ArchivDeutsches Ärzteblatt43/1999Mißbrauch von Ketamin: Neue Modesubstanz der Szene

POLITIK: Medizinreport

Mißbrauch von Ketamin: Neue Modesubstanz der Szene

Dtsch Arztebl 1999; 96(43): A-2724 / B-2319 / C-1997

Heinz, Thomas W.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Konsumenten streben nach Halluzinationen, die mit Gefühlen der Ich-Entgrenzung und Ich-
Auflösung verbunden sein können.


Seit einiger Zeit ist Ketamin in den USA und Großbritannien als weitere Modedroge - neben MDMA1 und GHB2 - in der von Experimentierlust geprägten Drogenszene verbreitet. Die amerikanische Drogenbehörde warnt bereits seit einiger Zeit vor dem stetig steigenden Mißbrauch. Auch in Deutschland zeichnet sich eine solche Entwicklung ab.
Die eigentlich als Narkosemittel eingesetzte Substanz3 ist seit 1963 bekannt und wird primär in der Notfallmedizin als Analgetikum, Narkotikum und in der Behandlung des Status asthmaticus eingesetzt. Strukturelle Ähnlichkeiten gibt es zu Phencyclidin (PCP), das in der Drogenszene ebenfalls als halluzinogen wirkende Substanz konsumiert wird und als "Angel Dust" vornehmlich in den USA zu trauriger Berühmtheit gekommen ist.
Ketamin - in der Szene-Sprache unter anderem Special-K, Kate oder Vitamin-K genannt - ist wegen seiner medizinisch unerwünschten Nebenwirkungen in der Abklingphase der eigentlichen Wirkung für die Drogenszene interessant geworden. Es kann in dieser Postnarkose-Phase zu Halluzinationen mit ausgeprägter Formen- und Farbenvielfalt kommen, die verbunden sein können mit Gefühlen der Ich-Entgrenzung und IchAuflösung. Gerade diese Wirkung hat den Anstoß zu sogenannten Flatliner-Parties gegeben, die es angeblich auch während der letzten Love Parade in Berlin gegeben haben soll. Hier werden durch die Einnahme von Ketamin Nah-Tod-Erfahrungen induziert; das heißt, die Konsumenten versetzen sich in Zustände, die dem Sterben nicht unähnlich sein sollen. Beschrieben werden unter anderem folgende Erfahrungsstufen:
- Losgelöstsein vom Körper
- Gehen durch einen Tunnel
- Wahrnehmen einer Lichtquelle
- Eintreten in das Licht
- Empfindung tiefen Friedens. Vernachlässigt werden dabei jedoch die erheblichen Risiken, durch einen ketaminbedingten Atemstillstand den Weg aus dem Hades nicht mehr zurückzufinden. Ketamin wird zumeist als Racemat hergestellt und vertrieben, wobei die Mischung der zwei Enantiomere auch die oben genannten Nebenwirkungen mitbedingt. Das (teurere) Präparat Ketanest S® besteht primär aus dem Enantiomer, das die medizinisch unerwünschten Nebenwirkungen nicht hervorruft. Ketamin setzt an verschiedenen Punkten des Nervensystems an; es ist ein Up-take-Hemmer von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin und wirkt analgetisch, anästhetisch, sympatho- und parasympathomimetisch. Neben Einflüssen auf adrenerge, dopaminerge und cholinerge Systeme spielen auch NMDA4 eine wichtige Rolle bei der Ketaminwirkung. Diese Rezeptoren sind für die Wirksamkeit verschiedener Arzneimittel (Lachgas) und auch Drogen (PCP, Alkohol) bedeutsam.
Die Wirkung nach i.v.-Gabe einer medizinischen Dosis (zum Beispiel in der Anästhesie: 4 bis 8 mg/kg KG) kann innerhalb von 45 bis 60 Sekunden einsetzen. Zunächst stellt sich Analgesie ein, die dosisabhängig von etwa zehnminütigem Koma begleitet wird. In der Folge kann sich eine zirka 30minütige Phase der verminderten Schmerzempfindlichkeit und Somnolenz anschließen. Protektive Reflexe (zum Beispiel PharyngealLaryngealreflex, Lid-, Schluck-, Hustenreflex) sind in dieser Phase erhalten. In der Aufwachphase können sich zum Teil intensive Wahrnehmungsverzerrungen und optische Halluzinationen einstellen. Es finden sich - ohne adäquate Begleitmedikation - Zeichen der zerebralen Vasodilatation, des gesteigerten zerebralen Stoffwechsels und des erhöhten intrakraniellen Drucks.
Als Droge wird Ketamin in gelöster oder in kristalliner Form konsumiert: intravenös, intramuskulär, beziehungsweise transnasal oder oral. Die Substanz stammt entweder aus Apotheken- und Praxiseinbrüchen (bevorzugt bei Veterinärmedizinern) oder aus illegaler Produktion. Die Wirkungsintensität hängt von der Darreichungsform und der Konzentration ab, zumeist tritt die Wirkung innerhalb von Minuten ein, erreicht nach zirka 15 Minuten sein Maximum und dauert zumeist ein bis zwei Stunden an. Ketamin ist in Deutschland als verschreibungspflichtiges und verkehrsfähiges Arzneimittel eingestuft und unterliegt zur Zeit nicht den Auflagen des Betäubungsmittelgesetzes. In Tierversuchen konnte eine Schädigung von unreifem ZNS-Gewebe durch Ketamin nachgewiesen werden. Hier sind vor allem die NMDA-Rezeptor-assoziierten Regionen betroffen. Diese werden durch Ketamin in ihrer Funktion als Glutamat-Andockstellen blockiert, was den Untergang der Hirnzellen dieser Areale zur Folge haben kann. Die Übertragbarkeit dieser tierexperimentellen Ergebnisse auf den Menschen wird zur Zeit diskutiert. Auf die nicht unerheblichen Gefahren einer Abhängigkeitsentwicklung bei fortgesetztem Mißbrauch von Ketamin sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. Bei Überdosierungen mit Ketamin steht die Atemsuppression im Vordergrund. Die Ausprägung dieser Wirkung auf das Atemzentrum hängt von der Art der Applizierung ab und auch von dem eventuellen - in der "Szene" leider weitverbreiteten - Hang zum Mischkonsum anderer zentralnervös wirkender Substanzen. Der i.v.-Konsum von Ketamin kann dosisabhängig zu sofortigem Atemstillstand führen, bei i.m.-Applizierung stellt sich die Wirkung weniger rasch ein, bei dem Schnupfen der Ketaminkristalle flutet die Wirkung relativ langsam an. Als weitere Symptome einer Ketamin-Intoxikation können sich unter anderem einstellen: Hypertonie, Tachykardie, Hypersalivation, Angst/Panik-Zustände, psychotiforme Zustände mit Halluzinationen, Hirndrucksteigerung. Eine Mischintoxikation kann zu einem unkontrollierbaren Verlauf mit Atemstillstand führen. Ein direktes Antidot für die Ketaminwirkung steht nicht zur Verfügung, so daß die Behandlung symptomorientiert erfolgen muß. Notfallmaßnahmen, wie die Freihaltung der Atemwege, falls nötig Intubation und unterstützte Beatmung, sind zu ergreifen. Falls situativ angemessen, kann die weitere Resorption von oral aufgenommenem Ketamin durch Emetika und Kohlegabe (mindestens 1 g/kg KG) verlangsamt werden. Bei hypertensiven Krisen ist die Gabe eines kurz wirkenden Betablockers anzuraten. Die Angst/Panik-Zustände können im Bedarfsfall mit Benzodiazepinen koupiert werden. Dr. Thomas W. Heinz


Nah-Tod-Erfahrungen sind der "Kick", den Ketamin dem Konsumenten vermitteln soll. Foto: Superbild

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema