ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2018Berühmte Entdecker von Krankheiten: Sergei S. Korsakow, Psychiater und Humanist

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Sergei S. Korsakow, Psychiater und Humanist

Dtsch Arztebl 2018; 115(4): [60]

Schuchart, Sabine

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Obwohl er wegen eines Herzleidens nur 46 Jahre alt wurde, prägte der Mediziner die moderne russische Psychiatrie: Korsakow erforschte Alkohol-Psychosen, beschrieb die Paranoia und trat für einen fürsorglicheren Umgang mit psychisch Kranken ein.

Als junger Nervenarzt beobachtete Sergei S. Korsakow alkoholkranke Patienten, die starke Gedächtnis- und Orientierungsstörungen aufwiesen und zum Konfabulieren neigten, also ohne bewusste Täuschungsabsicht etwas erzählten, das verzerrt oder frei erfunden war. Sie schmückten Erlebtes mit zufälligen Einfällen aus, die ihnen kohärent erschienen und berichteten wortreich von Ereignissen, die nur in ihrer Phantasie existierten, aber zur geschilderten Situation passten. Dabei waren sie von der Richtigkeit ihrer „Erinnerungen“ überzeugt und in dieser Gewissheit durch nichts zu erschüttern. In dem Symptomenkomplex erkannte Korsakow das pathologische Geschehen: gestörte Erinnerungs- und/oder Wahrnehmungsprozesse nach erworbenen Hirnschäden. Er dokumentierte das Phänomen mit Fällen langjährigen Alkoholmissbrauchs, konstatierte aber, dass dieses auch durch Krankheiten wie Typhus ausgelöst werden könne.

Korsakow war ein renommierter russischer Psychiater und Begründer der Moskauer Psychiatrieschule, der von dem Wunsch getrieben war, anderen zu helfen. Er wurde 1854 in Gus-Chrustalny geboren. Sein Vater war ein Direktor der dortigen Glasfabrik. Mit 16 Jahren bestand der naturwissenschaftlich begabte Schüler das Abitur und begann ein Medizinstudium in Moskau. Nach dem Examen 1875 arbeitete er an der Moskauer Nervenklinik Preobrazhenskaya, an der er erstmals mit Alkoholkranken zu tun hatte. Seine psychiatrische Ausbildung absolvierte er bei A. Ya. Kozhevnikov, dem einflussreichen ersten Neurologie-Professor Russlands. Parallel leitete Korsakow eine private Nervenheilanstalt und promovierte „Über Alkoholische Paralyse“. Ab 1888 war er Privatdozent. Mit nur 33 Jahren wurde er zum Chef der neu gegründeten Psychiatrieklinik der Universität Moskau berufen. In dieser Position konnte Korsakow nicht nur eine neue Klassifikation psychiatrischer Krankheiten auf Basis einer naturwissenschaftlichen Neuropathologie durchsetzen, sondern auch seine humanen Anliegen weiter befördern.

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Er engagierte sich gegen Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie und unterstützte bedürftige Studenten. Seit Beginn seiner Karriere stand der unermüdliche Forscher im Austausch mit Neurologen und Psychiatern in Europa. Neben seiner Erstbeschreibung der Paranoia stießen vor allem seine Studien zu Gedächtnisstörungen auf reges Interesse, so Stanley Finger, Autor von „Origins of Neuroscience“. 1903 fanden sich in der Medizinliteratur mehr als 190 Fallbeschreibungen eines Korsakow-Syndroms; 38 hatte Korsakow noch selbst beigesteuert, bevor er 1900 mit 46 Jahren an Herzversagen starb. Vor der nach ihm benannten Moskauer Psychiatrie-Klinik erinnert ein Monument mit der Aufschrift „Für S. S. Korsakow – Wissenschaftler, Psychiater, Denker und Humanist“ an den großen russischen Mediziner.

Fasziniert von dessen Ideen war auch Alfred Döblin, der bis zu seiner Emigration aus Deutschland 1933 in Berlin als Arzt praktizierte und weltweit bekannt wurde durch seinen Roman „Berlin Alexanderplatz: Die Geschichte vom Franz Biberkopf“. Der Titel seiner Dissertation, mit der er 1905 zum Doktor der Medizin promoviert wurde, lautet „Gedächtnisstörungen bei der Korsakoff՚schen Psychose“. Darin postulierte Döblin, der sich trotz seines Erfolgs als Schriftsteller zeitlebens mehr als Arzt fühlte, eine Geistesverwandtschaft zwischen Literatur und Psychose. Sowohl das Dichten des Schriftstellers als auch die Konfabulationen des Korsakow-Patienten seien „Verbindungsstörungen“: „Das wirklich Erlebte wird dislociert; Erträumtes, Erlesenes, Gedachtes, Halluciniertes wird vermengt, commutiert.“ Sabine Schuchart

1897 führte der Direktor der Psychiatrischen Klinik der Berliner Charité, Friedrich Jolly, auf einem Internationalen Medizinkongress in Moskau das Eponym „Korsakow-Syndrom“ für alkoholbedingte Amnesien ein. Namensgeber Sergei S. Korsakow (1854–1900) hatte diese ab 1887 in seiner Dissertation und mehreren wissenschaftlichen Publikationen untersucht. Korsakow (Bild) sprach selbst zunächst von „Polyneuritischer Psychose“, dann von „Toxischer Psychischer Cerebropathie“. Mit dem neuen Begriff würdigte Jolly die Leistung des Kollegen, der die gemeinsame Pathogenese von mentalen Störungen und Neuropathien bei chronisch Alkoholkranken erkannt hatte: die toxische Schädigung von Gehirnarealen. Der für die Nervenläsionen ursächliche Vitamin-B1-Mangel konnte allerdings erst im 20. Jahrhundert nachgewiesen werden. Korsakow-Patienten zeigen eine ausgeprägte Merkschwäche vor allem für neue Informationen. Sie sind zeitlich und örtlich desorientiert, apathisch und konfabulieren. Bewusstsein und Intelligenz bleiben jedoch erhalten.

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