ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2018Austausch mit Georgien: Pragmatische Hilfe

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Austausch mit Georgien: Pragmatische Hilfe

Jachertz, Norbert

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Ehrenamtliche Helfer, ein kleiner Verein und das Klinikum in Cottbus kümmern sich um Patienten und Ärzte aus dem Kaukasus.

Gute Erfahrungen: Der Initiator des Kaukasusprojekts, Thomas Eichhorn, mit Gastärztinnen aus Georgien: v.l. Nino Gamezardashvili, Teona Shalamberidze, Tina Tvalavadze, Nino Chigladze und Maja Gagua. Foto: Carl-Thiem-Klinikum
Gute Erfahrungen: Der Initiator des Kaukasusprojekts, Thomas Eichhorn, mit Gastärztinnen aus Georgien: v.l. Nino Gamezardashvili, Teona Shalamberidze, Tina Tvalavadze, Nino Chigladze und Maja Gagua. Foto: Carl-Thiem-Klinikum

Für die Mitgliederversammlung des Vereins „Gesundheit für den Kaukasus e. V.“ reicht das Sitzungszimmer einer Cottbuser Steuerkanzlei. Etwa 20 Aktive und Förderer ziehen Bilanz und planen für 2018. Der Jahresetat ist mit 12 000 Euro überschaubar, zumal ein Großteil für zwei schwer kranke Kinder bestimmt ist, die in Deutschland behandelt werden. Breitenwirkung indes entsteht auf andere Weise.

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Denn der Verein ist zwar klein, aber er bewegt viel. Das liegt an der Initiative und an dem ehrenamtlichen Engagement von Ärzten und Ärztinnen, Krankenschwestern und Verwaltungsleuten. Die meisten sind dem Carl-Thiem-Klinikum (CTK) in Cottbus verbunden, allen voran der Initiator des Kaukasus-Projektes, Prof. Dr. med. Thomas Eichhorn (65), lange Chef der HNO-Klinik des CTK, heute aktiver Ruheständler. Die Aktivitäten konzentrieren sich seit einigen Jahren auf Georgien. Das liege daran, so Eichhorn, dass es keine Reisebeschränkungen gebe und die Menschen die Hilfe ausgesprochen gerne annähmen: „Damit sind gute Voraussetzungen für einen Support gegeben.“ Auch sei Georgien Europa und insbesondere Deutschland sehr zugewandt.

Das Projekt zieht Kreise über Cottbus hinaus

Im vergangenen Jahr arbeitete Eichhorn dreimal für je zwei Wochen an der Onkologischen Klinik des Mardiashvili-Klinikums in Tbilisi (Tiflis), einmal im Team mit einer erfahren OP-Schwester aus dem CTK, das andere Mal mit Kollegen aus Pirna und Eberswalde – das Projekt zieht Kreise – und einer Kollegin aus Cottbus. Die Patienten kamen aus Georgien, Nordossetien, Armenien und Aserbeidschan. Durchweg ging es um mikroskopische Kehlkopfoperationen und chirurgische Eingriffe im Nasen- und Nasennebenhöhlenbereich. Im Jahr 2017 beteiligten sich bereits fünf Ärzte und Ärztinnen an dem Behandlungsprogramm in Tbilisi. Sie unternahmen fünf Reisen mit einer Präsenz von insgesamt acht Wochen. Pro Woche führe man etwa zehn Operationen durch, so Eichhorn auf der Mitgliederversammlung am 26. Oktober 2017. Spezielles Instrumentarium brächten die Teams aus Cottbus mit. Zur Zeit werde der Versand eines ausrangierten OP- Mikroskopes und eines gebraucht gekauften CO2-Lasers nach Tbilisi organisiert. Zu den Operationen kämen wöchentlich rund 50 ambulante Behandlungen, dazu Workshops für angehende Fachärzte und Schulungen an dem neuen Instrumentarium. Um die Heilungsverläufe zu beobachten, führe man digitale Patientenakten. Eichhorn selbst berät zudem die Universität Tbilisi bei der Reform des Medizinstudiums.

Bisher konzentrierte sich das Kaukasusprojekt auf den HNO- Bereich. Das ist historisch bedingt, ging es doch aus der HNO-Klinik in Cottbus hervor. 2018 aber sollen weitere Fachgebiete hinzukommen, voraussichtlich Gefäßchirurgie, Rheumatologie und Strahlentherapie, vertreten durch (Chef/Ober-)Ärzte, die kürzlich in den Ruhestand getreten sind. Man habe in Georgien „Interesse an frischen Pensionären“, bemerkt Eichhorn ganz unverblümt. Sie hätten viel Erfahrung und wären noch auf dem aktuellen Wissensstand.

Die Ärzte und Ärztinnen erwartet ein zwar anstrengender und noch dazu unbezahlter, aber reizvoller Einsatz, fachlich wie kulturell, bei dem sie ihre Kenntnisse weitergeben können. Sie arbeiten in der Klinik in Tbilisi mit erfahrenen Kollegen zusammen. Auf Vorbehalte georgischer Ärzte gegenüber den deutschen Gästen dürften sie kaum noch stoßen. Die bisherigen Cottbuser Teams haben gut vorgearbeitet. Eichhorn spricht jedenfalls von einer „zunehmenden Akzeptanz“ durch die georgischen Kollegen.

Am Carl-Thiem-Klinikum sind stets Georgier zu Gast

Zur Akzeptanz dürften auch die Erfahrungsberichte der jungen georgischen Mediziner beitragen, die auf Vermittlung der Staatlichen Medizinischen Universität in Tbilisi (TSMU), dem CTK und dem Verein „Gesundheit für den Kaukasus“ zur Aus- und Weiterbildung nach Cottbus kommen. Am CTK sind stets sieben oder acht Mediziner zu Gast.

Am Rande der Mitgliederversammlung treffen wir auf drei von ihnen. Zwei stecken in Georgien noch in der Residentur und hospitieren einige Monate am CTK. Eine hat diese bereits abgeschlossen (siehe Grafik). Die junge Ärztin wäre in ihrer Heimat bereits Fachärztin für Gynäkologie, nicht aber in Deutschland. Denn als „Nicht-EU-Bürgerin“ hat sie einige Hürden zu überwinden. Sie arbeitet zur Zeit mit einer „Berufserlaubnis“ unter Aufsicht eines approbierten Arztes. Die Erlaubnis ist auf ein Jahr befristet. In der Zeit lernt sie Deutsch und bereitet sich auf die Überprüfung ihrer fachlichen Kenntnisse vor. Wenn sie die Sprach- wie Kenntnisprüfung bestanden hat, kann sie die Approbation erhalten. Sie darf dann selbstständig arbeiten, ist aber immer noch nicht Gynäkologin. Dazu müsste sie die deutsche Weiterbildung durchlaufen. Unsere Gynäkologin, die wir vor dem OP treffen, wo sie im Team unter Aufsicht gerade assistierte, hat das vor. Sie ist gottlob erst 31. Trotzdem, ein langer Weg. Vievien Lindner (34), die sich seitens der Geschäftsführung des CTK um die Georgier kümmert, empfindet denn auch „höchsten Respekt vor dem Mut dieser Ärzte, diesen steinigen Weg fernab von ihrer Heimat zu beschreiten“.

Arztausbildung in Georgien
Grafik
Arztausbildung in Georgien

Das CTK fördert Georgier mit abgeschlossener Residentur (analog zu anderen ausländischen Ärzte) mit einem Integrationsprogramm, Eichhorn: „Optional, aber empfehlenswert.“ Nach der Berufserlaubnis erhalten diese Ärzte für ihre klinische Tätigkeit eine Art Praktikumsvergütung in Form einer halben Stelle (20 Wochenstunden), dazu freie Kost und Logis. Sie nehmen am (chirurgischen, internistischen, interdisziplinären) Seminarprogramm der PJler teil. Zudem organisiert das Klinikum einen Deutschkurs. Zum Programm gehört auch eine gewisse soziale Betreuung, um den Gästen aus der Ferne das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein. Unsere georgische Gynäkologin versichert denn auch, sie fühle sich dank der persönlichen Zuwendung „nicht so fremd hier.“ Lindner vom CTK spricht von „Gefühlen tiefer Dankbarkeit“ bei den ausländischen Ärzten, das zeige sich in „ kleinen Aufmerksamkeiten, Einladungen oder Besuchen“.

Vom 1. Januar 2018 an wird in Brandenburg die Hürde „Sprachtest“ verschoben. Der Test muss nun vor Erteilung der Berufserlaubnis absolviert werden. „Wir werden in Vorleistung treten“, versichert Lindner, „und die Ärzte für den Fachsprachtest und somit vor dem Einsatz in den jeweiligen Kliniken fit machen.“ Norbert Jachertz

Thiem und Pückler

Cottbus liegt in Brandenburg nahe der Grenze zu Polen und zählt derzeit wieder mehr als 100 000 Einwohner. Lohnenswert ist ein Besuch allein schon wegen der fabelhaften Parkanlagen des Fürsten Pückler im Vorort Branitz. Das Klinikum, das auf Carl Thiem, den Mitbegründer der Unfallchirurgie zurückgeht, umfasst 21 Kliniken, 1 200 Betten und 2 500 Mitarbeiter. Darunter sind fast 350 Ärztinnen und Ärzte und 20 Ärzte im Praktikum (PJ). 20 Prozent der Ärzte und Ärztinnen stammen aus dem Ausland. Zwischen zwölf und 15 der ausländischen Ärzte arbeiten mit einer vorläufigen Berufserlaubnis.

Arztausbildung in Georgien
Grafik
Arztausbildung in Georgien

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