THEMEN DER ZEIT

Medizingeschichte: Der tötende Handgriff von Grafeneck

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): A-190 / B-166 / C-166

Renkenberger, Veronika

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Lange waren die 10 654 Toten von Grafeneck anonym: In dem Ort auf der Schwäbischen Alb wurden unheilbar Kranke und Behinderte zwischen 1940 und 1941 ermordet. Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg erinnert nun mit einer Gedenktafel an die Verbrechen, die von Ärzten begangen wurden.

Die Gedenkstätte in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb: Hier wurden Menschen planvoll und systematisch umgebracht. Fotos: dpa
Die Gedenkstätte in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb: Hier wurden Menschen planvoll und systematisch umgebracht. Fotos: dpa

Exakt an der Stelle, an der wir jetzt sitzen, sind 1940 über 10 000 Menschen getötet worden.“ Es war eine besondere Vorstandssitzung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg: Am 18. Januar trafen sich knapp 40 Teilnehmer in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. An jenem Ort, wo die Nationalsozialisten planvoll und systematisch Menschen mit Behinderung ermorden ließen – sie starben, weil Ärzte sie dafür ausgesucht hatten und weil andere Ärzte den Gashahn öffneten.

Am 18. Januar 1940 wurde in Grafeneck das erste Mal getötet. Genau 78 Jahre später enthüllte die Kammer dort in der Abenddämmerung eine Gedenktafel. „Wir verneigen uns vor den Opfern der Tötungsanstalt Grafeneck. Wir bekennen uns zur Schuld der Ärzte an diesem Verbrechen. Wir mahnen, niemals wieder menschliches Leben für unwert zu erachten.“ Die Gedenktafel ist Teil einer Auseinandersetzung der baden-württembergischen Lan­des­ärz­te­kam­mer mit ihrer Vergangenheit (siehe Kasten).

Welche Schlüsselrollen Ärzte beim vieltausendfachen Mord übernommen hatten, machte Thomas Stöckle deutlich, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck: Ärzte als Täter saßen in Institutionen auf Reichsebene und betrieben Planung und Selektion. Ärzte als Täter identifizierte er auch auf Länderebene, sie verantworteten Konzentration und Deportation. In Vernichtungszentren oblag Ärzten das konkrete Morden: der tötende Handgriff, das Einleiten des Gases.

Ein Standort von „T4“

Bekannt wurde dieses Töten als „Euthanasie“ und unter dem Namen „T4“, nach der Planungszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4. Historikern gilt „T4“ als Beginn des „industrialisierten Mordens“ im Nationalsozialismus und als Vorläufer des 1941 beginnenden Holocausts. Etliche an „T4“ Beteiligte töteten später in Konzentrationslagern. Nach Kriegsende wurden bei den Nürnberger Ärzteprozessen führende Ärzte eines „arbeitsteiligen Großverbrechens“ angeklagt, das Militärtribunal sprach sieben Todesurteile (siehe DÄ 33–34/ 2017).

Ein Buch mit den Namen der Toten: Lange Zeit anonym werden hier die Namen der Toten gesammelt. 800 fehlen noch.
Ein Buch mit den Namen der Toten: Lange Zeit anonym werden hier die Namen der Toten gesammelt. 800 fehlen noch.

Stöckle berichtete den Ärztekammervertretern über „T4“ in Grafeneck. Im Oktober 1939 beauftragte Hitler zwei Verantwortliche damit, „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Dies war weder Gesetz noch formeller Erlass, machte Stöckle deutlich. Trotzdem wurde der Auftrag binnen Wochen in die Wege geleitet und umgesetzt.

„Für Verbrechen dieser Dimension braucht es Behörden“, schilderte Stöckle. Ende 1939 wurden von den Landesinnenministerien Meldebögen an alle Heil- und Pflegeanstalten verschickt. Die Bögen zeigen, was zählte: Abgefragt wurden Diagnosen, Arbeitsfähigkeit, Kostenträger und ob der Patient regelmäßig Besuch erhielt. Gemeldet werden sollten zudem alle „kriminellen Geisteskranken“, alle Nichtdeutschen und Juden. In vielen Einrichtungen füllten Ärzte diese Bögen aus. Auch der nächste Schritt lag in den Händen der Ärzteschaft: Mediziner in Berlin sichteten die Bögen und entschieden, indem sie ein Plus oder Minus eintrugen, über Leben und Tod.

Abgeschiedene Tötungsstätte

Man wählte als Standort Grafeneck, unweit von Münsingen, einst Jagdschlösschen und fürstliche Sommerresidenz im Grünen. Die „T4“-Organisatoren ließen es 1939 räumen und binnen Wochen umrüsten. Die Gaskammer richteten sie in einer Remise ein. Am 18. Januar 1940 startete erstmals ein grau lackierter Bus und holte 25 männliche Patienten ab, sie starben noch am selben Tag. Ein knappes Jahr später endete das Töten in Grafeneck. Das Einzugsgebiet galt als „erschöpft“, es gab keinen „Nachschub“ mehr. Die Täter hatten ihr „Plansoll“ übererfüllt, so Stöckle: Statt der angedachten 20 Prozent der „Anstaltspopulation“ hatten sie in ihrer Region etwa 50 Prozent der Patienten ins Gas geschickt.

Grafeneck war der erste von sechs „T4“-Standorten. Insgesamt wurden bei „T4“ 1940 bis 1941 etwa 70 000 Menschen ermordet – Männer, Frauen, Kinder. Ein Statistiker rechnete damals vor, dass dadurch jährlich 88 Millionen Reichsmark eingespart werden konnten. Weitere 70 000 Patienten starben bis Kriegsende in den Kliniken und Anstalten des Reichs an Medikamenten- und Nahrungsentzug.

Gemeinsam gegen das Vergessen: Landesärztekammerpräsident Ulrich Clever (links) mit dem Leiter der Gedenkstätte Thomas Stöckle. Foto: Oliver Erens, Landesärztekammer Baden-Württemberg
Gemeinsam gegen das Vergessen: Lan­des­ärz­te­kam­merpräsident Ulrich Clever (links) mit dem Leiter der Gedenkstätte Thomas Stöckle. Foto: Oliver Erens, Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg

Die 10 654 Toten von Grafeneck waren lange anonym, nun trägt man ihre Namen zusammen, knapp 800 fehlen noch. Alle Namen werden in ein Buch eingetragen. Aus Stöckles Sicht wichtig: „Die über 10 000 Toten von Grafeneck haben mehrere Hunderttausend lebende Verwandte. Wir bekommen nahezu jede Woche Besuch von Familien auf Spurensuche. Alle schauen zuerst ins Buch, ob ihr Verwandter drinsteht.“ An der Wand des Dokumentationszentrums können die rund 30 000 Besucher pro Jahr künftig auch die Gedenktafel der Lan­des­ärz­te­kam­mer sehen.

„Man musste das als Arzt nicht machen“, sagte Stöckle den Kammervertretern. „Polizisten oder Pflegekräfte wurden für diesen Einsatz abkommandiert. Nicht aber die Ärzte. Von denen war jeder einzelne freiwillig da.“ Ärzte trugen die „Aktion T4“ von Anfang an mit. Schlüsselpositionen waren an Freiwillige vergeben worden.

Dass sich die Lan­des­ärz­te­kam­mer im Südwesten inzwischen intensiv mit der Vergangenheit beschäftigt, ist Präsident Dr. med. Ulrich Clever ein Anliegen: „Es ist mein persönliches Bedürfnis, dass unsere Kammer als verfasste Ärzteschaft dazu etwas sagt.“ Er sei überzeugt, dass eine aktive Auseinandersetzung mit der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus dabei hilft, „heute die Sensibilität für politische Fehlentwicklungen hinsichtlich des Wertes jedes menschlichen Lebens zu erhöhen“.

Reutlingens Landrat Thomas Reumann, bis Ende 2017 auch Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, würdigte das Engagement: „Ich spreche Ihnen meinen ausdrücklichen Respekt aus, dass Sie heute hier ein ganz starkes Zeichen setzen.“ Gerade weil derzeit gesellschaftlich etwas zu verrutschen drohe, in mehreren Landtagen rassistische Bemerkungen salonfähig würden, sei es wichtig, „dass wir Demokraten uns klar bekennen“.

Die Frage nach dem Warum

Clever verwies darauf, dass es 1940 Ärzte sein mussten, die den Gashahn öffneten und auch den Verlauf prüften – also zusahen, wie Menschen qualvoll starben. „Warum? Rechneten die Planer mit weniger Widerstand, wenn dort jemand mit der Reputation eines Arztes stand?“ Gedenkstättenleiter Stöckle verwies auf eine damalige Verschiebung des Begriffs „Heilen“ – nicht mehr ein einzelner Patient, sondern „die Volksgemeinschaft“ sollte so geheilt werden, auch um den Preis der Vernichtung des Einzelnen.

Auch der Tübinger Professor Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Leiter des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin, arbeitete heraus: Entscheidend war, dass sich Ärzte nicht mehr für den Einzelnen, sondern für eine Gruppe, hier „das Volk“, verantwortlich fühlten. Das Handeln im Rahmen von „T4“ sei dadurch vergleichbar geworden mit „einem Chirurgen, der eine Eiterbeule herausschneidet“. Vor diesem Hintergrund sei später das Genfer Ärztegelöbnis so formuliert worden, dass es um den Patienten geht, im Singular. Die ärztliche Verantwortung bestehe somit immer für das Individuum. Veronika Renkenberger

Aufarbeitung der Geschichte in der Lan­des­ärz­te­kam­mer

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg mit Kammerpräsident Dr. med. Ulrich Clever beschäftigt sich intensiv mit der Rolle und der Schuld der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. In ihrer laufenden Amtsperiode hat die Kammer einen Arbeitskreis „Ethik und Geschichte der Medizin“ eingesetzt, der auf seiner Spurensuche bereits das ehemalige Vernichtungslager Struthof und die Psychiatrie Kehl-Kork besuchte. Im Herbst 2017 war die Kammer Mitveranstalter eines Studientags in Stuttgart zum 70. Jahrestag der Nürnberger Ärzteprozesse. Nun soll ein wissenschaftliches Forschungsprojekt die Kammerhistorie zwischen 1920 und 1960 aufarbeiten – also auch die ideologischen Entwicklungen im Vorfeld sowie den Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit.

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