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Wir freuen uns über die rege Diskussion und die Kommentare, die unser Beitrag im Deutschen Ärzteblatt und nachfolgend in mehreren fachspezifischen und allgemeinen Publikationsmedien nach sich gezogen hat – belegen sie doch reges Interesse und die Aktualität der Thematik (1). Die Diskussionsbeiträge zeigen jedoch auch, dass zu vier Aspekten Klarstellungsbedarf besteht.

  • Die Diskussionsbeiträge von Möckel und Schmiedhofer, von Stuckrad, Swalve-Bordeaux und Waldeyer-Sauerland kommentieren übereinstimmend, dass die erste Kernaussage unseres Beitrags nicht aus den Daten ableitbar sei. Sie legen dabei die Gesamtzahl der im Beobachtungszeitraum in den Notaufnahmen registrierten Patienten zugrunde (N = 6 483) und verweisen darauf, dass letztendlich nur circa 10 % dieser Gruppe in der Befragung eine niedrige subjektive Behandlungsdringlichkeit berichten. In diese Rechnung wurden die 5 308 Patienten einbezogen, die keine Aussage über ihre subjektive Behandlungsdringlichkeit getroffen haben, da sie zum größten Teil nicht in die Befragung einbezogen worden waren. Außerdem deuten die Kommentatoren mit ihrer Interpretation die Studienfragestellung um: Es war nicht Intention der Studie, Aussagen über die Gesamtpopulation der Patienten in den Notaufnahmen zu machen. Vielmehr sollten diejenigen fußläufigen Patienten in den Notaufnahmen beschrieben werden, die sich rational für einen Besuch der Notaufnahme entscheiden, denen aber zumindest theoretisch auch andere Entscheidungsmöglichkeiten offenstehen. Dies ist nur bei Patienten der Fall, die bei Bewusstsein und ansprechbar sind, nicht in unmittelbarer Lebensgefahr schweben und der Entscheidung die nötige kognitive Aufmerksamkeit widmen können. Patienten, bei denen die Klinik sofortigen oder sehr dringenden Behandlungsbedarf sah und diejenigen mit schwerwiegenden funktionalen Einschränkungen des Hör-, Seh- oder Sprachvermögens, sowie diejenigen mit – restriktiv definiert – hoher Beschwerdelast, wurden also nicht nur aus ethischen und forschungspraktischen Gründen ausgeschlossen, sondern auch deshalb, weil sich die Fragestellung nicht auf diese Gruppe bezog. Ob sich die Patienten, die aus forschungspraktischen Gründen aus unserer Studie ausgeschlossen wurden (zum Beispiel geringe Wartezeiten bei niedrigem Patientenaufkommen, keine sprachliche Verständigungsmöglichkeit et cetera) oder die nicht zur Teilnahme bereit waren, hinsichtlich ihrer subjektiven Behandlungsdringlichkeit von der Studienpopulation unterscheiden, lässt sich aus unserer Sicht anhand der verfügbaren Informationen nicht beurteilen.
  • Im Leserbrief von Dr. Waldeyer-Sauerland wird die Validität der Messung der subjektiven Behandlungsdringlichkeit angezweifelt, insbesondere weil den Patienten eine numerische Ratingskala und keine durchweg definierten Kategorien angeboten wurden. An der numerischen Ratingskala wurden definitionsgemäß nur die Randpositionen 0 und 10 benannt, aber nicht die Zwischenkategorien, und Patienten mussten sich für einen ganzzahligen Wert entscheiden. Die große Beliebtheit der Antwortkategorie „5“ ist sehr wahrscheinlich zu einem großen Teil begründet in Antwortökonomie einerseits (man muss nicht darüber nachdenken) und sozialer Erwünschtheit andererseits (wenn man nicht weiß, was erwünscht ist, dann ist die Mitte am wenigsten für Kritik anfällig). Bei der Dichotomisierung der 11 Kategorien schienen uns Patienten, die sich nicht entscheiden konnten oder wollten, wie dringlich erforderlich ihre Behandlung ist, bei den „nichtdringlichen“ Patienten am besten aufgehoben. Den Patienten war nicht bekannt, ob sie aufgrund ihrer Aussage unter die dringlichen oder nichtdringlichen Patienten gefasst werden würden. Dies war aus methodischen Gründen im Sinne einer „Verblindung“ bewusst so entschieden worden, um strategisches Antwortverhalten zu vermeiden.
  • Dass, wie in der Zuschrift von Prof. Möckel und Dr. Schmiedhofer dargelegt, nur von etwa der Hälfte der befragten Patienten zum Befragungszeitpunkt eine Ersteinschätzung der Behandlungsdringlichkeit durch das Klinikpersonal vorliegt, bedauern wir ebenfalls und interpretieren die Übereinstimmung von subjektiver und professioneller Einschätzung der Behandlungsdringlichkeit bewusst sehr zurückhaltend.
  • Die von Prof. Möckel und Dr. Schmiedhofer vorgeschlagene Interpretation, dass Hausärzte Patienten mit Traumata/Verletzungen der Haut und niedriger subjektiver Behandlungsdringlichkeit an die Notaufnahmen „verweisen“, lässt sich aus den veröffentlichten Ergebnissen nicht ableiten, da aus Übereinstimmungen auf Aggregatebene nicht auf Zusammenhänge auf Individualebene geschlossen werden kann.

Abschließend freuen wir uns, dass unsere Studie viele Anregungen zu potenziell sinnvollen Umgestaltungen in der Notfallversorgung gibt. Unsere Ergebnisse zeigen aber sicherlich nicht den einzig möglichen „Königsweg“ auf.

DOI: 10.3238/arztebl.2018.0066b

Dr. phil. Ingmar Schäfer

Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

in.schaefer@uke.de

Prof. Dr. med. Martin Scherer

Dr. med. Dagmar Lühmann

Interessenkonflikt

Die Autoren aller Beiträgen erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Scherer M, Lühmann D, Kazek A, Hansen H, Schäfer I: Patients attending emergency departments—a cross-sectional study of subjectively perceived treatment urgency and motivation for attending. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 645–52 VOLLTEXT
1.Scherer M, Lühmann D, Kazek A, Hansen H, Schäfer I: Patients attending emergency departments—a cross-sectional study of subjectively perceived treatment urgency and motivation for attending. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 645–52 VOLLTEXT

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