und Beachtung finden können.“

Ethik bereits im Studium

Die Sensibilisierung der Ärzteschaft für medizinethische Fragen sollte nach Meinung von Phillip Reimold, Assistenzarzt an der Urologischen Klinik der Universität Heidelberg, bereits im Studium beginnen. „Eine studienbegleitende Ausbildung führt zu einer besseren Wahrnehmung des Faches.“ Er forderte eine „praxisbezogene Heranführung an das Thema“, unter anderem durch Hospitanzen in Ethik-Komitees von Krankenhäusern. Reimold hat sich nach eigenen Angaben bereits während seines Studiums an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit medizin-ethischen Fragen beschäftigt und konstatiert, dass dieses Themenfeld an Deutschlands Universitäten bislang „uneinheitlich und kaum vergleichbar“ behandelt werde. Reinhold Schlitt

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