ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2018Pankreaskarzinom: Irinotecan in Liposomen verdichtet

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Pankreaskarzinom: Irinotecan in Liposomen verdichtet

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): A-205

Siegmund-Schultze, Nicola

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Eine neue Zubereitungsform von Irinotecan bewirkt eine Konzentrierung des Wirkstoffs. Auch im metastasierten Stadium lässt sich so das Leben verlängern.

Die einzige Behandlung, die Patienten mit einem Pankreaskarzinom potenziell heilt, ist die Resektion. Möglich ist sie allerdings nur bei wenigen. „Mehr als die Hälfte der Tumoren sind bei Diagnose schon metastasiert, bei circa 30 % hat das Karzinom lokal gestreut und nur bei 10–20 % ist der Tumor operabel“, sagte Prof. Dr. med. Manfred P. Lutz, Chefarzt am Caritas Klinikum Saarbrücken St. Theresia, bei der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in Stuttgart.

„Selbst nach R0-Resektion kommt es häufig zu einem Tumorrezidiv.“ So liegt die Krebsüberlebensrate nach 5 Jahren bei 8–9 % (1). Männer sind bei Diagnose im Durchschnitt 71, Frauen 75 Jahre alt. „Es gibt bei Patienten mit Pankreaskarzinom eine hohe Komorbidität“, sagte Lutz bei einer Veranstaltung des Unternehmens Shire. „Dies müssen wir bei der Verträglichkeit systemischer Therapien berücksichtigen.“

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Therapie in palliativer Situation

Sie sind ein wesentlicher Eckpfeiler der Therapie. Für die Erstlinientherapie in der palliativen Situation seien Gemcitabin-Mono- oder Kombinationstherapien mit Erlotinib oder nab-Paclitaxel Optionen. Ein weiteres mögliches Schema sei bei gutem Allgemeinzustand FOLFIRINOX, das aber auch in der Zweitlinie gegeben werden könne, wenn Gemcitabin-basierte Behandlungen versagt hätten.

Eine neue, zugelassene Option für die Zweitlinienbehandlung nach Gemcitabin sei liposomal verkapseltes Irinotecan (nal-IRI). Ebenfalls angewendet werde das sogenannte OFF-Schema (Oxaliplatin und 5-Fluorouracil [5FU]/Folinsäure [Leucovorin; LV]).

„Noch vor Kurzem gab es nach Versagen einer Gemcitabin-haltigen Therapie keine zugelassene Behandlungsoption“, erklärte Prof. Dr. med. Michael Geißler, Chefarzt an der Klinik für Onkologie, Gastroenterologie und Innere Medizin an den Städtischen Kliniken Esslingen. Dies habe sich 2016 mit der Zulassung von nal-IRI (Onivyde) in Kombination mit 5FU und Leucovorin zur Therapie des metastasierten Pankreaskarzinoms nach Progress unter Gemcitabin geändert.

In der neuen Galenik von Irinotecan sind circa 80 000 Moleküle des Wirkstoffs in einem Liposom eingeschlossen. „Dadurch wird die Halbwertszeit erheblich verlängert und eine geringere Dosierung der Substanz notwendig“, erläuterte Geißler. Die Liposomen gelangen durch die im Tumor durchlässigeren Endothelien der Blutgefäße verstärkt in die extrazelluläre Matrix und werden von tumorassoziierten Makrophagen aufgenommen. Dort wird Irinotecan enzymatisch in den aktiven Metaboliten SN-38 umgewandelt, ein Topoisomerase-1-Inhibitor, der die Reparatur von DNA-Doppelstrangbrüchen verhindert und damit den Zelltod auslöst.

Grundlage für die Zulassung sei die internationale randomisierte offene Phase-3-Studie NAPOLI-1 gewesen, so Geißler. Es nahmen 236 Pankreaskarzinom-Patienten mit metastasierter Erkrankung und Progress unter einer Gemcitabin-basierten Therapie im neoadjuvanten, adjuvanten, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Setting teil.

Unter nal-IRI plus 5-FU/Leucovorin (LV) verlängerte sich das Gesamtüberleben gegenüber einer 5-FU/LV-Monotherapie signifikant auf durchschnittlich 6,1 Monate versus 4,2 Monate unter 5-FU/LV (HR: 0,67; p = 0,012 [2]). Mindestens 1 Jahr überlebten 26 % unter nal-IRI+5-FU/LV, aber nur 16 % im Vergleichsarm (3).

Der Überlebensvorteil war unabhängig von der Vortherapie (Gemcitabin-Mono versus Gemcitabin-Kombi (4). In der fitteren Patientengruppe, die per Protokoll behandelt worden war (mindestens 80 % der Dosisintensität in den ersten 6 Wochen) war der Unterschied im Gesamtüberleben mit 8,9 Monaten versus 5,1 Monate (nal-IRI+5-FU/LV vs. 5-FU/LV) noch ausgeprägter.

Verträglichkeit akzeptabel

Die gesamte gesundheitsbezogene Lebensqualität wie auch alle funktionalen Parameter blieben in beiden Studienarmen von Beginn bis Woche 6 und 12 unverändert, nur die körperliche Funktion nahm in beiden Studienarmen geringfügig bis zur Woche 6 ab (5). „Die mit nal-IRI behandelten Teilnehmer waren einen Monat länger als die Vergleichsgruppe ohne Krankheitssymptome und ohne Toxizität, nämlich 3,4 Monate versus 2,4 Monate“, berichtete Geißler. Das sei für diese Patientengruppe ein wertvoller Zugewinn. Für die Behandlungspraxis sei das liposomale Irinotecan ein großer Fortschritt. „Wir haben nun die Chance, das Gesamtüberleben der Patienten bei einer guten Verträglichkeit zu verlängern.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Quelle: Pressegespräch „1 Jahr ONIVYDE: Wie hat sich die Therapie für Patienten mit metastasiertem Pankreaskarzinom verändert?“ Veranstalter: Shire; Jahrestagung 2017 der DGHO in Stuttgart.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0518
oder über QR-Code.

1.
Zentrum für Krebsregisterdaten: Krebs in Deutschland 2011/2012. 10. Ausgabe, 2015. http://daebl.de/YM82 (Letzter Zugriff am 23. Januar 2018).
2.
Wang-Gillam A, et al.: Lancet 2016; 387: 545–57 CrossRef
3.
Chen LT, et al.: ESMO 2016, Abstr. 622PD.
4.
Chen LT, et al.: ASCO GI 2017; Abstr. 3707ESMO 2016, Abstr. 3707.
5.
Hubner R, et al.: ESMO WCGC 2016, Vortrag/Abstr. O-004.
1. Zentrum für Krebsregisterdaten: Krebs in Deutschland 2011/2012. 10. Ausgabe, 2015. http://daebl.de/YM82 (Letzter Zugriff am 23. Januar 2018).
2. Wang-Gillam A, et al.: Lancet 2016; 387: 545–57 CrossRef
3. Chen LT, et al.: ESMO 2016, Abstr. 622PD.
4. Chen LT, et al.: ASCO GI 2017; Abstr. 3707ESMO 2016, Abstr. 3707.
5. Hubner R, et al.: ESMO WCGC 2016, Vortrag/Abstr. O-004.

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