ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2018SPD-Forderungen: Thema verfehlt

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SPD-Forderungen: Thema verfehlt

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): A-171

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Gesundheit ist das höchste Gut, heißt es landläufig. Deshalb ist es zunächst positiv, dass die SPD die Gesundheitsversorgung zu einem Kernthema für die Koalitionsverhandlungen gemacht hat. Ansätze und Forderungen für ein besseres Gesundheitswesen gibt es zuhauf. Die SPD hat allerdings nach der Bundestagswahl erneut die ideologische Karte gezogen und pocht wieder auf die Abschaffung der vermeintlichen Zweiklassenmedizin. Lange Wartezeiten und schlechtere Behandlungsqualität der gesetzlich Versicherten werden von den Sozialdemokraten ins Feld geführt, Belege dafür weniger. Die Lösung heißt auch nicht mehr Bürgerversicherung, sondern eine gerechte Honorarordnung der Vertragsärzte (siehe Seiten 181, 183). Sein Konzept dafür verrät SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der zusammen mit der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, die Verhandlungen zum Thema Gesundheit führt, aber nicht. Ein gut funktionierendes, aber äußerst komplexes System nachhaltig zu verbessern, ist in der Realität offensichtlich schwieriger als den Slogan der Zweiklassenmedizin in die Medien zu bringen. Auch die Union laviert herum: Sie will die SPD mit einer Verbesserung der Vermittlung von Arztterminen ködern.

Dabei haben Union und SPD die wichtigen Probleme im Gesundheitswesen im Sondierungspapier genannt: Fachkräftemangel, die Sicherung der flächendeckenden medizinischen Versorgung sowie die Notfallversorgung. Wie wichtig diese Punkte sind, verdeutlicht die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) „Gesundheit auf einen Blick“ vom November 2017. Kritisiert werden dort eine zu hohe Krankenhaus- und Bettendichte, zu viele Eingriffe im Krankenhaus, die auch ambulant erledigt werden könnten. Zudem eine ungleiche Verteilung in der medizinischen Versorgung und ein eklatanter Personalmangel in der Altenpflege. (5,1 gegenüber zwölf Beschäftigten je 100 Personen in Schweden).

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Warum eine einheitliche Honorarordnung diese Probleme lösen soll, ist schwerlich nachvollziehbar. Beispiel Ärztemangel auf dem Land: Wer denkt, dass er nur mit Honorarsteigerungen Anreize für eine Niederlassung im ländlichen Raum schaffen kann, denkt zu kurz. Selbst eine gute Bezahlung kann Defizite in der öffentlichen Infrastruktur wie fehlende Schulen und einen schlecht ausgebauten Nahverkehr nicht aufwiegen. Diese Strukturdefizite führen insgesamt dazu, das ländliche Regionen ausbluten. Das betrifft Ärzte genauso wie Apotheker, Bäcker oder andere Mittelständler. Hier muss die Politik handeln. Zumal der demografische Wandel diese Situation noch verstärken wird. „Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“, warnte Bundes­ärzte­kammer-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery im vergangenen Jahr bei der Vorstellung der Ärztestatistik. Schon heute sind bundesweit 2 613 Hausarztsitze unbesetzt, berichtet die Rheinische Post. Gute Strukturpolitik ist gefragt.

Der OECD zufolge liegen übrigens die Deutschen bei den gesundheitlichen Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum und Fettleibigkeit über dem Durchschnitt. Das heißt: Bei der Prävention müssen Union und SPD unbedingt nachbessern. Die Wartezeiten – die immer als Beweis für eine Zweiklassenmedizin herhalten – und die Eigenleistungen der Patienten sind dagegen in Deutschland vergleichsweise gering, heißt es im OECD-Bericht. Da kann man der SPD zu ihren Plänen nur sagen: Thema verfehlt.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Dr. Peter Pommer
am Freitag, 23. Februar 2018, 12:32

Altersarmut durch PKV

Meine Rente der Ärzteversorgung wird, wenn ich bis 67 durchhalte, 3300 Euro betragen. Ich arbeite pausenlos seit über 30 Jahren als Arzt.

Derzeit zahlte ich für meine PKV 750 Euro, ständig steigende Tendenz. Wenn ich hochrechne, wird meine Beitrag in 10 Jahren bei mindestens 1000 Euro sein.
Ob aber die Rente in 10 Jahren wirklich so hoch sein wird, sei dahin gestellt.

Selbst wenn, wird die PKV einen zu großen Teil davon auffressen.
Nun habe ich eher überdurchschnittlich verdient. Im Rentenalter werde ich mich stark einschränken müssen und kann meinen bisherigen Lebensstil nicht weiter führen
Kollegen die weniger Rente bekommen, geraten in die Altersarmut und müssen auf Basistarif umstellen. Ich habe pensionierte Kollegen in meiner Ambulanz, denen ich deswegen keine Rechnung stelle. Altersarmut unter Ärzten gibt es wirklich.

All die Kollegen haben ein Leben lang viel Geld in die PKV einbezahlt.
Im Alter bekommen sie nun eine Betreuung schlechter als Sozialhilfeempfänger.

Das ist Betrug der Versicherten durch die PKV.

Gegen diesen Betrug und die Altersarmut privat Krankenversicherter gibt es nur ein Mittel: Auflösung der PKV in eine Bürgerversicherung hinein.


Dr. med. Peter Pommer
Internist und Pneumologe
Fachjournalist DFJV
Gesundheitsredaktion LORA München

Chefarzt der Abteilung für Pneumologie
Fachklinik Allgäu
Peter-Heel-Str. 29
87459 Pfronten

Telefon: 08363 691-211

Telefax: 08363 691-219

E-Mail: peter.pommer@fachklinik-allgaeu.de

www.fachklinik-allgaeu.de
www.dr-peter-pommer.de
www.lora924.de

Mob. 0176/44410960
Mail privat: drpommer@gmx.de
Avatar #736261
Dr. Peter Pommer
am Donnerstag, 22. Februar 2018, 10:41

Thema verstanden?


Die Wartezeiten, die mir meine Patienten für einen Termin beim Pneumologen berichten, liegen zwischen selten nur 8 Wochen und bis zu 12 Wochen. Zu lang, wenn man schlecht Luft hat.


Ich bin Mitglied des Ordre des Médecins in Frankreich, weil ich dort in der Vergangenheit gearbeitet und meinen Zweitwohnsitz dort habe. Dort gibt es die gleichen strukturellen Probleme wie bei uns, nur in geringeren Ausmaß: Die Wartezeiten zum Facharzttermin sind geringer, der Ärztemangel auf dem Lande ist nicht so schlimm.


Die Ursache ist einfach, auch wenn uns die Versicherungskonzerne und deren Lobby aus gut nachvollziehbarem Grund gebetsmühlenartig, aber wenig überzeugend ständig das Gegenteil erzählen: Die besser Verdienenden zahlen bei uns nicht in das Solidarsystem der GKV an, deshalb ist unser System schlechter finanziert als das französische.


Die Einführung der Bürgerversicherung alleine wird nichts besser machen, da es viele strukturelle Schwächen und Probleme gibt, die gelöst werden müssten. Aber sie ist die finanzielle Grundlage dafür, dass diese Probleme gelöst werden KÖNNEN.


mit freundlichen Grüßen


Dr. med. Peter Pommer

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Dr. med. Peter Pommer
Internist und Pneumologe
Fachjournalist DFJV
Gesundheitsredaktion LORA München

Chefarzt der Abteilung für Pneumologie
Fachklinik Allgäu
Peter-Heel-Str. 29
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Telefon: 08363 691-211
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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 3. Februar 2018, 13:16

Krankheitsbewältigung im ärztlichen Fokus!

Se geht nicht um Gesundheit, sondern um Krankheiten und deren Bewältigungen als ärztliche und gesundheitspolititsche Kernkompetenz. Das müssten sich überwiegend selbsternannte "gesundheits"-politische Laien-Schauspieler jedweder politischen Couleur auf die Fahnen schreiben.

Selbst die WHO betreibt als Welt-"Gesundheits"-Organisation eine "Mission Impossible"! Medien, Öffentlichkeit, Ärzte-Funktionäre, "Gesundheits"- und Gesellschaftspolitiker ticken einfach nicht mehr richtig: Warum ist nie von einem Welt-"Krankheits"-Gipfel statt von einem "World Health Summit", bzw. nie von Ministerien für "Krankheitsbewältigung", "Krankheitsministerien" oder von "Krankheits"- statt Gesundheitskrisen die Rede?

Die Politik fährt einen euphemistisch-beschönigenden Schmusekurs, der die Dramatik unbewältigter globaler Krankheits- und Sozialprobleme verniedlichen oder vertuschen soll. Beim heutigen "Gesundheitshype" kann man ja schon froh sein, dass Rettungswagen (RTW) nicht in "Gesundungs"-Wagen, Notarztwagen (NAW) nicht in "Heiler-Express", Krankenwagen (KTW) nicht in "Gesundheitswagen" umgetauft werden. Oder sollen Rettungs-Hubschrauber (RHS) Einsätze als Helikopter-Flüge etwa mit dem Begriff "Heil-Flüge" statt Heli-Flüge umschrieben werden? Müssen "Rettungsgassen" auf der Autobahn fortan nicht "Gesundheitsgassen" heißen? Oder soll das sogenannte Rendezvous-System zwischen RTW und NAW zum "Gesundheits-Date" hochstilisiert werden? Kliniken und Krankenhäuser zu "Heilerzentren" oder Reanimationen zu "Gesundheits-Energie-Rückgewinnungen" mutieren?

194 Staaten, welche die WHO finanzieren, werden seit Jahrzehnten mit ebenso unverbindlichen wie haltlosen Versprechungen in die Irre geführt: "Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000" der WHO war bereits Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts leitmotivisch weltfremd und eher surreal.

Selbst fach- und sachbezogene Aktivitäten bei Krankheits- und Naturkatastrophen, Seuchen- und Epidemie-Bekämpfungen werden pseudologisch mit Gesundheits-Ansprüchen oder Wohlfühl-Versprechungen verbrämt. Kein Staat dieser Welt gibt gerne Geld für Projekte, die nicht entschieden gegen Krankheiten ausgerichtet sind: Nein, wenn es um internationale Unterstützung und Finanzierung von Projekten geht, mit denen alle Arten von Krankheiten, Not, Armut, Elend, Katastrophen oder bio-psycho-soziale Traumatisierungen weltweit bekämpft werden sollen, müssten nicht nur die WHO und ihre regionalen Organisationen endlich einmal Mut zeigen, Farbe bekennen bzw. ihre begrenzten Möglichkeiten dokumentieren: HEALING IMPOSSIBLE!

Ein permanenter Gesundheits-Schmusekurs ist auch bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen zur Neuauflage der GROKO zwischen CDU/SPD/CSU obsolet. Berechtigte Interessen von Patientinnen und Patienten bzw. von vital akut bedrohten Kranken, Gebrechlichen oder chronisch Kranken können nur dann überzeugend gewahrt und vertreten werden, wenn endlich alle Krankheits-Entitäten, Epidemie-, Sozialelends- und Armuts-Gefahren mit ihren eigentlichen Namen benanntwerden.

Alles andere ist krankheitsverleugnendes, die Patienteninteressen nicht ernst nehmendes Gesundbeten bzw. gesundheitsduselige Augenwischerei.

Unsere ärztliche, pflegerische und betreuende Professionalität, Empathie, Arbeits- und Bewältigungsanstrengung zur Einschätzung, Untersuchung, Diagnostik, Therapie, Pflege und Palliation bei Krankheiten, deren Bekämpfung Behandlung , Bewältigung und Prävention müssen in den Fokus rücken. Nicht umsonst hat sich die WHO aktuell mit einer kleinen Kurskorrektur: "fighting global diseases for better living" zurückgemeldet, um bei globale Krankheiten für ein besseres Leben kämpfen zu wollen.

Mf+kG,, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund