ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2018Online-Videosprechstunde: Erprobtes Werkzeug

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Online-Videosprechstunde: Erprobtes Werkzeug

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): A-212 / B-184 / C-184

Krüger-Brand, Heike E.

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Seit April 2017 können Vertragsärzte ihren Patienten Videosprechstunden anbieten. Die telemedizinisch gestützte Betreuung kann den Alltag für Arzt und Patient erheblich vereinfachen. Dennoch ist sie noch kein Selbstläufer.

Ein Selbstläufer ist die Videosprechstunde noch nicht – trotz vieler Vorteile. Vor allem die Vergütung steht in der Kritik. Foto: agenturfotografin/stock.adobe.com
Ein Selbstläufer ist die Videosprechstunde noch nicht – trotz vieler Vorteile. Vor allem die Vergütung steht in der Kritik. Foto: agenturfotografin/stock.adobe.com

Gerade bei langen Anfahrtswegen zur Arztpraxis oder nach Operationen können telemedizinische Dienste wie die Videosprechstunde sinnvoll sein. Ärztinnen und Ärzte können ihren Patientinnen und Patienten die weitere Behandlung am Bildschirm erläutern oder den Heilungsprozess einer chronischen Wunde begutachten. Patienten müssen nicht für jeden Termin in die Praxis kommen.

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Das Ärztenetz MuM – Medizin und Mehr eG in Bünde hat sich daher schon seit 2014 mit der Entwicklung der Videosprechstunde befasst, berichtete Dr. med. Hans-Jürgen Beckmann, Facharzt für Chirurgie und Vorstand des Ärztenetzes beim PLATIN-Kongress in Berlin. Aus dem Ärztenetz heraus habe man vor einigen Jahren ein Softwareunternehmen gegründet, das auch die elektronische Videosprechstunde („elVi“) entwickelt hat. Inzwischen sei das System „nicht mehr nice to have, sondern ein erprobtes Werkzeug“, das derzeit von etwa 200 Professionals in verschiedenen Regionen genutzt werde, betonte Beckmann.

Aus Sicht des Ärztenetzes können Videosprechstunden künftig dazu beitragen, die ärztliche und pflegerische Versorgung sicherzustellen, vorhandene Engpässe zu mildern und die Qualität und Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. „Die Behandlungsprozesse müssen auch zeitlich optimiert werden. Wir müssen zum Beispiel mögliche Komplikationen durch schnellere Entscheidungen verringern“, erklärte der Chirurg. Videosprechstunden sollten hingegen nicht die unkontrollierte Inanspruchnahme ärztlicher Expertise fördern, meinte Beckmann. Sie dürften zudem nicht zu einer Qualitätsminderung beitragen oder gar die persönliche Betreuung ersetzen.

Spezifische Anforderungen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband haben Ende 2016 Anforderungen an die Televisite formuliert. Dazu zählen etwa die freiwillige Teilnahme, die erforderliche Anbieterzertifizierung, der Verzicht auf die Notwendigkeit eines Accounts für Patienten und die kostenfreie Kontaktaufnahme.

ElVi beispielsweise ermöglicht die Kommunikation zwischen beliebig vielen Teilnehmern. Eine Limitation bestehe allenfalls durch das langsame deutsche Internet, so Beckmann. HD-Videokommunikation und einfache Bedienung seien wichtig. Weil ElVi eine webbasierte Anwendung ist, funktioniert sie ohne Download und Installation. Die Nutzer melden sich mit einem Zugangscode auf der Webseite an. Befunde und Dokumente lassen sich über die Anwendung auf Knopfdruck hochladen und teilen – auf Basis einer sicheren Peer-to-Peer-Kommunikation. „Wir können Vitalparameter erfassen, es gibt Schnittstellen zu Mini-EKGs, wir können im Chat kommunizieren“, erläuterte Beckmann. Zudem sei die Anwendung auf jedem Smartphone nutzbar. Die Oberfläche der Anwendung ist dabei zweigeteilt: Die Fachkräfte arbeiten mit einer komplexeren Oberfläche als die Patienten. Letztere können sich mit einem PIN-Code, den sie von ihrem Arzt erhalten haben, anmelden und befinden sich anschließend im elektronischen Wartezimmer.

Das System ist von der KBV zugelassen, wie inzwischen fünf weitere Systeme (Doktor-Online.org, Doccura, www.viomedi.de, Patientus, www.xpertyme.com). Für die einfache Nutzung von „elVi“ auf mobilen Endgeräten wurde zusätzlich eine App entwickelt, die zum Beispiel den Medikationsplan und eine Terminfunktion enthält.

Integrierte Evaluation

Eine Besonderheit bei ElVi ist zudem die Evaluationssoftware, um den Nutzen der Televisite zu belegen. So kann etwa in einem derzeit laufenden Förderprojekt in Pflegeheimen bei MuM der Arzt eine Visite nur beenden, nachdem er einen Fragebogen online ausgefüllt und versandt hat. Das im Juni 2016 gestartete Projekt in der Region Osnabrück, Bad Oeynhausen, Bünde hat bis September 2017 936 evaluierte Visiten durchgeführt. Beteiligt sind 14 Praxen und 13 Senioreneinrichtungen. Nicht alle Heime der Region machen mit, es gibt Beckmann zufolge durchaus Berührungsängste. Die durchschnittliche Visitenzeit betrug 5,29 Minuten. Die meisten Visiten fanden mittags und organisiert statt. Ein großer Teil betraf die Medikation und die Kontrolle chronischer Wunden.

Bereits jetzt zeichnen sich Beckmann zufolge messbare Kosteneinsparungen ab. Bei der Wundkontrolle seien bis Juli 25 000 Euro an Transportkosten eingespart worden, ebenso 624 Pflegestunden, die nur für die Begleitung etwa von Demenzpatienten nötig wären, sowie viele Arztstunden. Beckmann vermutet auch weniger Krankenhauseinweisungen. Hier soll die endgültige Evaluation Mitte 2019 konkrete Zahlen liefern. Vor diesem Hintergrund haben die KV Westfalen-Lippe und die AOK Nordwest den weiteren Rollout in acht Regionen in Westfalen-Lippe und zwei Regionen in Schleswig-Holstein beschlossen.

Ein weiteres Projekt ist telnet.nrw.de, in dem zwei Arztnetze in Köln und Bünde, mehrere Krankenhäuser und die Unikliniken Münster und Aachen über ElVi verbunden sind. Ziel ist der Aufbau eines telemedizinischen Netzwerks in der Infektiologie und der Intensivmedizin.

Die Videosprechstunde ist aber noch kein Selbstläufer. Für die ärztliche Akzeptanz müsse viel persönliche Überzeugungsarbeit geleistet werden, so Beckmann. Weiche Faktoren seien wesentlich für den Erfolg. Die Implementierung sei aufwendig und erfordere Schulungen.

Ein weiterer Grund für die schleppende Verbreitung der telemedizinischen Anwendung ist die aus Sicht vieler Ärzte unzureichende Vergütung. Sie werde dazu führen, dass dem Großteil der Patienten eine Videosprechstunde vorenthalten bleibe, kritisierte etwa der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands. „Die EBM-Ziffern für die Videosprechstunde werden mit lediglich 4,21 Euro für die Technik und 9,27 Euro für den Patientenkontakt vergütet – aber nur, wenn im gleichen Quartal kein Patientenkontakt stattgefunden hat und der Patient in den beiden Vorquartalen in der Praxis war. Beide Ziffern sind zudem auf 800 Euro pro Jahr begrenzt. Müsste der Patient trotz Videostunde in die Praxis einbestellt werden, können Ärzte die vorausgegangene Videosprechstunde nicht abrechnen“, bemängelte auch Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Ausnahmeregel zur Vergütung

Zu dieser Regelung gibt es jedoch auch Ausnahmen: Laut KBV kann für einige Gebührenordnungspositionen, die mindestens drei persönliche Arzt-Patienten-Kontakte im Behandlungsfall voraussetzen, einer dieser Kontakte auch im Rahmen einer Videosprechstunde stattfinden. Dies gilt etwa für die Behandlung von Wunden, eines Dekubitus und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates (Kasten).

Im Zuge der telemedizinischen Entwicklung haben die Dermatologen als erste medizinische Fachgruppe gemeinsam mit den österreichischen und schweizerischen Fachgesellschaften und Selbsthilfeorganisationen eine Leitlinie veröffentlicht, wie Telemedizin in der Dermatologie rechtlich, ethisch und medizinisch sicher umgesetzt werden sollte. Heike E. Krüger-Brand

Kurzüberblick

Technische Voraussetzungen:

  • Der Arzt wählt einen zertifizierten Videodienstanbieter aus. Dieser muss gewährleisten, dass die Videosprechstunde während der Übertragung Ende-zu-Ende verschlüsselt ist.
  • Arzt und Patient benötigen einen Bildschirm mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher sowie eine Internetverbindung.
  • Der Patient muss in die Teilnahme einwilligen.
  • Die Videosprechstunde muss vertraulich und störungsfrei verlaufen. Sie darf nicht aufgezeichnet werden, auch nicht vom Patienten. Sie muss zudem frei von Werbung sein.

Fachliche Voraussetzungen:

  • Videosprechstunden dürfen nur von bestimmten Arztgruppen und für bestimmte Indikationen eingesetzt werden. Dazu zählen Hausärzte, Kinder- und Jugendärzte sowie bestimmte Fachgruppen wie Orthopäden, Gynäkologen oder Dermatologen.
  • Zu den Indikationen zählen zum Beispiel die visuelle Verlaufskontrolle von Operationswunden, Bewegungseinschränkungen und -störungen des Stütz- und Bewegungsapparates sowie die Kontrolle von Dermatosen.

Abrechnung:

  • Arztpraxen erhalten für jede Videosprechstunde einen Technikzuschlag von 4,21 Euro (GOP 01450, Bewertung: 40 Punkte). Dieser wird für bis zu 50 Videosprechstunden im Quartal gezahlt.
  • Konsultation: Für Fälle, bei denen der Patient in einem Quartal nicht die Praxis aufsucht, rechnen Ärzte die neue GOP 01439 (9,27 Euro, Bewertung 88 Punkte) ab.

Informationen auf der KBV-Webseite: http://daebl.de/RD71

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