ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2018Von schräg unten: Bürgerversicherung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Bürgerversicherung

Dtsch Arztebl 2018; 115(5): [76]

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir können zu Recht stolz darauf sein: Wir bieten mit die beste, fortschrittlichste und aktuellste Medizin auf der ganzen Welt! Egal ob neueste technische, pharmazeutische oder wissenschaftliche Erkenntnisse: Wir sind die Speerspitze! Wir scheuen keine Herausforderung, egal ob viraler, bakterieller oder diagnostischer Natur!

Daher brauchen wir auch keine Angst vor einer ganz neuen Endemie zu haben, die weder neoplastischer noch infektiöser Natur ist: der drohenden Bürgerversicherung. Die privaten Kran­ken­ver­siche­rungen gehören abgeschafft! So wollen es unsere Spezialdemokraten, weg mit dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit der Zweiklassenmedizin: Vor Geschwüren, Infektionen und Rhythmusstörungen haben alle gleich zu sein! So fordern es unsere Egaldemokraten, und in der Tat, dies hat gute Gründe: Privat Versicherte können anhand der Honorarrechnungen immer sehen, welche Leistungen erbracht worden sind, wie teuer die Maßnahmen zur Erhaltung der Gesundheit sind. Gesetzlich Versicherte jedoch hadern mit ihrem Status, denn sie misstrauen uns Ärzten zutiefst, ob wir ihnen wirklich die teuersten Medikamente zukommen lassen, die aufwendigsten Maßnahmen veranlassen, denn: Sie brauchen ja nur die Karte zu überreichen.

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Aber wo gibt es das schon, das Beste und Teuerste auf Karte? Unsere betagteren Patienten haben noch die praktische Erfahrung gemacht, dass es auf Karte kein Fünf-Gänge-Menü vom Sternekoch gibt. Sondern eher Notration, was wiederum den Neid auf privat Versicherte lenkt. Gleiche Not für alle! Propagieren unsere Moraldemokraten und übersehen geflissentlich, dass GKV-Versicherte von dem fein austarierten System der Versicherungsmodelle profitieren: Praxen und Krankenhäuser können über die Querfinanzierung erst sicherstellen, dass alle, wirklich alle in den Genuss modernster Medizin kommen. Aber damit wird jetzt Schluss sein!

Ich selbst, der liederlicherweise seinen Gerätepark auch querfinanziert hat, werde mich auf die kommenden modernsten Zeiten jetzt schon einstellen, darf an der schönen neuen Versichertenwelt mitwirken! Glücksgefühle durchströmen mich gleich einer Serotonin-Bolusinjektion, denn ich gehe in den Keller und entstaube mein antikes Ultraschallgerät, dass der Händler letztes Jahrtausend nicht in Zahlung nehmen wollte. Gut, das Bild ist pixelig, die Farbe schon ausgelaufen, der Doppler unscharf, aber was reanimiert man nicht alles, um unseren Maximaldemokraten Freude zu bereiten. Ja, so sieht die Zukunft aus, verschwommen und erratisch! Es gibt zwar über elf Prozent privat Versicherte, auch unzählige privat Zusatzversicherte in unserem schönen Land, die wahrscheinlich nicht erbaut sein werden; auch die haben eine Wählerstimme, aber das interessiert unsere Universaldemokraten nicht, Gleichheit geht vor, da wollen sie Speerspitze sein! Aber das ist ja das Dilemma bei den Speeren: Wenn man nicht genau zielt, kann man sich damit das eigene Kniegelenk perforieren. Dann könnten unsere Spezialdemokraten zum traurigen Behandlungsfall werden: zu Marginaldemokraten, die einer breiten Wählerzustimmung hinterherhinken.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck

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