ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2018Pflege: Wege aus dem Personalmangel

POLITIK

Pflege: Wege aus dem Personalmangel

Dtsch Arztebl 2018; 115(4): A-124 / B-111 / C-111

Osterloh, Falk

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Das deutsche Gesundheitswesen braucht mehr Pflegekräfte. Da sind sich Union und SPD einig. Wie das gelingen kann, ist jedoch noch unklar. Denn der Arbeitsmarkt ist leer. Experten meinen, die Pflegenden müssten stärker für bessere Arbeitsbedingungen eintreten – und sich dabei ein Beispiel an den Ärzten nehmen.

Mehr Pflegekräfte am Krankenbett will die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode schaffen. Foto: your photo today
Mehr Pflegekräfte am Krankenbett will die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode schaffen. Foto: your photo today

Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat der Gesetzgeber zahlreiche Neuerungen in der Pflege auf den Weg gebracht. Seither erhalten zum Beispiel Demenzkranke mehr Leistungen aus der Pflegeversicherung. Ein neues Begutachtungsverfahren wurde eingerichtet, das die Eigenständigkeit der Pflegebedürftigen fördern soll. Um die entstandenen Mehrausgaben zu finanzieren, wurde der Beitragssatz zudem um
0,5 Prozentpunkte angehoben.

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Das drängendste Problem jedoch wurde nicht gelöst: der Personalmangel in der Pflege. So waren sich Union und SPD in ihren Sondierungsgesprächen schnell einig, dass auch in dieser Legislaturperiode die Pflege im Zentrum der gesundheitspolitischen Aktivitäten stehen müsse (siehe Kasten). Denn schon heute sind die Auswirkungen des Pflegemangels auf das Gesundheitswesen enorm. „Es gibt Krankenhäuser, die in großem Stil Stationen schließen müssen, weil sie sie nicht mit Pflegepersonal besetzen können“, sagte der Vorsitzende der Initiative Gesundheitswirtschaft, Prof. Heinz Lohmann, auf dem Kongress Pflege Mitte Januar in Berlin. „Das hat dazu geführt, dass diese Krankenhäuser in die roten Zahlen geraten sind.“ In diesem Jahr werde der Druck noch größer werden.

Die Pflegedirektorin des Universitätsklinikums Dresden, Jana Luntz, gab dazu ein Beispiel aus ihrem Krankenhaus: „Bislang hatten wir in Dresden immer genügend Mitarbeiter in der Pflege. Doch das ändert sich gerade.“ Heute dauere es in ihrem Klinikum etwa acht bis zehn Wochen, bis eine freie Stelle in der Pflege wiederbesetzt werden könne. In der Folge müssten manchmal Betten geschlossen werden – allerdings keine Stationen. „Wir beschäftigen uns aufgrund des Personalmangels damit, was wir mit den Patienten machen und was wir unterlassen“, sagte Luntz. „Das sind sehr schwierige Entscheidungen. Wir haben eine bestimmte Vorstellung von der Ausübung unseres Berufes: Wir wollen unseren Patienten helfen. Dann über Begrenzungen sprechen zu müssen, ist sehr schwierig.“

Der Personalmangel in der Pflege sei Ausdruck einer Misere, „in die wir seit Jahren hineingewachsen sind“, sagte der Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP), Prof. Dr. phil. Frank Weidner. So seien in den Krankenhäusern bis vor zehn Jahren massiv Stellen in der Pflege abgebaut worden: insgesamt etwa 50 000 Vollzeitstellen. Danach habe die Politik versucht zu korrigieren. Seither seien 25 000 Vollzeitstellen wieder aufgebaut worden. Doch das reiche nicht.

Der Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), Franz Wagner, geht davon aus, dass heute alleine in den Krankenhäusern 50 000 Pflegekräfte fehlen. 8 000 neue Stellen schaffen zu wollen, wie es sich Union und SPD für diese Legislaturperiode im Bereich der medizinischen Behandlungspflege vorgenommen haben, sei zu wenig. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) hielt dagegen. „Diese 8 000 Menschen müssen wir erst einmal auf dem Arbeitsmarkt finden“, sagte er auf dem Kongress. Bestehende Reserven gibt es aus seiner Sicht noch im Bereich der Weiterqualifizierung von Pflegehelfern zu Fachkräften.

Wagner hofft, dass viele Pflegekräfte, die heute in Teilzeit arbeiten, in eine Vollzeitstelle zurückkehren werden, wenn sie sehen, dass die Politik versucht, zum Beispiel mit der geplanten Ausbildungsoffensive mehr Stellen zu schaffen. Die Hälfte der Fachkräfte arbeite in Teilzeit, sagte Wagner, viele unfreiwillig – entweder weil sie keine Vollzeitstelle angeboten bekämen oder weil sie sagten, eine Vollzeitstelle sei zu belastend. „Wenn diese Menschen merken würden, dass sich auf ihrem Dienstplan etwas verändert, weil mehr Personal eingestellt wurde, würden sie auch wieder mehr in ihrem Beruf arbeiten wollen“, meinte der DPR-Präsident.

Foto: DPR
Foto: DPR

Um die Situation in der Pflege zu verbessern, hat das DIP einen „Masterplan Pflege“ eingefordert. „Die Vergütungen für Pflegefachpersonal, insbesondere für Beschäftigte in der Altenpflege, sollen spürbar um bis zu 30 Prozent angehoben werden“, heißt es darin. „Zugleich sollen bis zum Ende der kommenden Legislatur bis zu 100 000 zusätzliche Stellen etwa hälftig zum einen in den Krankenhäusern und zum anderen in den Altenheimen und der ambulanten Pflege entstehen können.“ Das setze voraus, dass in die Ausbildung der Pflege investiert und die Zahl der Auszubildenden erheblich gesteigert werde.

Die Kosten für einen solchen Masterplan schätzt das DIP auf etwa zwölf Milliarden Euro jährlich ab dem Jahr 2020 – zu finanzieren von der gesetzlichen und der privaten Kran­ken­ver­siche­rung sowie aus Steuermitteln. In einem zweiten Schritt müssten sich dann alle Beteiligten, unter anderem auch Arbeitgeber und Gewerkschaften, an einen Runden Tisch setzen, um zum Beispiel die erhöhten Vergütungen auf den Weg zu bringen.

Dr. rer. pol. Wulf-Dietrich Leber, Leiter der Abteilung Krankenhäuser beim GKV-Spitzenverband, nannte noch einen weiteren Aspekt. So müsse das Problem des Pflegemangels auch mit strukturellen Änderungen im stationären Sektor angegangen werden. „Deutschland hat zu viele Krankenhäuser“, meinte er auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des Kongresses Pflege. „Würde es weniger geben, könnten die vorhandenen Pflegekräfte anders verteilt werden. Wir brauchen auch deshalb eine Neuordnung der Krankenhauslandschaft.“

Foto: Stephanie Pillick, Berlin
Foto: Stephanie Pillick, Berlin

Der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Pflegemanagement, Peter Bechtel, pflichtete ihm bei. „Aber dann muss die Politik endlich den Mut aufbringen, die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen“, betonte er. Deshalb müsse Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Pflege nun zur Chefsache erklären.

Um die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern, müssten sich die Pflegenden aber auch selbstbewusster gegenüber ihrem Arbeitgeber positionieren, meinte DPR-Präsident Wagner. „Die Pflegekräfte müssen ein stärkeres Bewusstsein dafür bekommen, welche Macht sie haben“, betonte er. Viele akzeptierten Arbeitsbedingungen, die nicht akzeptabel seien. „Reden Sie mit Ihren Vorgesetzten, und wenn sich nichts ändert: Suchen Sie sich einen neuen Arbeitsplatz“, rief er den Pflegekräften auf dem Kongress zu. „Sie sind ein rares Gut. Verkaufen Sie sich nicht unter Wert.“ Dafür brauche man allerdings Selbstbewusstsein und Argumentationsstärke. „Wir benötigen durchsetzungsfähige Pflegeleitungen, die auch einmal gegen die Geschäftsführung auftreten können“, betonte Wagner.

„Wir müssen selbstbewusster auftreten und erklären, was wir alles leisten“, fuhr er fort. „Dazu gehören viele kleine Dinge, zum Beispiel Gespräche mit den Menschen oder dass wir auch einmal zuhören. Das klingt nicht so fantastisch wie die Erfindung der Herztransplantation, aber für die Menschen macht das viel aus und es hat einen großen Einfluss auf ihre Lebensqualität.“

Bei der beruflichen Selbstverwaltung im Bereich der Pflege gebe es eine positive Entwicklung, erklärte Wagner. Demnächst werde es in Deutschland drei Pflegekammern geben: in Rheinland-Pfalz, in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen. In vier weiteren Bundesländern werde es zudem Befragungen der Pflegekräfte geben, ob sie eine Pflegekammer wollen, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg.

DIP-Direktor Weidner forderte die Pflegekräfte auf, sich ein Beispiel an der Ärzteschaft zu nehmen. „Die Ärzteschaft hat es geschafft, die Zahl der Ärztestellen in den Krankenhäusern trotz massiven ökonomischen Drucks auszuweiten“, sagte er. Seit 2004 seien 35 000 ärztliche Stellen in den Krankenhäusern hinzugekommen. „Geschafft haben sie das, weil sie besser organisiert sind“, sagte Weidner. Zudem habe der Marburger Bund dafür gesorgt, dass auch die ärztlichen Gehälter gestiegen seien. „Die Pflege“, meinte er, „muss von den Ärzten lernen.“ Falk Osterloh

Ergebnisse der Sondierungsgespräche im Bereich Pflege

  • Sofortmaßnahmen für eine bessere Personalausstattung in der Altenpflege und im Krankenhausbereich, die eine Ausbildungsoffensive oder Anreize für eine bessere Rückkehr von Teil- in Vollzeit umfassen
  • Beginn einer „Konzertierten Aktion Pflege“, die die Situation in der Altenpflege verbessern soll
  • Tarifverträge in der Altenpflege sollen flächendeckend zur Anwendung kommen
  • Vollständige Refinanzierung von Tarifsteigerungen im Krankenhausbereich
  • 8 000 neue Fachkraftstellen in Pflegeeinrichtungen (medizinische Behandlungspflege)
  • Entwicklung verbindlicher Personalbemessungsinstrumente
  • Personaluntergrenzen sollen nicht nur in pflegeintensiven Bereichen, sondern in allen bettenführenden Abteilungen gelten

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